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Weihnachtsbastelei : Mama, was soll das werden?

Kleber, Schere, Papier – für die einen sind das die Instrumente, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Für die anderen einfach nur ein Gräuel. Bild: Dieter Rüchel

Jetzt beginnt die besinnliche Zeit. Da muss man Plätzchen backen, Lieder singen – und als gute Mutter im Kindergarten basteln. Aber was, wenn man an einer akuten Bastelschwäche leidet?

          6 Min.

          Die erste Kerze brennt, der Duft von Vanillekipferl wabert durch die Wohnung. Während die ersten Schneeflocken vom grauen Himmel schweben, fummeln die Kinder mit leuchtenden Augen Radiergummis aus den Säckchen ihres Adventskalenders. Die Vorweihnachtszeit könnte so schön sein. Wenn sich da nicht spätestens seit Ende November ein ungutes Gefühl eingestellt hätte, eine leichte Nervosität wie vor einer nahenden Prüfungssituation. Ich versuche es zu verdrängen, aber es wird zur endgültigen Gewissheit, als an der Pinnwand im Kindergarten ein Zettel hängt: „Dienstag, 15.30 Uhr, Adventsbasteln (mit Eltern!).“ Die meisten freuen sich über das Angebot. Ich aber sehe es als Drohung.

          Anke Schipp
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Keine Ahnung, wie das anfing. Oder vielmehr: warum eben gar nichts richtig anfing. Warum der Samen, der in meiner Kindheit einmal gesät wurde, einfach nicht aufging und meine Indisposition unbehandelt blieb. Ja, ich leide seit langem an akuter Bastelschwäche! Die Symptome: kreative Antriebslosigkeit, mangelndes Selbstwertgefühl und Beklemmungen beim Anblick von bunten Scheren, Bastelkleber, Tonzeichenpapier und Glitzerfolie. In der Öffentlichkeit spreche ich nicht gerne darüber, weil ich mir dann vorkäme wie eine Mutter, die ihre Kinder vernachlässigt. Ich habe Angst vor dem unausgesprochenen Vorwurf: „Was? Du hast ein Kind in die Welt gesetzt und kannst nicht basteln?“

          Das Schlimme ist: Die meisten Mütter, die ich kenne, basteln gerne

          Das Schlimme ist: Die meisten Mütter, die ich kenne, basteln gerne. Bisweilen exzessiv. Ganze Winternachmittage lang versinken sie schnipselnd, klebend, faltend mit ihren lieben Kleinen am Esstisch. Ruck, zuck haben sie Strohsterne für das Adventsgesteck gefertigt und Fensterbilder aus Transparentpapier. Ich kenne Mütter, die alles Mögliche können - filzen, walken und mit der Heißklebepistole vermutlich ein ganzes Eigenheim bauen.

          Ich aber empfinde die Bastelnachmittage im Kindergarten als Prüfungssituationen, in denen ich regelmäßig versage. Sie verlaufen immer gleich. Am Anfang steht eine große Ratlosigkeit. Ich sitze auf einem Kinderhocker an einem Kindertisch, und vor mir liegen Berge von Bastelutensilien. Während meine linke Sitznachbarin fix die ersten Sterne ausgeschnitten hat, fühle ich mich gelähmt. Verschämt blicke ich zur rechten Sitznachbarin, die im Begriff ist, einen lustigen Schneemann aus runden Kreisen zu fertigen. Super Idee! Das mache ich auch, sicherheitshalber aber einen Nikolaus, damit mein Werk nicht nachgemacht aussieht.

          Adventssterne in sechs Schritten – klingt einfach, ist es aber nicht
          Adventssterne in sechs Schritten – klingt einfach, ist es aber nicht : Bild: Dieter Rüchel

          Dann kommt der Moment, in dem mein Rücken schmerzt, ich auf die unförmigen Teile vor mir schaue und denke: „Ich werfe das jetzt einfach weg und gehe nach Hause.“ Aber da steht meine Tochter schon neben mir und fragt: „Was soll das werden?“ - „Äh, puh, ist ja noch nicht fertig“, antworte ich, um Zeit zu schinden. Schon vorgekommen, dass ich einfach noch mal von vorne anfange und erst fertig bin, wenn die Erzieherinnen schon anfangen, die Bastelsachen in die Regale zu räumen, und die anderen Mütter sich gegenseitig für ihre Werke loben.

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