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Fettleibige in Brasilien : Extrabreit für zunehmend mehr Obesos

  • -Aktualisiert am

Für die breite Minderheit: Sitzplatz für Übergewichtige im Maracana-Stadion Bild: Getty Images

Die Spezialsitze für Fettleibige in Brasiliens WM-Stadien zeigen einen gewichtigen Trend an: Fettleibige genießen im öffentlichen Raum die gleichen Privilegien wie Rollstuhlfahrer, Senioren und Schwangere.

          Brasilien ist ein großes Land, und es wird immer größer: Inzwischen ist mehr als die Hälfte der gut 200 Millionen Einwohner des Landes übergewichtig. Besonders erschreckend ist die Zunahme jener, die als fettleibig gelten: Deren Anteil stieg von elf Prozent im Jahre 2006 auf jetzt rund 17 Prozent. Wie alle Schwellenländer zahlt auch Brasilien einen Preis für den Siegeszug der vergangenen Jahre beim Kampf gegen die Massenarmut: Wem es besser geht, der lässt es sich auch besser gehen. Und nimmt zu.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Zu den Besonderheiten der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 im Land von Samba und String-Tanga gehören deshalb neue Sitze in den zwölf Stadien: Einige haben XL-Maße. Vom Weltfußballverband Fifa heißt es zu dieser brasilianischen WM-Innovation: „Die Fifa respektiert stets die örtlichen Gesetze und Regeln, und deshalb werden fettleibige Personen in die Kategorie jener Menschen mit besonderen Bedürfnissen aufgenommen.“ Während die gewöhnlichen Sitze in den neu errichteten oder modernisierten brasilianischen WM-Stadien höchstens 44 Zentimeter breit sind, bieten die Plätze für Menschen mit besonderen Sitzbedürfnissen mindestens 78 Zentimeter Breite.

          Außerdem sind Befestigungen und Material verstärkt. Wer mit einem ärztlichen Attest einen Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 30 nachweisen kann – als normalgewichtig gelten Personen mit einem BMI zwischen 18,5 und 25 –, hat ein Anrecht auf einen fast doppelt breiten Sitzplatz, der aber nur die Hälfte kostet. Dazu kommt ein kostenloser Sitzplatz (normaler Größe) für eine Begleitperson. Gemäß geltenden gesetzlichen Bestimmungen muss in Brasilien bei Großveranstaltungen wie Fußballspielen oder Konzerten ein Prozent der Sitzplätze für Menschen mit besonderen Bedürfnissen zur Verfügung gestellt werden.

          Menschen mit besonderen Bedürfnissen

          Die extrabreiten Sitze in den WM-Stadien sind der Ausfluss eines Trends, der in Brasilien seit mehreren Jahren zu beobachten ist. Zunächst haben Bundesstaaten wie Rio Grande do Sul im Jahre 2005 und São Paulo ein Jahr später Gesetze verabschiedet, die „obesos“ (Fettleibige) in die Kategorie der Menschen mit besonderen Bedürfnissen aufnahmen. Dort wurden seither alle öffentlichen Verkehrsmittel sowie Veranstaltungssäle und Kinos, auch die Wartehallen von Behörden und Banken für die besonderen Bedürfnisse Fettleibiger umgerüstet. Der Bundesstaat Rio de Janeiro verabschiedete 2007 und 2010 noch weiter gehende Gesetze, wonach auch Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen sowie Klassenzimmer und Hörsäle in Schulen und Universitäten jeweils besondere Geräte, Arbeitsmittel und Sitzmöglichkeiten für Fettleibige bereitstellen müssen. Inzwischen gelten auch auf Bundesebene und mithin in allen 27 Teilstaaten vergleichbare Gesetze, die eine bevorzugte Behandlung und eigene Platzkategorien für fettleibige Personen vorschreiben.

          Die brasilianische Gesellschaft scheint es zu akzeptieren, dass Fettleibige als Menschen mit besonderen Bedürfnissen gelten und deshalb im öffentlichen Raum die gleichen Privilegien genießen wie Rollstuhlfahrer, Senioren und Schwangere. In jedem Bus und in jeder U-Bahn in São Paulo gibt es Hinweisschilder auf jene Plätze, die „für Fettleibige, Schwangere, Personen mit Kleinkindern, Senioren und Körperbehinderte“ (in dieser Reihenfolge) reserviert sind: Wer auf einem solchen Platz sitzt, wird angehalten, diesen im Bedarfsfall einer Person mit besonderen Bedürfnissen zur Verfügung zu stellen. In Bussen und Bahnen, auch an Haltestellen und in U-Bahnhöfen gibt es extra breite Sitze, die meistens auch farblich von den normal breiten Sitzen abgehoben sind. In jedem Supermarkt, jedem Postamt, jeder Bank und natürlich bei jeder Behörde gibt es eigene Kassen und Schalter, die für Menschen mit besonderen Bedürfnissen reserviert sind – und „pessoas obesas“ (fettleibige Personen) gehören in aller Regel zu dieser Kategorie. Selbst die Geräte für die Ausgabe von Wartenummern haben zwei Knöpfe: einen für die gewöhnliche Kundschaft, einen zur „bevorzugten Abfertigung“.

          Wer im brasilianischen Alltag übergewichtige oder sichtlich fettleibige Menschen beobachtet, stellt freilich fest, dass die wenigsten von ihrem Privileg Gebrauch machen. An den Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs in São Paulo bleiben die extrabreiten und zudem andersfarbigen Sitze meist leer. In den meist überfüllten Bussen und Bahnen dagegen sind die Sitze für Fettleibige fast immer besetzt – aber selten von Personen, für die sie eigentlich reserviert sind.

          Wer wollte im Alltag die Grenze ziehen zwischen gewöhnlichem Übergewicht und außergewöhnlicher Fettleibigkeit, solange es keinen Pflichteintrag für den aktuellen BMI im Personalausweis gibt? Soll selbst verschuldete Gewichtszunahme durch schlechte Ernährung und falschen Lebenswandel mit einer Vorzugsbehandlung belohnt werden, die jenen Personen vorbehalten bleiben muss, die wirklich darauf angewiesen sind? Und könnten die breiten Sitze zum ermäßigten Preis in den WM-Stadien nicht zum Anreiz dafür werden, mit zusätzlichen Portionen Chips und Bier rechtzeitig zum Halbfinale noch die BMI-Index-Schwelle von 30 zu überwinden? Mit dem Abnehmen könnte man dann gleich nach der Siegesfeier beginnen.

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