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Transsexualität : Ein Mann nimmt Abschied

  • -Aktualisiert am

Jakkie in ihrem neuen Leben: „Ich war eine Fehlbesetzung” Bild: Tobias Everke

James ist ein glücklich verheirateter Familienvater, als er beschließt, eine Frau zu werden. Er beginnt vorsichtig, sein Aussehen zu verändern - lässt sich die Haare wachsen, trägt durchsichtigen Nagellack. Dann fliegt er zur Operation nach Bangkok.

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          Der Abschiedsbrief des Vaters hat vier Seiten. Ein Word-Dokument, schwarz auf weiß, ohne Tippfehler, auf den 7. März 2005 datiert. So offiziell der Brief wirkt, so persönlich ist er. So eindeutig die Botschaft ist, so schwer ist sie dem Adressaten beizubringen.

          Lieber Steve, ich habe Dir nie einen Brief geschrieben, um das alles zu erklären. Ich bin mir bewusst, dass Du nie verstehen kannst, was ich durchmache, außer, Du würdest in meine Lage geraten. Ich bete, dass das niemals geschieht! Bitte glaub mir, dass es mir sehr leid tut.

          Sein Vatersein will er nicht aufgeben

          James war damals 45, er betrieb mit seiner Frau Linda einen Computerladen, hatte neben dem 17 Jahre alten Steve noch eine 14 Jahre alte Tochter und einen erwachsenen Adoptivsohn. Mit dem Brief hat James sich als Mann verabschiedet, ohne sein Vatersein aufgeben zu wollen. Dreieinhalb Jahre später ist aus James Jakkie geworden. Sie sitzt im Wartezimmer der MTF-Klinik in Bangkok. Vor zwei Wochen hat sie sich einer operativen Geschlechtsumwandlung unterzogen, zweimal am Tag muss sie nun zur Nachbehandlung. Sie ist groß und breit, blaue Augen, kräftiger Händedruck. Sie wirkt schüchtern, hat den Kopf leicht nach vorne gebeugt, ihre langen braunen Haare fallen über die muskulösen Schultern. Die Operation hat sechs Stunden gedauert, lächerlich wenig, vergleicht man sie mit den fast 50 Jahren, die Jakkie darauf gewartet hat, die längste Zeit unbewusst.

          Jakkie mit ihrer Frau Linda
          Jakkie mit ihrer Frau Linda : Bild: Tobias Everke

          Jakkie trägt Lidschatten, an jeder Hand drei Ringe, lila Fingernägel, eine Damenuhr, und erzählt von ihrem früheren Leben im falschen Körper. In der Ecke hinter ihr steht eine Bronzefigur: eine schlanke Frau, deren rechter Arm in eine Schwinge übergeht. Die Frau versucht abzuheben, aber links hat sie nur einen Arm statt eines Flügels. Im Kindergarten wollte der kleine James Schmuck tragen, erzählt Jakkie. „No, no, Jimmy“, hieß es dann. „Ich habe in einem Drehbuch gelebt und meine Rolle ganz gut gespielt. Aber ich war eine Fehlbesetzung.“ Sport, Biertrinken, Sex mit Mädchen: Auf alles, was die Pubertät seine Mitschüler tun ließ, hatte er keine Lust. Wenn er es ausprobierte, machte es ihm keinen Spaß. Für die wenigsten seiner Schulkameraden war die Pubertät leicht. „Für mich war es die Hölle.“

          „Ich bin Gender Dysphoric“

          Jetzt zu den Fakten. Mein Zustand nennt sich „Gender Dysphoria“ und beschreibt ein Unbehagen mit dem eigenen Geschlecht, unter dem etwa einer von 12.000 Männern und eine von 37.000 Frauen in Nordamerika leiden. Das sind die Zahlen der belegten Fälle, es wird vermutet, dass es tatsächlich doppelt so viele sind. Der Zustand ist so etwas wie ein Geburtsfehler, und über seine Ursache gibt es noch keine gesicherten Theorien. In derber Alltagssprache wird die Störung Transsexualität genannt. Ich bin Gender Dysphoric (GD). Wegen der perversen Bilder, die man damit verbindet, hasse ich das Wort „transsexuell“. Ich sehe es ein wenig anders als die Medizinwelt. Ich fühle mich, als sei ich als Frau geboren, mit einer verkorksten Anatomie.

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