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Fernsehtürme : Deutschland, deine Protzstengel

Seit 2005 erstrahlt Stuttgarts Fernsehturm in neuem Glanz Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Fernsehtürme sind nicht einfach nur Fernsehtürme. Vielmehr handelt es sich bei ihnen um eine Mischung aus Religion, Sexualität und Nutzen. Wer den größten hat, erklärt Rüdiger Soldt in seiner Betrachtung der deutschen Protzstengel.

          Die Fernsehbilder der Krönungsfeier der britischen Königin Elisabeth II. waren im Stuttgarter Talkessel schlecht zu empfangen. Viele Stuttgarter beschwerten sich, der Süddeutsche Rundfunk (SDR) musste handeln. Das war im Juni 1953. Damals sollten die Stuttgarter allerdings noch nicht ahnen, dass sie einmal einen, wenn nicht den entscheidenden Beitrag zur deutschen Fernsehturmgeschichte leisten sollten.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Denn hätten damals einige Bürger, die von einem „Schandmal“ oder „Narrenstück“ sprachen, und einige schwäbische Kommunalpolitiker, denen das Vorhaben zu teuer war, recht bekommen, stünde heute auf dem „Hohen Bopser“ im Süden der Stadt nicht der 217 Meter hohe Fernsehturm. Der Stuttgarter Turm wäre dann nicht das Vorbild aller modernen Fernsehtürme geworden. Und vielleicht gäbe es dann auch in Deutschland in jeder größeren Stadt die aus Frankreich bekannten und provisorisch anmutenden Stahlgittertürme.

          Die „schlanke Betonnadel“ übertrumpft jeden Stahlgitterturm

          Der Mann, der die kleinmütigen Schwaben umstimmte, hieß Fritz Leonhardt, ein ehrgeiziger Ingenieur und schon damals bekannter Brückenbauer. Wie die meisten Ingenieure wollte Leonhardt einen Turm, der technisch auf der Höhe der Zeit war. Technisches Vorbild waren die Stahlbetonschornsteine. Stahlgittertürme missfielen Leonhardt aus zwei Gründen: Sie verunstalteten aus seiner Sicht die Städte und waren zudem technisch primitiv, was ja den Ehrgeiz eines Ingenieurs herausfordern musste. In eisigen Wintern brachen manche dieser Stahlgittertürme zusammen. Bei Sturm produzierten sie starke Schwingungen und verhinderten eine störungsfreie Übertragung des Fernsehsignals. Das waren die Kenntnisse, die Leonhardt auf seinen Reisen durch die Vereinigten Staaten gewonnen hatte. In Stuttgart setzte sich Leonhardt schließlich durch. Im Mai 1954 beschloss der SDR, die „schlanke Betonnadel“ zu bauen, im Juni war der erste Spatenstich, im Februar 1956 feierten die Stuttgarter die Einweihung.

          Mit 217 Metern nicht Deutschlands höchster, aber erster Fernsehturm

          Noch heute können Kinder auf der Aussichtsplattform Münzen mit dem Aufdruck „Der 1. der Welt“ pressen. Ein Restaurant gibt es seit einigen Jahren dort oben nicht mehr. Dafür hat man den Blick auf die weite Welt der Schwaben: Man sieht die Cabrios pfeilschnell die Weinsteige herunterfahren, das Mercedes-Stadion im Norden und das Gazi-Stadion am Fuß des Turms. Langsam schieben sich die gelben Straßenbahnwagen durch den Degerlocher Wald. Die Wolken werfen ihre Schatten auf die Untertürkheimer Weinberge. Wer in den Norden schaut, sieht den Odenwald. Wer in den Süden blickt, erkennt die Schwäbische Alb.

          Quintessenz aus Religion, Sexualität und Nutzen

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