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Festivalwoche in Edinburgh : Jahrmarkt der Heiterkeiten

Überall Kunst: Im Kino, Theater oder auf der Straße stellen Künstler ihr Können unter Beweis Bild: Getty

Jeden Sommer wird Edinburgh zur Festival-Metropole der Welt. Dann verdoppelt sich die Einwohnerzahl jeden Tag auf eine Million. Ob professionelle Kunst oder Peinlichkeit - es gibt nichts, dass es nicht gibt.

          Die Royal Mile, Edinburghs autofreie Prachtstraße, ist schon frühmorgens so überfüllt, dass Schlange stehen muss, wer in eine der abfallenden Gassen fliehen will. Alle paar Meter posieren Gaukler oder Musiker, die von Neugierigen umringt sind. Dazwischen drücken kostümierte Künstler und Künstlerfreunde den Festivalbesuchern Werbekarten in die Hand, auf denen die nächsten Termine für die garantiert beste Schau der Welt vermerkt sind. Aus dem Himmel sprüht der Regen, aber unten, in der schottischen Hauptstadt, herrscht kulturelle Jahrmarktstimmung.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten, Edinburgh im August zu bewältigen. Entweder man nimmt sich vor der Reise ein paar Tage Zeit und schneidert sich aus den 50.000 Kulturveranstaltungen ein Programm auf den Leib, das später an den Realitäten scheitern wird. Oder man kommt unvorbereitet, trinkt schon zum Frühstück seinen ersten Whisky und lässt sich willenlos treiben. Dann folgt auf jede Enttäuschung eine Überraschung, und am Abend fällt man mit dem heiter-zwiespältigen Gefühl ins Bett, Höhepunkte verpasst, aber den Geist dieses außergewöhnlichen schottischen Sommers eingesogen zu haben.

          Alles ist überfüllt

          Einen ganzen Monat lang verharren die Edinburgher jedes Jahr im Ausnahmezustand. Kulturministerin Fiona Hyslop beschreibt ihn in einem nüchternen Satz: „In dieser Stadt leben im August doppelt so viele Menschen wie sonst.“ Anders ausgedrückt: Jeden Tag haben es die 500.000 Edinburgher mit 500.000 Festivalgästen zu tun, die sich in den dunklen Gassen, den geschmückten Plätzen, in Kellergewölben, hergerichteten Geräteschuppen, selbst in einem mit Stroh ausgelegten Parkhaus drängen. Alles ist in diesen vier Wochen überfüllt: Taxis, Pubs, Restaurants, Hotels, Privatwohnungen. Man fühlt sich wie auf einer nicht enden wollenden Freiluft-Party, zu der zu viele Gäste eingeladen wurden: verwirrt, dann wieder berauscht und manchmal etwas angestrengt.

          Wer begreifen will, wie Stadt und Geschichte in diesen vier Sommerwochen zu ihrer eigenen Bühne werden, folgt am besten den Spuren, die Sorcha Carey mit ihrem „Edinburgh Art Festival“, dem kleinsten der sechs August-Festivals, gelegt hat. Die Kuratorin beginnt ihre Führung in der Waverley Station, dem vermutlich einzigen Bahnhof der Welt, der nach einem Roman benannt ist. Dort steht seit Anfang des Monats eine Skulptur des schottischen Künstlers Charles Avery: ein bunter Baum aus seinem imaginären Kosmos „The Islanders“. Das ist durchaus ironisch gemeint, der Bahnhof wurde in der Mitte und am tiefsten Punkt der Stadt gebaut, dort, wo bis zu seiner Trockenlegung der Nor-Loch-Fluss durch Edinburgh floss.

          Viele Treppen aufwärts in der Altstadt erwartet den Besucher eine Installation in der Trinity Apsis. Im 16. Jahrhundert stand die Kirche am gegenüberliegenden Ufer des nicht mehr vorhandenen Flusses, dann wurde sie im frühen 19. Jahrhundert ab- und 30 Jahre später auf der anderen Seite wieder aufgebaut. Viele Steine gingen dabei verloren, und so ist ein Gebäude mit gotischen Formen und frühviktorianischer Anmutung entstanden. In diesem zeitlos verlorenen Raum spürt das „Holoturian“ des mexikanischen Künstlers Ariel Guzik mit Unterwasserklängen dem Fluss der Dinge nach. In der Neustadt gegenüber, wo im 19. Jahrhundert das Athen des Nordens entstehen sollte, wird die tempelgleiche Old Royal High School von der Performance-Künstlerin Marvin Gaye Chetwynd bespielt. Sie variiert den Aphrodite-Mythos und nutzt dafür den Raum, der Ende der Siebziger als Plenarsaal eines schottischen Parlaments eingerichtet wurde, das nie dort tagte.

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