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Trennung : Wenn die Liebe geht

Aufrechnung ist schwierig

Mehr als neunzig Prozent der Deutschen, so Clement, wünschen sich die große Liebe - die eine, monogame, die ewig hält. Um diese Illusion zu bewahren, allen Trennungen zum Trotz, muss es ja irgendwer vergurkt haben. Nicht das Modell hat versagt, die Beteiligten sind schuld. Und so sitzen in der Praxis nicht nur bei Clement Ehepaare auf der Suche nach einer Erklärung für das Aus und reden die gemeinsamen Jahre nachträglich schlecht. Dabei, sagt der Paartherapeut, sei es womöglich einfach nur vorbei.

Haben sich getrennt: Vanessa Paradis und Johnny Depp.
Haben sich getrennt: Vanessa Paradis und Johnny Depp. : Bild: AFP

Von Anfang an sind es unsere hehren, überfrachteten Vorstellungen von der Liebe und dem perfekten Glück zu zweit, die zur Hypothek für Beziehungen werden. Dazu gehört insbesondere die Vorstellung von einem gleichberechtigten Geben und Nehmen, von einer Balance, in der es keine Gewinner, keine Verlierer gibt: Gerechtigkeit. „Ich glaube, dass das vielleicht die zentrale Kategorie ist, mit der wir in Paarbeziehungen operieren“, sagt Psychologe Retzer. „Gerechtigkeitsansprüche sind aber wahrscheinlich auch eine der wichtigsten Quellen für viel Leid.“

In einer Beziehung macht jeder seine Bilanzen, beide rechnen auf. Und wieder sind alle Opfer.

Frau Kaiser: „Ich bin letzte Nacht dreimal aufgestanden, weil der Kleine so gehustet hat.“

Herr Kaiser: „Ich war schon seit Wochen nicht mehr aus, damit sie abends ein bisschen Freiraum hat.“

Frau Kaiser: „Für unsere Kinder musste ich meine Karriere aufgeben.“

Herr Kaiser: „Ihr zuliebe habe ich einen Job im Ausland ausgeschlagen, ohne auch nur darüber nachzudenken.“

Müsste der Partner angesichts all dieser Verdienste und Leistungen einen nicht zwangsläufig mehr lieben, mehr würdigen, mehr begehren? Aber wie lässt sich so etwas berechnen? Wie bemisst man eine Schuld, die der andere auf sich lädt? Und wenn Herr Kaiser eine Affäre hatte - hat Frau Kaiser dann eine gut? „Der Versuch, die Ungleichheit aus der Welt zu schaffen, kann der Weg in die Hölle sein“, warnt Retzer und plädiert dafür, den Anspruch auf Gerechtigkeit aufzugeben. „Resignative Reife“ nennt er das, die Einsicht, „dass es so ist, wie es ist, und es ist nicht schlimm.“ Wo kein Gläubiger, da kein Schuldner.

Einvernehmlichkeit führt zu weniger Leid

Schlimmstenfalls ragen Gerechtigkeitsansprüche weit in das Leben nach der Trennung hinein. Sie bestimmen die Zockerei um Unterhalt und Kinder, um Rentenansprüche und Urlaubsregelungen, und sie können in Rachegelüste umschlagen. Bestes Gegenmittel: Vergebung. „Das Opfer sollte dem Täter vergeben“, so Retzer. „Der Täter sollte sich selbst vergeben.“ Viel zu oft trage der Verlassende seine Schuldgefühle und sein Bedürfnis nach Sühne in eine neue Partnerschaft oder die Beziehung zu den Kindern hinein. Gerade Kindern jedoch bekomme es nie, wenn etwas an ihnen wiedergutgemacht werden solle.

Insofern ist die Lüge von der einvernehmlichen Trennung gar nicht so verkehrt. Täter, Opfer, Gewinner, Verlierer, Gläubiger, Schuldner - welche Dramaturgie, welche Verletzungen, welche Asymmetrien auch immer zum Ende einer Beziehung geführt haben: Wenn Kinder im Spiel sind, ist es ohnehin entscheidend, dass Herr und Frau Kaiser sich weiterhin im Guten begegnen können - in ihrer Rolle als Eltern. Der Anspruch gewisser Einvernehmlichkeit führt dann zu weniger Leid. Wenn Frau Kaiser sagt: „Ihr habt so einen tollen Papa.“ Wenn Herr Kaiser sagt: „Ihr habt die beste Mama der Welt.“

Unsere Nachbarn haben sich getrennt. Die Wulffs auch. Was für ein Glück, dass wir eine Formel haben, die komplizierte Verwicklungen kaschiert und wenigstens nach außen signalisiert: Wir wollen einander nicht beschädigen. Paartherapeut Clement spricht von einer Stilfrage: „Respekt geht in diesem Fall vor Wahrheit.“

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