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Rassenunruhen stoppen : Ferguson will mehr Schwarze in der Polizei

  • -Aktualisiert am

Friendly Temple Missionary Baptist Church, St. Louis: Bilder Michael Browns flankieren den Sarg bei der Trauerfeier für den erschossenen Achtzehnjährigen Bild: AP

Die Stadt bei St. Louis hat aller Welt gezeigt, dass Rassenunruhen in Amerika nicht der Vergangenheit angehören. Jetzt sinnt das Rathaus auf Abhilfe. Ein größerer Anteil an Schwarzen bei der Polizei soll die Lage verbessern.

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          In Ferguson wird seit Tagen über Zahlen diskutiert. Darüber, wie viele Demonstranten nach den tödlichen Schüssen eines weißen Polizisten auf den schwarzen Jugendlichen Michael Brown Nacht für Nacht auf die Straße gingen, und darüber, wie viele von ihnen aus Ferguson stammten oder aus anderen amerikanischen Bundesstaaten nach Missouri gekommen waren. Seit der New Yorker Gerichtsmediziner Michael Baden im Auftrag der Familie Brown bekanntgab, der unbewaffnete Achtzehnjährige sei von sechs Kugeln getroffen worden, wird auch über die Zahl der Schüsse gerätselt. Warum drückte der Beamte Darren Wilson gleich sechsmal ab, obwohl Baden laut Obduktionsbericht „keinen Beweis für einen Kampf“ finden konnte? Jon Belmar, der Polizeichef des Bezirks St. Louis, hatte nach Browns Tod am 9. August noch mitgeteilt, der Jugendliche habe Wilson angegriffen und mit dem Beamten um dessen Dienstwaffe gerungen.

          Die Zahl, die zwei Wochen nach Ausbruch der Rassenunruhen weiter auf mindestens ebenso viel Unverständnis stößt, hat mit der Hautfarbe des Ferguson Police Department zu tun. Warum sind in einer Stadt, in der fast drei von vier Bewohnern schwarz sind, 50 der 53 Beamten weiß? Nach den Rassenunruhen in Los Angeles, Chicago, Newark und Detroit hatte die von Präsident Lyndon B. Johnson eingesetzte Kerner-Kommission schon Ende der sechziger Jahre gefordert, mehr afroamerikanische Polizisten einzustellen. Schwarze in Uniform, so die Kommission, garantierten eine vorurteilsfreie Durchsetzung von Gesetzen und förderten das Ansehen der Polizei in sogenannten Minderheitenvierteln.

          Als der Bürgerrechtler Martin Luther King Jr. den Kerner-Report damals als „ärztliche Warnung vor dem nahen Tod mit einem Rezept für das Leben“ lobte, war die Welt in Ferguson noch in Ordnung. Die Stadt, Mitte des 19. Jahrhunderts um den Güterbahnhof Ferguson Station herum gebaut, hatte sich in der Wirtschaftsblüte nach dem Zweiten Weltkrieg schnell zu einem Vorort des 13 Kilometer entfernten St. Louis entwickelt, wo Unternehmen wie die Brauerei Anheuser-Busch und der Flugzeugbauer McDonnell Aircraft produzierten. In Ferguson wiesen die Stadtplaner damals ein Neubaugebiet nach dem anderen aus, um den Angestellten abseits der Bürotürme den Traum einer Familienidylle in der Vorstadt zu verwirklichen. Wie in den meisten Regionen der Vereinigten Staaten zog Suburbia mit dem Niedergang der Fertigungsindustrie auch immer mehr Arbeiter an, die auf Jobs und günstige Wohnungen hofften.

          Innerhalb von nur 20 Jahren wurde das Ferguson mit seinen 21000 Bewohnern von einer wohlhabenden weißen Enklave zu einem schwarzen Außenposten von St. Louis mit einer Arbeitslosenquote von etwa 15 Prozent. Während das statistische Bundesamt im Jahr 1990 fast 75 Prozent weiße Bewohner zählte, kehrte sich das Verhältnis bis zum Jahr 2010 um, als fast 70 Prozent der Bevölkerung als „Black or African American“ registriert wurden. Nur jeder vierte Bewohner Fergusons war noch in der Rubrik „White“ zu finden. Die „Weiße Flucht“ traf Ferguson härter als andere Schlafstädte Amerikas. Da sich die Sozialsiedlung Pruitt-Igoe, auf fast 23 Hektar im Norden von St. Louis durch den späteren Star-Architekten Minoru Yamasaki hochgezogen, bald als Fehlplanung erwies, zogen viele der fast 15000 überwiegend schwarzen Bewohner ein paar Meilen weiter. Ferguson wurde schnell zu einem Auffangbecken für Arme, die aus Yamasakis einst als „vertikale Viertel“ gepriesenen Wohntürmen flüchteten. „Die Spannungen, die man früher in Innenstädten fand, kamen in Vororte“, schreibt Norm White, Kriminologe an der Saint Louis University.

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