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Unterhaltspflicht von Spendern : Samen ohne Namen

Gelebter Sachunterricht: „Was sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nur zu fragen wagten“ von Woody Allen Bild: ddp images

Kinder von Samenspendern haben das Recht zu erfahren, wer ihr leiblicher Vater ist. Aber heißt das auch, dass sie Unterhalt von ihm fordern können?

          Andreas Hammel wartet immer noch darauf, dass die Politik endlich regelt, wie es zwischen Samenspendern und Spenderkindern weitergehen soll. Und da gäbe es einiges zu regeln, sagt der Reproduktionsmediziner, trotz oder gerade wegen des Urteils des Oberlandesgerichts Hamm von Anfang Februar. Hammel ist einer der Chefs des Kinderwunschzentrums Erlangen. Er ist dort auch für die Samenbank zuständig, aber eigentlich macht das nur einen kleinen Teil seiner Arbeit aus.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die meisten Paare mit Kinderwunsch hoffen natürlich, dass es mit dem Sperma des Ehemanns klappt. Denn wer will das schon, eigentlich: ein Kind mit Erbanlagen der Ehefrau sowie denen eines Fremden zeugen? Vielen ist die Vorstellung von Samenspende unangenehm. Deshalb hat Hammel neben der Sache mit den neuen Gesetzen noch ein zweites Anliegen: Er will die Samenbanken aus der Schmuddelecke holen. „Die Assoziationen sind oft irgendwie schmutzig. Das haben die Spender nicht verdient.“

          Hammel ist Mitte vierzig und blond, er trägt blaue Crocs, ein blaues Polohemd und eine feine Brille. Im Regal in seinem Besprechungszimmer steht ein Bild von seinen Kindern. An dem Schreibtisch sitzen ihm sonst Paare gegenüber, die bereit sind, viel auf sich zu nehmen. Tägliche Hormonspritzen in den Bauch der Frau ab dem zweiten Zyklustag. Eisprung genau abpassen. Insemination, zu Deutsch Besamung, mit einem Gummischlauch. Oder Absaugen von Eizellen mit einer Hohlnadel unter Vollnarkose, um diese Zellen dann in der Petrischale oder unter dem Mikroskop befruchten zu lassen. Durchschnittliche Schwangerschaftschance: 15 bis 25 Prozent.

          Interesse des Kindes wichtiger

          Wenn es mit dem Samen des Mannes nicht geht, auch nicht mit Fädchen aus herausgeschnittenem Hodengewebe, sind manche dieser Paare bereit, es mit Sperma aus der Samenbank zu versuchen. Hammel macht dann drei bis fünf anonymisierte Vorschläge von Spendern, die dem Ehemann optisch halbwegs ähneln. Das Paar bekommt Angaben zu Größe, Gewicht, Haar- und Augenfarbe, erlerntem und ausgeübtem Beruf, ethnischer Herkunft, Hobbys, Blutgruppe - und wählt aus.

          Hammel legt den werdenden Eltern dringend nahe, dem Kind irgendwann zu sagen, wie es entstanden ist. „Wenn es etwas gut kann, was der Vater auch gut kann, dann kann eine vor allem für den Vater belastende Situation entstehen, wenn das Kind nichts ahnt und alle sagen: Mensch, das hast du vom Papa. Aber wenn man’s weiß, lacht man eher darüber und nimmt sich in den Arm.“ Nicht nur im Familienalltag hat es Folgen, dass ein Unbekannter ins Leben eines Paares tritt.  Die Richter in Hamm haben vor knapp drei Monaten über eine ganz andere mögliche Konsequenz entschieden: Ein mit Hilfe eines Spendersamens gezeugtes Kind kann vom behandelnden Arzt Auskunft über seine genetische Abstammung verlangen. 

          Sein Interesse sei höher zu bewerten als das Interesse eines Spenders, dass seine Daten geheim bleiben. Der Rest ist Politik - und ziemlich komplex. Hammel formuliert jetzt ein paar Fragen: „Was macht man, wenn es eine Samenbank oder den behandelnden Arzt nicht mehr gibt? Wie sieht es mit Unterhaltsfragen aus? Spielt es eine Rolle, wenn das Paar zwei lesbische Frauen sind? Wie soll das konkret ablaufen, wenn das Kind den leiblichen Erzeuger treffen möchte?“ Der Mediziner hat für sich selbst schon Antworten gefunden. Aber die Politik zögert noch. Es sei nichts Konkretes geplant, heißt es im Justizministerium, aber die Praxis der assistierten Reproduktion stehe rechtlich insgesamt auf dem Prüfstand.

          Unkalkulierbares Risiko für den Spender

          Und die Bundestagsabgeordneten, die unmittelbar nach dem Urteil politische Schritte gefordert hatten, sprechen jetzt vom Sondieren und Recherchieren und sagen: In dieser Legislaturperiode wird das nichts mehr. Stephan Thomae von der FDP beschreibt ein „ungutes Gefühl, dass ein Samenspender, der etwas über 100 Euro für die Spende bekommt, in Anbetracht möglicher Unterhaltsforderungen ein unkalkulierbares Risiko läuft“. Zugleich will er ungewollt Kinderlosen den Kinderwunsch nicht schmälern und die Samenbanken erhalten. Aber das alles dürfe auf keinen Fall zu Lasten von Kindern gehen.

          Wie weit das Problem reichen kann, darauf weist Jörn Wunderlich von der Linkspartei hin: „Wenn zum Beispiel die Eltern des Samenspenders erfahren, dass ihr kinderlos geglaubter Sohn doch ein Kind hat, und sich freuen: endlich! Unser Enkelkind! - Was machen wir dann mit dem Umgangsrecht der engen Angehörigen?“ Wunderlich ist aber der Meinung, dass im Umgangsrecht nichts geändert werden muss. Der Unterhalt müsse auch deshalb klar geregelt werden, weil Samenspender ebenfalls finanzielle Unterstützung von Spenderkindern fordern könnten.

          Auch die Grünen wollen prüfen, ob die Gesetzeslage ausreicht, insbesondere, inwieweit mögliche Unterhaltspflichten von Samenspendern rechtlich begrenzt werden können. Die Fraktion hat zwei Gutachten beim Wissenschaftlichen Dienst in Auftrag gegeben und will Mitte Juni weiter über das Thema diskutieren. Entscheidend sei das Kindeswohl, sagt die Abgeordnete Ingrid Hönlinger, die auch im Rechtsausschuss ist. „Auf der anderen Seite haben Paare ein berechtigtes Interesse daran, dass Samenspenden weiterhin möglich sind.“

          Analog zum Adoptionsrecht

          Reproduktionsmediziner Hammel hat schon eine Idee. Er schlägt vor, das Verhältnis zwischen Spenderkindern und Samenspendern analog zum Adoptionsrecht zu regeln. Das Verwandtschaftsverhältnis zur Herkunftsfamilie mit allen Rechten und Pflichten erlischt mit einer Adoption, so dass Adoptivkinder von ihren leiblichen Eltern keinen Unterhalt fordern können.

          Die Grünen-Politikerin Hönlinger weist außerdem darauf hin, dass im Kontext der Samenspende die Frage nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz eine Rolle spielt. Lebt ein Paar in einer Ehe, ist Vater des Kindes der Mann, der bei Geburt des Kindes mit der Mutter des Kindes verheiratet ist. „Bei einer Lebenspartnerschaft von zwei Frauen stellt sich die Frage: Ist die Lebenspartnerin der Mutter eines mit Samenspende gezeugten Kindes automatisch auch die Mutter?“

          In Erlangen erhalten seit vergangenem Jahr auch verpartnerte Frauen Spendersamen. „Die Nachfrage steigt stetig, obwohl wir es nicht groß publik gemacht haben“, sagt Hammel. Der Arzt dringt darauf, dass das Kind dann über eine Stiefkindadoption rechtlich abgesichert wird. Das Risiko für den Spender bleibt höher: Wenn die Frauen sich etwa während der Schwangerschaft trennen, ist das Ungeborene noch nicht adoptiert. Und verpflichten kann Hammel ein Paar ohnehin zu nichts. Manche Spender sind nicht bereit, auch für lesbische Paare zu spenden. Der Mediziner sagt: „Eventuell können wir wegen der großen Nachfrage in absehbarer Zeit nicht mehr alle Behandlungen machen.“

          Höchstens 15 Spenderkinder

          Nach dem OLG-Urteil von Februar ist die Zahl der Samenspender zumindest in Erlangen nicht zurückgegangen. Hammel führt das auf sein „Notarmodell“ zurück. Alle Spender wissen von Anfang an, dass die aus ihrem Sperma entstandenen Kinder Hammel später jederzeit nach der Identität ihres genetischen Vaters fragen können. Und falls es die Samenbank irgendwann nicht mehr gibt, sind alle Daten beim Notar hinterlegt: Name des Kindes, Namen und Anschriften der rechtlichen Eltern und des Samenspenders.

          Bisher gibt es schon mehr als 600 solcher Blätter, aber bisher hat noch kein Kind Auskunft erbeten. Hammels Samenbank ist die jüngste der zwölf Samenbanken in Deutschland, die ältesten Kinder sind 2003 geboren. Die Spender erfahren, wie viele Jungen und Mädchen entstanden sind, aber nicht, wo diese leben; jeder Spender darf höchstens 15 Spenderkinder haben. Auf Wunsch der Kinder wird Hammel später auch deren Erzeuger anschreiben und, wenn der Mann das ebenfalls will, Treffen in seiner Praxis arrangieren.

          Bleibt noch das Projekt Schmuddelecke. Hammel wirbt im Kino und mit Studentenaktionen und betont, Samenspende sei wie Organspende: jemandem helfen mit etwas, was ihm fehlt. Im „Gewinnungsraum“ in Erlangen liegen drei „Playboy“-Hefte, über einem Waschbecken hängt ein großer Spiegel. Mehr als tausend Männer haben dort schon eine Probespende abgegeben; man bewirbt sich online. Um die 80 Spender kommen regelmäßig.

          Ein halbes Jahr Quarantäne

          Als Erstens kriegt der Mann einen Plastikbecher, die Labormitarbeiterinnen fordern ihn auf, abzuschließen und sich vorher und hinterher die Hände zu waschen. Der Raum wird nach jeder Benutzung desinfiziert. Auf den Becher kommt eine Nummer, und die Mitarbeiterinnen erfragen die Karenzzeit. „Also die Zeit seit dem letzten Samenerguss in Tagen.“ Anschließend prüfen die Frauen, ob die Flüssigkeit ein „gutes Volumen“ hat - zwei bis fünf Milliliter müssen es sein. Unter dem Mikroskop sehen sie, ob sich die Spermien gut bewegen und ob die Dichte stimmt.  Der WHO-Richtwert liegt bei 15 Millionen Spermien pro Milliliter, aber in Erlangen ist man strenger: 60 Millionen müssen es sein, schließlich wird das Sperma eingefroren.

          Ist alles, wie es sein soll, träufelt eine Mitarbeiterin ein Frostschutzmittel in die Flüssigkeit, damit die Spermien beim Einfrieren nicht zerplatzen.  Danach füllt sie das Ejakulat in durchsichtige Röhrchen, Straws heißen sie, Strohhalme. Die Straws kommen in die Schweißmaschine, werden oben und unten dicht gemacht. Dann klebt die Laborantin einen Aufkleber darauf: „Donor“ plus eine fünfstellige Nummer, „Humansperma“. Die Flüssigkeit reicht für zehn bis 15 Röhrchen. Im Kryolagerraum steckt die Frau die Straws senkrecht in Lagertanks, die aussehen wie hüfthohe Amphoren aus Stahl. Die Maschine kühlt das frische Sperma auf minus 196 Grad Celsius herunter.

          Das dauert ungefähr eine Stunde. In dem kleinen Raum stehen sieben Tanks. Das ist die ganze Samenbank. Wegen HIV- und Hepatitis-Tests müssen alle Proben erst einmal ein halbes Jahr in Quarantäne, 1.900 sind derzeit freigegeben.  Das Sperma geht nur an Arztpraxen, es sei denn, es wird ohnehin direkt von Hammel und seinen Kollegen im Kinderwunschzentrum gebraucht. „Die Probe für zu Hause gibt es nur aus dem Ausland“, sagt eine Mitarbeiterin. Auf den bauchigen Versandbehältern steht: „Achtung. Nicht öffnen. Nicht erwärmen. Menschliche Zellen. Gewebe!“ Schmuddelig ist hier nichts. Die Labormitarbeiterinnen erzählen abends in der Kneipe trotzdem nicht immer so genau, wo sie arbeiten. Sie sagen dann einfach: in einem Kinderwunschzentrum.

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