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Unicef-Report zum Kinderschutz : Übersehen und verdrängt

  • -Aktualisiert am

Fehlende Bildung und soziale Benachteiligung gehören zu den Ursachen für die Misshandlung von Kindern Bild: AFP

Kinder erfahren Gewalt vor allem im eigenen Zuhause. Eine Unicef-Studie hat das Thema aus dem Verborgenen geholt und Daten aus 190 Ländern gesammelt. Die Ergebnisse sind dramatisch.

          Meist geschieht Gewalt gegen Kinder in den eigenen vier Wänden. Unicef will in seinem ersten Report zu dem Thema das vielfach verdrängte und übersehene Leid sichtbar machen. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen hat Daten aus 190 Ländern erhoben und untersucht – um die Erscheinungsformen der Gewalt aus dem Verborgenen zu holen und zu dokumentieren.

          Nach der am Donnerstag in New York vorgestellten Untersuchung „Hidden in Plain Sight“ wurden im Jahr 2012 rund 95000 Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren, vorwiegend aus Entwicklungs- und Schwellenländern, ermordet. Die höchsten Mordraten wiesen El Salvador, Guatemala und Venezuela auf.

          Für rund eine Milliarde Kinder auf der Welt sind gewalttätige Erziehungspraktiken Teil ihres Alltags: Sechs von zehn Kindern zwischen zwei und 14 Jahren sind regelmäßig körperlichen Züchtigungen ausgesetzt. In 58 Staaten seien solche Praktiken üblich. Das steht in Kontrast zu den Einstellungen der Eltern: Nur drei von zehn Erwachsenen halten Gewalt in der Erziehung für angemessen.

          Nur 39 Länder verbieten Gewalt gegen Kinder

          Vor allem Mädchen sind Opfer körperlicher Übergriffe und sexueller Gewalt. Jedes vierte Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren berichtet, dass es Gewalt ausgesetzt war. Etwa jedes zehnte Mädchen auf der Welt ist schon zum Geschlechtsverkehr gedrängt oder gezwungen worden. Das Phänomen ist nicht auf Krisengebiete und arme Länder begrenzt: Eine Untersuchung aus der Schweiz ergab 2009, dass 22 Prozent der 15 Jahre alten Mädchen und acht Prozent der Jungen wenigstens einmal sexuelle Gewalt erfahren hatten. Meist werden die Übergriffe nicht geahndet. Sieben von zehn Kindern haben nie Hilfe gesucht, die Hälfte der Mädchen hat nie darüber gesprochen. Ein Ehemann sei dazu berechtigt, seine Frau gelegentlich zu schlagen, sagte jedes zweite Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren. Im südlichen Afrika, in Nordafrika und im Nahen Osten ist der Anteil höher.

          Fehlende Bildung, wirtschaftliche und soziale Ungleichheit gelten als Ursachen für Gewalt gegen Kinder. Den meisten Ländern fehlen laut Unicef Gesetze, um der Gewalt vorzubeugen, aufzuklären, Opfer zu schützen und Täter strafrechtlich zu belangen. Ein wirksamer Schutz des Kindeswohls sei so nicht gewährleistet. Nur 39 Länder der Welt verbieten alle Formen der Gewalt gegen Kinder. Doch in jenen Ländern leben nur fünf Prozent aller Heranwachsenden.

          Laut der Studie zeugt sich die Züchtigung der Kinder fort: „Gewalt zieht Gewalt nach sich“, sagt Anthony Lake, der Unicef-Exekutivdirektor. „Wir wissen, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass misshandelte Kinder Gewalt als normal ansehen oder sogar akzeptieren.“

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