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Trennung : Wenn die Liebe geht

Haben sich getrennt: Bettina und Christian Wulff. Bild: dpa

Einvernehmliche Trennung? So ein Quatsch. Durch gegenseitige Schuldzuschreibungen betreiben die meisten Paare schon vorher emsig den Niedergang ihrer Beziehung. Von Tätern und Opfern in Partnerschaften.

          6 Min.

          Unsere Nachbarn haben sich getrennt. Wir raffen die Gardine zur Seite und sehen durch das Küchenfenster, wie der Möbelwagen vorfährt. Herr Kaiser zieht aus. Vielleicht wussten wir, dass er eine Affäre hatte. Vielleicht hat Frau Kaiser uns über den Gartenzaun hinweg ihr Leid geklagt. Wahrscheinlicher ist, dass wir wieder einmal nichts mitbekommen haben und alles ganz anders ist. Trotzdem stehen wir hinter unserer Gardine, sehen Kaisers Schreibtisch im Transporter verschwinden und sinnieren: „Ich hab’s immer gewusst, er ist ein Schwein!“ Oder auch: „Die hat ihn sowieso nur ausgenutzt.“

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wären unsere Nachbarn nicht die Kaisers, sondern Personen des öffentlichen Lebens mit Zuschauern überall im Land, ihr Anwalt würde wohl eine Erklärung abgeben, wie wir sie kennen von den van der Vaarts, den Klums und wie sie alle heißen. Dieses Mal: „Bettina und Christian Wulff haben sich am Wochenende einvernehmlich räumlich getrennt, nehmen ihre Verantwortung für ihren Sohn gemeinsam wahr und werden keine weiteren Erklärungen zu ihrer privaten Situation abgeben.“

          Sollen wir das glauben? Gibt es einvernehmliche Trennungen?

          “Ja, natürlich“, sagt der Paartherapeut Arnold Retzer, „aber das ist sehr, sehr selten. Für den Beginn einer Paarbeziehung sind zwei nötig. Für das Ende reicht einer.“

          Malen wir uns das einvernehmliche Szenario einmal aus:

          Herr Kaiser: „Stimmst du mit mir überein, dass wir jede Menge Mist gebaut haben?“

          Frau Kaiser: „Findest du auch, wir haben einander tief verletzt?“

          Herr Kaiser (reicht Frau Kaiser die Hand): „Ich danke dir für all die gemeinsamen Jahre.“

          Frau Kaiser (lächelt ihn an): „Es war wirklich eine schöne Zeit.“

          Ist das nun das Ende oder vielmehr der Beginn einer Liebesbeziehung? Retzer, Autor eines Buchs über die „Vernunftehe“, sagt: „Wenn man schon einvernehmlich ist, kann man doch auch zusammenbleiben.“

          Die Schuld ist nicht objektiv zu bestimmen

          Früher, als wir weder Einfamilienhäuser noch Kinder hatten und die Trennung auf dem Schulhof passierte, war unsere Sprache ehrlicher. Da hat einer mit dem anderen Schluss gemacht. Der eine traf seine Entscheidung. Der andere hatte damit klarzukommen. Der eine war aktiv, der andere passiv. Der eine war Täter, der andere Opfer. Wollen wir Freunde bleiben? Das war immer Schwachsinn.

          Haben sich getrennt: Sylvie und Rafael van der Vaart.
          Haben sich getrennt: Sylvie und Rafael van der Vaart. : Bild: dpa

          Nur: Wer hat Schuld?

          Wenn wir, unsere Nachbarn Kaiser und die Wulffs heute allerorts den Begriff der Trennung verwenden, der ein symmetrisches Geschehen nahelegt, mag das auch auf die Reform des Scheidungsrechts 1977 zurückgehen, mit der das Schuldprinzip offiziell abgeschafft wurde. Vorher wurde eine Ehe nur geschieden, wenn das Gericht feststellen konnte, wer für das Scheitern verantwortlich gewesen war. Und weil das für den Schuldigen in der Regel bedeutete, dass er nicht nur jeglichen Anspruch auf Unterhalt verwirkt hatte, sondern auch das Sorgerecht verlor, wurde zwangsläufig schmutzige Wäsche gewaschen - mit Tanten und den lieben Nachbarn als Zeugen. „Das war äußerst unbefriedigend“, resümiert die Familienanwältin Karin Meyer-Götz aus Dresden. „Wie wollen Sie als Gericht eine Ehe aufarbeiten?“

          Von den extra schäbigen Fällen abgesehen, ist Schuld am Niedergang einer Partnerschaft nicht objektiv zu bestimmen - weder im Gerichtssaal noch hinter der Küchengardine oder auf dem Boulevard der Meinungen. Das gültige Zerrüttungsprinzip, demzufolge ein Jahr nach der Trennung die Scheidung beantragt werden kann, folgt der Binsenweisheit, dass beide irgendwie ihren Anteil am Schlamassel gehabt haben werden. Das heißt aber nicht, die Schuldfrage wäre aus der Welt. Spätestens, wenn um den Ehegattenunterhalt gestritten wird, kommt sie zurück ins Spiel.

          Alle sind Opfer

          Da sitzt dann Herr Kaiser bei seiner Anwältin, die ihm vorgerechnet hat, wie viel Geld Frau Kaiser jeden Monat zusteht. Er schluckt und fragt: „Was kann ich dagegen tun?“ Dann fragt Karin Meyer-Götz zurück: „Hat sie einen Neuen? Hat sie sich etwas zuschulden kommen lassen?“

          Sitzt hingegen Frau Kaiser in der Kanzlei und droht, den Gatten bei der Steuer anzuschwärzen, warnt die Anwältin vor folgenschweren Fehlern: „Machen Sie ihn nicht schlecht.“ Oder, je nachdem: „Ziehen Sie nicht sofort mit Ihrem Liebhaber zusammen.“ Auch im Jahr 2013 gilt: „Schuld heißt Verwirkung des Unterhaltsanspruchs.“ Und weil es typischerweise nach wie vor die Frauen sind, die aufgrund der ehelichen Einkommensverhältnisse überhaupt einen Anspruch haben, den sie verlieren könnten, landet der Schwarze Peter zumeist bei ihnen.

          Haben sich getrennt: Heidi Klum und Seal.
          Haben sich getrennt: Heidi Klum und Seal. : Bild: dpa

          So weit die Sicht von außen. Die Binnenperspektive ist eine andere. Uwe Jopt sagt: „Entscheidend ist: Wie fühlen Menschen das Zerbrechen ihrer Paarbeziehung?“ Jopt, emeritierter Professor für Psychologie an der Uni Bielefeld, ist seit drei Jahrzehnten als Gutachter in Scheidungsverfahren tätig, in denen um gemeinsame Kinder gestritten wird. Es ist seine Aufgabe und sein Privileg, immer mit beiden Beteiligten des Geschehens zu sprechen. Die Emotionen, sagt er, seien in der Regel unterschiedlich verteilt; das Spektrum reiche von absoluter Unversöhnlichkeit bis zu dem heimlichen Wunsch, die Ehe doch noch zu kitten. Interessanterweise jedoch hat es der Gutachter immer nur mit Opfern zu tun.

          Frau Kaiser: „Er ist fremdgegangen, er hat mich betrogen. Ich kann diesem Mann nicht mehr vertrauen!“

          Herr Kaiser: „Zwei Jahre lang keinen Sex - können Sie das nicht verstehen? Sie hat mich förmlich in die Arme der anderen Frau getrieben!“

          Angriff auf das Ideal der romantischen Liebe

          Je nachdem, wo man in einer Verkettung von Zusammenhängen den Anfangspunkt setzt, verschiebt sich der Auslöser und damit die Verantwortung. Wenn wir nun alle große Erzähler sind und uns die Welt erklären, indem wir Geschichten über sie verbreiten, indem wir weglassen, hervorheben oder bagatellisieren, damit uns das Leben plausibel wird und wir ein Maximum an Selbstachtung wahren können, dann erzählt jeder seine Version der Dinge so, als habe er lediglich reagiert. Keiner hat gern Schuld. In moralischer Hinsicht ist die Opferrolle überlegen.

          Gutachter Jopt zufolge greift dieses tief verankerte Muster von Sandkastentagen an: „Der hat mich geschubst!“ - „Aber der hat mit der Schippe gehauen.“ Für Ulrich Clement, Paartherapeut aus Heidelberg, ist das die Grundfigur aller Paarkonflikte schlechthin: „Wenn’s schlecht läuft, ist der andere ein bisschen mehr schuld als ich selbst.“

          Wenn es nun zu einer Trennung kommt, wenn wir uns, wenn unsere Nachbarn oder die Wulffs sich hinter der Fassade der Einvernehmlichkeit wechselseitig zu Tätern und Opfern erklären, sind letztlich immer beide gescheitert: mit ihrem Lebensentwurf. In ihrem Glück. An ihren Ansprüchen. Auch die Enttäuschung und der Schmerz darüber erklären, warum sich beide Seiten als Betrogene fühlen. Dabei sind, sieht man es statistisch, die meisten Paarbeziehungen endlich. „Nicht: bis dass der Tod euch scheidet. Sondern: bis einer geht“, sagt Clement. Das aber wollen wir nicht wahrhaben, es wäre ein Angriff auf unser Ideal von der romantischen Liebe - das „Goldene Kalb unserer Kultur“.

          Aufrechnung ist schwierig

          Mehr als neunzig Prozent der Deutschen, so Clement, wünschen sich die große Liebe - die eine, monogame, die ewig hält. Um diese Illusion zu bewahren, allen Trennungen zum Trotz, muss es ja irgendwer vergurkt haben. Nicht das Modell hat versagt, die Beteiligten sind schuld. Und so sitzen in der Praxis nicht nur bei Clement Ehepaare auf der Suche nach einer Erklärung für das Aus und reden die gemeinsamen Jahre nachträglich schlecht. Dabei, sagt der Paartherapeut, sei es womöglich einfach nur vorbei.

          Haben sich getrennt: Vanessa Paradis und Johnny Depp.
          Haben sich getrennt: Vanessa Paradis und Johnny Depp. : Bild: AFP

          Von Anfang an sind es unsere hehren, überfrachteten Vorstellungen von der Liebe und dem perfekten Glück zu zweit, die zur Hypothek für Beziehungen werden. Dazu gehört insbesondere die Vorstellung von einem gleichberechtigten Geben und Nehmen, von einer Balance, in der es keine Gewinner, keine Verlierer gibt: Gerechtigkeit. „Ich glaube, dass das vielleicht die zentrale Kategorie ist, mit der wir in Paarbeziehungen operieren“, sagt Psychologe Retzer. „Gerechtigkeitsansprüche sind aber wahrscheinlich auch eine der wichtigsten Quellen für viel Leid.“

          In einer Beziehung macht jeder seine Bilanzen, beide rechnen auf. Und wieder sind alle Opfer.

          Frau Kaiser: „Ich bin letzte Nacht dreimal aufgestanden, weil der Kleine so gehustet hat.“

          Herr Kaiser: „Ich war schon seit Wochen nicht mehr aus, damit sie abends ein bisschen Freiraum hat.“

          Frau Kaiser: „Für unsere Kinder musste ich meine Karriere aufgeben.“

          Herr Kaiser: „Ihr zuliebe habe ich einen Job im Ausland ausgeschlagen, ohne auch nur darüber nachzudenken.“

          Müsste der Partner angesichts all dieser Verdienste und Leistungen einen nicht zwangsläufig mehr lieben, mehr würdigen, mehr begehren? Aber wie lässt sich so etwas berechnen? Wie bemisst man eine Schuld, die der andere auf sich lädt? Und wenn Herr Kaiser eine Affäre hatte - hat Frau Kaiser dann eine gut? „Der Versuch, die Ungleichheit aus der Welt zu schaffen, kann der Weg in die Hölle sein“, warnt Retzer und plädiert dafür, den Anspruch auf Gerechtigkeit aufzugeben. „Resignative Reife“ nennt er das, die Einsicht, „dass es so ist, wie es ist, und es ist nicht schlimm.“ Wo kein Gläubiger, da kein Schuldner.

          Einvernehmlichkeit führt zu weniger Leid

          Schlimmstenfalls ragen Gerechtigkeitsansprüche weit in das Leben nach der Trennung hinein. Sie bestimmen die Zockerei um Unterhalt und Kinder, um Rentenansprüche und Urlaubsregelungen, und sie können in Rachegelüste umschlagen. Bestes Gegenmittel: Vergebung. „Das Opfer sollte dem Täter vergeben“, so Retzer. „Der Täter sollte sich selbst vergeben.“ Viel zu oft trage der Verlassende seine Schuldgefühle und sein Bedürfnis nach Sühne in eine neue Partnerschaft oder die Beziehung zu den Kindern hinein. Gerade Kindern jedoch bekomme es nie, wenn etwas an ihnen wiedergutgemacht werden solle.

          Insofern ist die Lüge von der einvernehmlichen Trennung gar nicht so verkehrt. Täter, Opfer, Gewinner, Verlierer, Gläubiger, Schuldner - welche Dramaturgie, welche Verletzungen, welche Asymmetrien auch immer zum Ende einer Beziehung geführt haben: Wenn Kinder im Spiel sind, ist es ohnehin entscheidend, dass Herr und Frau Kaiser sich weiterhin im Guten begegnen können - in ihrer Rolle als Eltern. Der Anspruch gewisser Einvernehmlichkeit führt dann zu weniger Leid. Wenn Frau Kaiser sagt: „Ihr habt so einen tollen Papa.“ Wenn Herr Kaiser sagt: „Ihr habt die beste Mama der Welt.“

          Unsere Nachbarn haben sich getrennt. Die Wulffs auch. Was für ein Glück, dass wir eine Formel haben, die komplizierte Verwicklungen kaschiert und wenigstens nach außen signalisiert: Wir wollen einander nicht beschädigen. Paartherapeut Clement spricht von einer Stilfrage: „Respekt geht in diesem Fall vor Wahrheit.“

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