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Trennung : Wenn die Liebe geht

Alle sind Opfer

Da sitzt dann Herr Kaiser bei seiner Anwältin, die ihm vorgerechnet hat, wie viel Geld Frau Kaiser jeden Monat zusteht. Er schluckt und fragt: „Was kann ich dagegen tun?“ Dann fragt Karin Meyer-Götz zurück: „Hat sie einen Neuen? Hat sie sich etwas zuschulden kommen lassen?“

Sitzt hingegen Frau Kaiser in der Kanzlei und droht, den Gatten bei der Steuer anzuschwärzen, warnt die Anwältin vor folgenschweren Fehlern: „Machen Sie ihn nicht schlecht.“ Oder, je nachdem: „Ziehen Sie nicht sofort mit Ihrem Liebhaber zusammen.“ Auch im Jahr 2013 gilt: „Schuld heißt Verwirkung des Unterhaltsanspruchs.“ Und weil es typischerweise nach wie vor die Frauen sind, die aufgrund der ehelichen Einkommensverhältnisse überhaupt einen Anspruch haben, den sie verlieren könnten, landet der Schwarze Peter zumeist bei ihnen.

Haben sich getrennt: Heidi Klum und Seal.
Haben sich getrennt: Heidi Klum und Seal. : Bild: dpa

So weit die Sicht von außen. Die Binnenperspektive ist eine andere. Uwe Jopt sagt: „Entscheidend ist: Wie fühlen Menschen das Zerbrechen ihrer Paarbeziehung?“ Jopt, emeritierter Professor für Psychologie an der Uni Bielefeld, ist seit drei Jahrzehnten als Gutachter in Scheidungsverfahren tätig, in denen um gemeinsame Kinder gestritten wird. Es ist seine Aufgabe und sein Privileg, immer mit beiden Beteiligten des Geschehens zu sprechen. Die Emotionen, sagt er, seien in der Regel unterschiedlich verteilt; das Spektrum reiche von absoluter Unversöhnlichkeit bis zu dem heimlichen Wunsch, die Ehe doch noch zu kitten. Interessanterweise jedoch hat es der Gutachter immer nur mit Opfern zu tun.

Frau Kaiser: „Er ist fremdgegangen, er hat mich betrogen. Ich kann diesem Mann nicht mehr vertrauen!“

Herr Kaiser: „Zwei Jahre lang keinen Sex - können Sie das nicht verstehen? Sie hat mich förmlich in die Arme der anderen Frau getrieben!“

Angriff auf das Ideal der romantischen Liebe

Je nachdem, wo man in einer Verkettung von Zusammenhängen den Anfangspunkt setzt, verschiebt sich der Auslöser und damit die Verantwortung. Wenn wir nun alle große Erzähler sind und uns die Welt erklären, indem wir Geschichten über sie verbreiten, indem wir weglassen, hervorheben oder bagatellisieren, damit uns das Leben plausibel wird und wir ein Maximum an Selbstachtung wahren können, dann erzählt jeder seine Version der Dinge so, als habe er lediglich reagiert. Keiner hat gern Schuld. In moralischer Hinsicht ist die Opferrolle überlegen.

Gutachter Jopt zufolge greift dieses tief verankerte Muster von Sandkastentagen an: „Der hat mich geschubst!“ - „Aber der hat mit der Schippe gehauen.“ Für Ulrich Clement, Paartherapeut aus Heidelberg, ist das die Grundfigur aller Paarkonflikte schlechthin: „Wenn’s schlecht läuft, ist der andere ein bisschen mehr schuld als ich selbst.“

Wenn es nun zu einer Trennung kommt, wenn wir uns, wenn unsere Nachbarn oder die Wulffs sich hinter der Fassade der Einvernehmlichkeit wechselseitig zu Tätern und Opfern erklären, sind letztlich immer beide gescheitert: mit ihrem Lebensentwurf. In ihrem Glück. An ihren Ansprüchen. Auch die Enttäuschung und der Schmerz darüber erklären, warum sich beide Seiten als Betrogene fühlen. Dabei sind, sieht man es statistisch, die meisten Paarbeziehungen endlich. „Nicht: bis dass der Tod euch scheidet. Sondern: bis einer geht“, sagt Clement. Das aber wollen wir nicht wahrhaben, es wäre ein Angriff auf unser Ideal von der romantischen Liebe - das „Goldene Kalb unserer Kultur“.

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