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FAZ.NET-Spezial: Der Dutroux-Prozeß : „Synonym für alles böse“

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Stoisch: Marc Dutroux. Mit ihm sitzen auf der Anklagebank ... Bild: AP

Wer ist der Mann, der mit seinen Taten ein ganzes Land und das Vertrauen seiner Bürger in ihren Staat erschütterte. Seit dem 1. März steht Marc Dutroux im belgischen Arlon vor Gericht.

          Marc Dutroux - der Name sorgt in Belgien noch heute für Angst und Schrecken. „Er ist Synonym für alles Böse in dieser Welt“, schrieb der Chefredakteur der belgischen Tageszeitung „De Standaard“, Peter Vandermeersch, einst auf der Titelseite. Seit dem 1. März steht Dutroux in Arlon vor Gericht, acht Jahre nach seiner Festnahme. Wo aber kommt der Angeklagte her? Was machte ihn zu dem Menschen, der sechs Mädchen entführt, mißbraucht und vermutlich vier von ihnen ermordet hat?

          Dutroux' Grundschullehrer diktierte einem Reporter des „Standaard“ in den Block: „Ich erinnere mich an ihn als ein gleichgültiges, kaltes Kind ohne Gefühle. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich ihn jemals habe lachen oder weinen sehen.“ Die Ermittler Jean-Pierre Peters und Stéphane Wauquaire durchsuchten Dutroux' Kindheit, um dort die Ursachen für sein Handeln zu finden. Ein Schlüsselerlebnis haben sie nicht finden können. „Es ging langsam bergab“, gaben sie zu Protokoll. „Eine Reihe von Faktoren, die ihn Stück für Stück dazu gebracht haben, sein Vertrauen in die Welt zu verlieren. Am Ende hat er seine eigene Welt geschaffen.“

          Früher Umzug nach Kongo

          Geboren wurde Marc Dutroux am 6. November 1956 im Brüsseler Stadtteil Ixelles als ältester Sohn von Victor Dutroux und Jeannine Lauwens. Die Eltern, beide Lehrer, kannten sich gerade zwei Monate, als Marc gezeugt wurde. Jeannine mußte heiraten, sonst hätte sie ihre Stelle verloren. Die Mutter war bei der Geburt gerade 20, der Vater 28 Jahre alt. Drei Brüder - Pol, Serge und Johan - und eine Schwester, Valérie, folgten. Offenbar unglücklich mit ihrer Situation, zog die Familie in die belgische Kolonie Kongo.

          ... der Geschäftemacher Michel Nihoul, ...

          Vater Victor faßte aber auch dort nicht Fuß. An seiner Schule mehrten sich die Beschwerden besonders von Kolleginnen über sein respektloses Verhalten. Dutroux Senior hatte mehrere Affären und beschuldigte gleichzeitig seine Frau des Ehebruchs. Schließlich verlor er seinen Job und machte dafür die Schulen verantwortlich - eine Charaktereigenschaft, die sein Sohn Marc später übernehmen sollte.

          Autoritärer Vater

          1960 kehrte die Familie nach Belgien zurück und zog in den Ort Obaix. Nachbarin Rose-Marie Brohez erinnerte sich in „De Standaard“: „Victor war immer sehr autoritär, er half nie im Haushalt. Für ihn mußte es immer das Beste sein, für die anderen war alles immer zu gut ... Er aß Süßigkeiten, die Kinder bekamen nichts.“ Schließlich trennten sich die Eltern 1971. Schwester Valérie erinnert sich, daß Marc danach ein Zimmer für sich beanspruchte. Er rückte an die Stelle des Familienoberhaupts, forderte dieselbe Sonderbehandlung wie zuvor sein Vater. Und alle anderen gehorchten.

          Mit 16 Jahren zog Marc aus. Sein Bruder Johan beschrieb ihn später als Diktator. „Er hat immer seinen Willen anderen aufgezwungen. Er war extrem eifersüchtig und egoistisch. Wir waren froh, als er ging.“ Im September 1981 lernte Marc Dutroux im Alter von 25 Jahren die damals 20-jährige Michelle Martin kennen. Sie verliebten sich und heirateten, für Dutroux ist es bereits die zweite Ehe. Mit Martin hat Dutroux drei Kinder. Dennoch gerät der gelernte Elektriker auf die schiefe Bahn.

          Vergewaltigungen und Mißhandlungen

          Der Autohehlerei folgte die sexuelle Mißhandlung mehrerer Mädchen. 1989 erhält er wegen Vergewaltigung von fünf Minderjährigen eine Haftstrafe von 13 Jahren, kommt aber schon nach drei Jahren wegen guter Führung frei. Eine Zeugin erzählte der Polizei damals, daß Dutroux im Keller eines seiner drei Häuser eine Zelle gebaut hat. Nach heutigen Erkenntnissen begannen Dutroux und Martin schon damals damit, Pornovideos zu drehen. Nach der Festnahme Dutroux' stellte die Polizei insgesamt 7600 Videos sicher, meist kommerzielle Pornos. Nur auf dreien war Dutroux selbst zu sehen.

          Nach Erkenntnissen von Psychologen ist Dutroux voll schuldfähig. Gutachten zufolge wußte er immer, was er tat. Paul Marchal, Vater eines der Opfer, sieht das Hauptmotiv für Dutroux' Taten nicht in sexueller Perversion, sondern in der Gier nach Geld. Martin ist wegen Entführung und Geiselnahme angeklagt. Erkenntnissen der Ermittler zufolge ließ sie Julie und Melissa in ihrem Kellerverließ verhungern, während Dutroux eine kurze Haftstrafe wegen Autodiebstahls absaß. Dutroux' Mutter Jeannine Lauwens sagte dem Fernsehsender RTL 1996 kurz nach der Verhaftung ihres Sohnes: „Ich habe das Gefühl, daß ich die Ursache dieser Tragödie bin. Aber was soll ich jetzt machen? Ich habe mich bemüht, ich habe gemacht, was ich konnte.“

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