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Zwangsadoptionen in Australien : „Schrecken unserer Geschichte“

Premierministerin Julia Gillard auf dem Weg zu ihrer Entschuldigungs-Rede Bild: REUTERS

Jahrzehntelang wurden unverheirateten Müttern in Australien die Kinder kurz nach der Geburt weggenommen. Bis heute sind viele Betroffene traumatisiert. Endlich finden sie offiziell Gehör und Zuspruch.

          Es geschah in dem Glauben, das Richtige für die Kinder und ihre Eltern zu tun. Doch bis heute sind viele Mütter, Väter und Kinder in Australien von den Erfahrungen der Zwangsadoptionen traumatisiert, die dort von den fünfziger bis in die siebziger Jahre üblich waren. Etwa 150.000 Frauen sollen damals ihre Kinder weggenommen worden sein, zum Teil noch im Kreißsaal. Die Frauen wurden gezwungen, die Adoptionspapiere zu unterschreiben, psychisch unter Druck gesetzt und zum Teil mit Medikamenten ruhiggestellt. Der Grund war meist, dass die Frauen nach den damaligen Moralvorstellungen der australischen Gesellschaft zu jung waren, um Kinder großzuziehen. Außerdem waren sie nicht verheiratet. Von einem „Schrecken unserer Geschichte“ sprach ein Senatsausschuss 2012, der die Vorgänge untersucht hatte.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Viele Opfer der verfehlten Adoptionspraxis wünschen sich schon lange eine Geste der Wiedergutmachung. Zum ersten Mal haben sich die beiden australischen Parlamente, der Senat und das Repräsentantenhaus, am Donnerstag im Namen des australischen Volkes bei den Betroffenen entschuldigt. In einer von vielen als bewegend empfundenen Rede erkannte die Premierministerin Julia Gillard das „Erbe des Schmerzes und des Leidens“ der Mütter an, die gegen ihren Willen von ihren Kindern getrennt worden waren.

          „Diese Geschichte hatte ihre Anfänge in dem falschen Glauben, dass man Frauen von ihren Kindern trennen dürfe und dass dies für sie das beste wäre“, sagte Gillard vor etwa 800 Zuhörern, die alle auf die eine oder andere Weise unter den Zwangsmaßnahmen zu leiden hatten. „Wir entschuldigen uns bei den Söhnen und Töchtern, die aufwuchsen, ohne zu wissen, wie sehr sie gebraucht und geliebt wurden“, sagte Frau Gillard.

          Vielen Kindern wurde die Adoption später verheimlicht

          Die Entschuldigung fand in Australien viel Beifall. Er könne sich kein größeres Leid vorstellen, als das eines Elternteils und eines Kindes, die getrennt werden, sagte auch der Oppositionsführer Tony Abbott in seiner Rede. Jedes Kind verdiene die Liebe der Mutter, und jede Mutter habe das Recht, ihr Kind großzuziehen. „Das wissen wir heute, und wir hätten es damals wissen sollen“, sagte Abbott. Beide Politiker bezogen neben den Müttern und Kindern auch die leiblichen Väter und die Adoptiveltern in die Bitte um Vergebung ein.

          „Menschen haben das Recht, Entscheidungen zu treffen, und sie verdienen unsere Liebe und unseren Respekt für die Entscheidungen, die sie getroffen haben“, sagte Abbott. Die Zahl der Adoptionen hatte in Australien im Jahr 1971 bis 1972 mit 10.000 Fällen ihren Höhepunkt erreicht. Untersuchungen haben ergeben, dass die psychische Gefährdung der Mütter groß ist. Fast drei Viertel der als Kinder Adoptierten sprachen davon, dass die Adoptionen negative Auswirkungen auf ihr späteres Leben hatten. Zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts hatte sich in Australien die Theorie durchgesetzt, dass ein „sauberer Bruch“ zwischen den Kindern und den leiblichen Eltern sinnvoll sei, wenn diese nach Einschätzung der Behörden als Erzieher ungeeignet erschienen. So steht es in einer Untersuchung des Australischen Instituts für Familienforschung. Zudem sei den Kindern die Adoption fast immer verheimlicht worden, die leiblichen Eltern hätten nur die wenigsten gekannt.

          Das Stigma für unverheiratete Frauen sei groß gewesen. „Ich war ein Teenager, der sich schuldig fühlte, der sich schämte, der sich deshalb für unfähig hielt“, sagte eine Mutter bei den Untersuchungen der Familienforscher. Die Kinder wurden in Familien gesteckt, die als intakt angesehen wurden. Sie habe sich deshalb Zeit ihres Lebens schuldig gefühlt, sagte eine Mutter, deren Kind gegen ihren Willen zur Adoption kam und die bei der Geburt ans Bett gefesselt und mit Medikamenten ruhiggestellt worden war. Eine Frau, deren Kind zur Adoption gegeben worden war, berichtete den Forschern sogar, sie habe im Krankenhaus danach die Kinder anderer Frauen stillen müssen.

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