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Zwangsheirat im Islam : Wenn man muss, und man will nicht

  • -Aktualisiert am

Frauenfreie Zone: Ein türkisches Männercafé in Berlin Bild: Loredana Nemes

Mit 19 musste Serkan eine Türkin heiraten. Die Zwangsehe wurde zum Albtraum. Heute engagiert er sich ehrenamtlich für zwangsverheiratete Frauen und Männer. Der Mut, sein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen, hat ihn aber bereits verlassen.

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          Serkan lässt zwei Stück Zucker in sein Teegläschen fallen und beobachtet, wie sie sich im heißen Wasser auflösen. Ein korpulenter Mann, 39, Boxernase, sorgfältig gestutzter Vollbart, etwas dichter auf der Oberlippe. Er trägt einen schwarzen Kapuzenpulli mit arabischen Schriftzeichen und helle Jeans – keine Kleidung, die auf sein Amt im Vorstand einer Berliner Moschee hindeuten würde. Er sitzt dort in einem karg eingerichteten Büro: Schreibtisch, Ledersessel, an der Wand ein Plakat der Ditib, dem Dachverband „Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion“, die eine Dependance des staatlichen türkischen Religionsamtes ist. „Sei mutig“ ist auf dem Poster zu lesen, darunter ist die Nummer einer Hotline für Menschen angegeben, die Opfer einer Zwangsheirat geworden sind.

          Einen großen Teil seiner Freizeit verbringt Serkan ehrenamtlich in der Moschee. Er kennt die Probleme der Väter, deren Töchter angeblich zu freizügig leben und deren Söhne sich auf der Straße herumtreiben. Er weiß, dass viele Mütter und Väter ihre Kinder in Ehen drängen, weil sie glauben, diese kämen damit zur Vernunft. „Die Eltern denken, sie würden im Namen Allahs handeln, aber da irren sie sich. Der Islam will, dass Menschen glücklich sind. Doch wenn man sie zwangsverheiratet, werden sie es niemals sein.“ Serkan presst die Lippen aufeinander, dann sagt er: „Ich lebe seit 20 Jahren in einer Zwangsehe.“ So empfindet er das.

          Für die Menschenrechtsorganisation „Terre de Femmes“ liegt eine Zwangsehe dann vor, wenn zumindest ein Ehepartner durch verbale oder körperliche Gewalt zur Ehe gezwungen wird und eine Weigerung kein Gehör findet. Meistens sind Frauen in dieser Lage. Dass aber auch Männer in eine Ehe gedrängt werden können, dass auch sie zum Opfer einer Kultur werden können, die sie sonst sehr begünstigt, ist weitgehend unbeachtet geblieben. Freilich haben sie selbst dann oftmals noch Ausflüchte, die Frauen versperrt sind.

          „Falscher Ehrbegriff“

          Serkan war 17 Jahre alt, als er während eines Urlaubs in der ostanatolischen Heimat seiner Eltern die spontane Idee hatte zu heiraten: „Sie war die Schwester der Frau meines Cousins und genauso alt wie ich.“ An eine Hochzeit mit der bislang Unbekannten knüpfte der junge Mann konkrete Hoffnungen: Er wollte der Enge seiner Familie entkommen. Dem Vater, der ihn auf die Koranschule schickte und daheim strenge Disziplin einforderte. Der überbesorgten Mutter, die ihn noch vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause erwartete. Nach Serkans Antrag ging alles rasch: Die Familie feierte ein religiöses Verlobungsfest. Serkan dachte an die Unabhängigkeit, die er bald als neues Familienoberhaupt haben würde. Daran, ein Leben mit dieser Frau zu verbringen, dachte er nicht. Ihm war nicht bewusst, dass er weitaus mehr als nur ein Versprechen zur Ehe gab, die erst ein paar Jahre später in Deutschland vollzogen werden sollte. Er gab sein Ehrenwort.

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