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Wenn die Großeltern die Enkel erziehen : Oma, Opa, Kind

Ein strafender Blick von seiner Frau

Das ist auch bei den Tiggers ein Thema. „Wir verwöhnen nicht“, sagt Oma Mecki. „Aber sie dürfen schon mal ein Plätzchen mehr essen als zu Hause“, ergänzt Opa Albert lächelnd und erntet einen strafenden Blick von seiner Frau. „Ich bin da zurückhaltender. So viele Süßigkeiten sind ja nicht toll, und Elisa hat uns gebeten, da vorsichtiger zu sein. Daran halte ich mich.“ Schwiegertochter Elisa weiß aufgrund dieser Zuverlässigkeit ganz genau, was sie an den Großeltern hat: „Alle Beteiligten profitieren davon: Die Kinder fühlen sich wohl, ich habe ein sicheres Gefühl, und die Großeltern bleiben fit.“ Über mangelnde Nachfrage für ihre Dienstleistung können Oma und Opa Tigger sich also nicht beklagen, ganz im Gegenteil: Ihr jüngstes Enkelkind, die erste Tochter ihres ältesten Sohnes, ist gerade mal 20 Monate alt. Und auch sie hat schon ein Gitterbettchen in dem Kinderzimmer, das Oma Mecki und Opa Albert in ihrem Haus eingerichtet haben.

Deutsche Großeltern engagieren sich auch im europäischen Vergleich sehr stark für ihre Enkel, wie eine Befragung von mehr als 30 000 Senioren in elf europäischen Ländern zutage förderte. Aktiver als die Deutschen sind lediglich die Südeuropäer. Weitaus seltener kümmern sich hingegen die Skandinavier um ihre Enkel. Das könnte daran liegen, dass es dort mehr öffentliche Kinderbetreuungsangebote gibt als in Deutschland. Oder daran, dass die Krippe hierzulande nicht in jeder Familie als die beste aller Betreuungsmöglichkeit angesehen wird.

Bei Ministerin Schröder helfen die Eltern

Familienministerin Kristina Schröder, deren Töchterchen Lotte Marie Ende Juni auf die Welt kam und die kurz darauf an ihren Schreibtisch zurückkehrte, greift jedenfalls lieber auf die Hilfe ihrer Eltern Nordhild und Helmut Köhler zurück. Während der Sitzungswochen des Bundestages halten sie ihrer Tochter den Rücken frei. Vorgängerin und Kabinettskollegin Ursula von der Leyen setzt bei der Betreuung ihrer sieben Kinder ebenfalls auf die private Betreuung. Sie vertraut den Nachwuchs neben einer Tagesmutter auch ihren Eltern und Schwiegereltern an.

Nur sehr selten trifft man auf Mütter, die die Hilfe ihrer eigenen Eltern rundheraus ablehnen. So wie jene alleinerziehende Unternehmensberaterin aus Nordrhein-Westfalen, die sagt: „Ich will die Hilfe meiner Eltern nicht in Anspruch nehmen. Sonst fühle ich mich gezwungen, mich später um sie zu kümmern, sollten sie pflegebedürftig werden. Und das will ich nicht.“

„Wo sind denn deine Eltern?

Auch das gibt es eben: Menschen, die mit Familie nicht so sehr viel anfangen können. Zumindest nicht mit den Pflichten, die damit einhergehen. Wenn die dann trotzdem Kinder bekommen, kann das schon mal so enden wie bei Daniel Vetter, einem 44 Jahre alten Pressesprecher aus Süddeutschland, der bei seinen Großeltern in Niedersachsen aufgewachsen ist und seinen wirklichen Namen nicht genannt sehen möchte. Vetter litt unter den neugierigen Fragen seiner Mitschüler, die von ihm wissen wollten: „Wo sind denn deine Eltern? Wann kommen die wieder?“ Denn das wusste er selbst meist nicht so genau. Seine Mutter, eine Lehrerin, hatte ihn bei ihren Eltern zurückgelassen, weil sein Vater, ein Ministerialrat, keine Kinder gewollt hatte. Der Sohn war ein Unfall. „Ich konnte mich gegenüber meinen Mitschülern bloß damit retten, dass ich ab und zu sagen konnte, meine Eltern seien zu Besuch gewesen oder ich sei eine Woche lang mit ihnen verreist“, erinnert er sich. Das immerhin war wirklich so, denn ab und zu schauten die Eltern dann doch mal vorbei. Heute hat Vetter ein freundschaftliches, aber kein besonders enges Verhältnis zu ihnen. Seine Eltern waren für ihn seine Großeltern. Und die sind bereits verstorben.

Groll verspürt Vetter nicht, wenn er an seine leiblichen Eltern denkt. „Das war eben so, so was gibt es ja“, sagt der zweifache Familienvater. Auch der Regisseur Oskar Roehler, dessen Großvater mit ihm freitagabends an den Fluss ging und ihn dort lehrte, sich die Brust und die Achseln mit Kernseife zu waschen, hat Verständnis für seine Mutter, die Schriftstellerin Gisela Elsner, die ihn zu den Großeltern abschob: „Ein Kind hätte in ihrem Leben keinen Platz gehabt. Sie musste aufgrund ihrer Begabung ausbrechen aus der bürgerlichen Enge.“ Bei ihm selbst ist es ähnlich: „Ich hatte viel zu kämpfen. Ich habe mich selber aus dem Sumpf rausgezogen und als Künstler erschaffen.“ Auf seine Eltern als Babysitter hätte er dabei nicht zählen können. Bis heute ist er kinderlos. „Ein Kind hätte mich nur gestört.“

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