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Verwaiste Eltern : Als Carsten beschloss, sich das Leben zu nehmen

Petra Hohn an dem See, an dem ihr Sohn Selbstmord beging Bild: Christoph Busse

Er ist einfach gegangen und nicht wiedergekommen. Seitdem denkt Petra Hohn jeden Tag an ihren Sohn - und fragt sich, was in ihm vorgegangen ist. Beim „Bundesverband Verwaiste Eltern in Deutschland“ betreut sie außerdem Menschen, die in der gleichen Lage sind.

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          Diesen Ort kennt Petra Hohn nur in der Kälte, diesen See bei Meuselwitz, in dessen Wasser sich die Bäume spiegeln, über dessen Wasser im Morgengrauen die Nebelschwaden hängen. An diesem Ort verlor Petra Hohn ihr altes Leben. Einmal im Jahr zündet sie eine Kerze an und legt eine Rose nieder. Sie sieht, dass an diesem See die Zeit weitergeht, dass nichts stehengeblieben ist an jenem kalten Freitagmorgen am 27. November 1998, als ihr Sohn Carsten beschloss, sich das Leben zu nehmen. Doch noch immer versucht Petra Hohn, das zu sehen, was ihr Sohn damals sah, als er seinen Wagen am Uferrand abstellte und die Abgase ins Wageninnere leitete. Sie versucht, zu verstehen.

          Philip Eppelsheim
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

          Die Frage nach dem Warum ist geblieben und immer da in dem kleinen Büro des „Bundesverbands für Verwaiste Eltern in Deutschland“, in einem kleinen Hinterhofgebäude eines Leipziger Bestattungsunternehmens. Im Büro, wo buntes Krepppapier an den Wänden hängt, ist die Trauer allgegenwärtig. Wenn Petra Hohn auf Mütter und Väter wartet, deren Kind gestorben ist und die mit ihrem Verlust nicht zurechtkommen; wenn sie diese Eltern in ihrer Trauer begleitet und versucht, ihnen zu helfen, während die Eltern von ihrem Schicksal erzählen.

          Gegangen und nicht wiedergekommen

          Am Vormittag jenes kalten Novembertags klingelten zwei Polizeibeamte an Petra Hohns Haustür und überbrachten die Nachricht von Carstens Tod. Kein Tag ist seitdem vergangen, ohne dass sie an jenen Tag dachte, an dem ihre Vorzeigefamilie in sich zusammenfiel, als sei alles nur ein Traum, eine Illusion gewesen und nie die Wirklichkeit. Carsten war einfach gegangen und nicht wiedergekommen. Er werde bei Freunden übernachten, hatte er seiner Mutter zum Abschied gesagt. Und sie hatte ihn gehen lassen. Warum hätte sie es auch nicht tun sollen? Es gab keinen Grund. Keiner hatte kommen sehen, was Carsten vielleicht schon viel länger beschlossen hatte. Drei Wochen vor seinem neunzehnten Geburtstag stieg er ins Auto und fuhr an den See.

          Wenn Petra Hohn von jenem kalten Novembertag und den kalten Tagen, die folgten, spricht, dann kommen die Tränen wieder, die die Wangen hinunterlaufen und ihre Spuren auf dem sorgsam geschminkten Gesicht zurücklassen. Dann ist Petra Hohn nicht mehr die starke, selbstbewusste neunundvierzig Jahre alte Frau, die trauernden Eltern Halt geben möchte. In diesen Momenten ist sie wieder die verzweifelte Mutter, die nicht mehr leben wollte, ist sie wie die Eltern, die tagaus, tagein zu ihr kommen - seit sie vor neun Jahren ihren alten Beruf als Bauingenieurin aufgegeben hat.

          Getuschel und Vorwürfe

          Immer wieder hat sie sich gefragt, was in ihrem Sohn vorgegangen ist, wie zerrissen er gewesen sein muss. Sie hat keine Antworten, wie sie die Menschen in Meuselwitz hatten. Die meinten, sie wüssten mehr als Petra Hohn, die tuschelten, da müsse doch etwas in der Familie vorgefallen sein. Petra Hohn hat keine Antworten wie manche ihrer Verwandten, die vorwurfsvoll sagten: „Du und dein Mann, ihr hättet euch besser kümmern müssen.“ Die ihr die Schuld gaben, Carstens Suizid als Anklage an seine Eltern verstanden. Bis sie irgendwann nicht mehr wusste, ob die getuschelten Anklagen nicht doch stimmten.

          War sie eine schlechte Mutter gewesen? War Carstens Suizid ihre Schuld? Petra Hohn erinnert sich an jenen Tag, an dem Carsten seinen Eltern gesagt hatte, dass er sie liebe und er stolz auf sie sei. Dass er aber so nicht weiterleben könne. Sie hatte damals nicht weiter über diesen Satz nachgedacht. „Vielleicht waren wir etwas selbstgefällig“, sagt sie. Aber es schien doch alles perfekt: ein schönes Haus, drei Autos, keine finanziellen Sorgen. „Wir hatten ein gutes inniges Verhältnis.“ Carsten machte gerade eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann. Alles ging scheinbar seinen Weg.

          „Du nimmst dir ein Seil und hängst dich auf“

          Nach seinem Tod zerbrach dieses Bild. Petra Hohn fand CDs ihres Sohnes, auf denen Lieder von Suizid handelten; Texte, die sie nie zuvor gehört hatte. Auf Carstens Beerdigung ließ sie zwei dieser Lieder - „W8ing 4 U“ und „Es ist vorbei“ von der Punk-Band Wizo - spielen: „Tränen in deinen Augen / der Brief in der Hand / zerstört ist eine Hoffnung / denn nun weißt du / es ist vorbei . . . Du weißt, was du zu tun hast / es gibt nur den einen Weg / du nimmst dir ein Seil / und du hängst dich damit auf . . .“

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