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Tod im Mutterleib : Eine stille Geburt

Der „Garten der Sternenkinder“ in Berlin, ein Friedhof für still- und frühverstorbene Babys. Bild: Julia Zimmermann

Kinder, die im Mutterleib sterben, werden häufig trotzdem natürlich geboren. Danach haben die Eltern nicht nur mit dem Verlust zu kämpfen. Sie treffen auch auf Mitmenschen, die nicht wissen, wie sie mit den Trauernden umgehen sollen.

          6 Min.

          Tabea war etwas mehr als 30 Zentimeter groß und über ein Kilogramm schwer, als Eva und Volker Reichart beschlossen, sich ein neues Auto zu kaufen. Drei Kindersitze würden nicht auf die Rückbank ihres Golf Kombi passen, sie brauchten einen größeren Wagen, eine echte Familienkutsche sollte es sein. Sie entschieden sich für einen grauen Seat Alhambra.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Keine der vorherigen Schwangerschaften war für Eva Reichart so unkompliziert gewesen wie die mit Tabea. Zwar war ihr Gebärmutterhals verkürzt, in der 14. Schwangerschaftswoche legten die Ärzte ihr eine Zerklage, mit einem Kunststoffband verschlossen sie den Gebärmutterhals, um eine Frühgeburt zu verhindern. Eva Reichart fühlte sich gut. Sie achtete darauf, nicht schwer zu heben, lag viel. Manchmal tanzte Tabea wie wild in ihrem Bauch.

          Miriam und Benjamin, damals fünf und acht Jahre alt, beobachteten fasziniert, wie der Bauch ihrer Mutter immer größer wurde. Benjamin erzählte all seinen Klassenkameraden, dass er eine Schwester bekommen würde. Miriam streichelte jeden Morgen den Bauch ihrer Mutter, bevor sie zum Kindergarten ging. „Tschüss, Baby, mach’s gut“, sagte sie dann.

          Jetzt würde nichts mehr schiefgehen

          Die Reicharts waren sich sicher: Jetzt würde nichts mehr schiefgehen, würde nicht noch passieren, was sie bei ihrem ersten Sohn Lukas erlebt hatten. Als sie 2000 ihr erstes Kind erwarteten, steckten sie gerade mitten im Umzug nach Bad Camberg im Westen von Hessen, Eva Reicharts Heimatstadt. Volker Reichart hatte in Hofheim eine Stelle als Physiotherapeut angenommen, ein Jahr zuvor hatten die beiden geheiratet.

          Lukas war ein Wunschkind, doch die Schwangerschaft war von Anfang an schwierig. Immer wieder hatte Eva Reichart starke Blutungen, ab der zehnten Schwangerschaftswoche musste sie liegen, die Krankenkasse bezahlte ihr eine Haushaltshilfe. Wenn es gut lief, verbrachte sie die Tage auf der Couch in ihrer Wohnung, mehrere Wochen lag sie in Krankenhäusern in Limburg und Wiesbaden. Trotzdem verlor sie weiter viel Blut. Auch ihre Sauerstoffsättigung ließ nach, sie baute ab, wurde schwach. Die Ärzte machten sich Sorgen um ihre Gesundheit und rieten, über einen Schwangerschaftsabbruch nachzudenken. Eva Reichart und ihr Mann konnten sich nicht gegen ihr Kind entscheiden: „Ich hätte mich immer gefragt, ob es nicht doch anders gegangen wäre.“

          Lukas schaffte es nur auf 320 Gramm

          Die Reicharts beschlossen, die Schwangerschaft fortzusetzen, solange es Lukas gutging. Dabei hatten sie immer ein festes Ziel vor Augen: 500 Gramm. Sollte Lukas nicht überleben, würde er nur dann offiziell existieren, wenn er mehr als 500 Gramm wiegt, so wollte es damals das Gesetz. Andernfalls, das war Eva Reicharts größte Sorge, würde er womöglich als Klinikmüll gemeinsam mit herausoperierten Organen und abgetrennten Gliedmaßen entsorgt. „Es war immer mein Horror, dass mein Kind auf irgendeiner Müllkippe landet.“

          Erst im Februar dieses Jahres hat der Bundestag einstimmig beschlossen, dass Eltern auch Kinder mit einem Gewicht von unter 500 Gramm beim Standesamt eintragen lassen und damit regulär bestatten können, in einem eigenen Grab. Bisher war es nur möglich, diese Kinder im Familiengrab oder in einer Sammelbestattung zu beerdigen, wenn der jeweilige Friedhof das in seiner Friedhofsordnung gestattete.

          Lukas brachte es bis auf 320 Gramm, dann starb er im Mutterleib. Warum ihr Sohn nicht überlebte, wissen die Reicharts bis heute nicht. Sie entschieden sich gegen eine Obduktion, weil sie sich nicht vorstellen konnten, ihr Kind aufschneiden zu lassen. Möglicherweise lag es an einem Polypen, einem Geschwulst, das sich in Eva Reicharts Gebärmutterhals gebildet hatte.

          Fehlgeburten kommen sehr selten vor

          2387 Kinder kamen im Jahr 2011 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mit einem Gewicht von mehr als 500 Gramm tot zur Welt; Kinder, die weniger wiegen, werden statistisch nicht erfasst. Demgegenüber standen 662 685 Lebendgeburten. „Fehl- und Totgeburten kommen zum Glück sehr selten vor“, sagt Frauenarzt Jörg Angresius. „Es gibt aber immer wieder Schicksalsschläge, die man nicht erklären kann.“ Wenn ein Kind im Mutterleib stirbt, liege es häufig daran, dass die Plazenta nicht ausreichend ausgebildet ist und das Kind zu wenig Blut, Sauerstoff und Nährstoffe bekommt. Auch Nikotin-, Alkohol- oder Drogenkonsum der Mutter können ein Grund sein. In einigen Fällen wickelt sich das Kind einmal zu viel um die Nabelschnur. Und manchmal findet man die Ursache einfach nicht heraus.

          Blutwerte und Ultraschallbilder deuteten nicht darauf hin, dass die Reicharts bei einer Folgeschwangerschaft noch einmal ein Kind verlieren würden. Tatsächlich bekamen sie zwei gesunde Kinder: Miriam und Benjamin. Doch auch diese Schwangerschaften verliefen schwierig, und so war die Sorge, noch einmal ein Kind zu verlieren, wieder allgegenwärtig, als Eva Reichert mit Tabea schwanger war.

          Von Woche zu Woche gehangelt

          Die Familie hangelte sich von Woche zu Woche, jeden Dienstag war eine weitere Woche geschafft, in der Tabea noch ein bisschen gewachsen war, in der sie weiter an Gewicht zugelegt hatte. Bald waren die ersten drei Monate vorbei, in denen das Risiko einer Fehlgeburt am größten ist. Die nächste Hürde war die 22. Schwangerschaftswoche, die, in der Lukas gestorben war. Nach der 32. Schwangerschaftswoche wussten Eva und Volker Reichert: Jetzt kann nicht mehr viel schiefgehen. Nach 32 Wochen wäre Tabeas Lunge stark genug, selbst wenn sie zu früh auf die Welt käme. Nach 32 Wochen stand der Seat Alhambra schon vor der Tür.

          Tabea starb in der 33. Schwangerschaftswoche. Schon am Wochenende hatte Eva Reichart ein komisches Gefühl, doch sie wollte sich nicht verrückt machen, nicht wieder die Hebamme anrufen, wenn dann doch wieder alles in Ordnung wäre. Als sie ihre Tochter am Montagmorgen immer noch nicht in ihrem Bauch spürte, ging sie zum Frauenarzt. Er fand beim Ultraschall keinen Herzschlag mehr.

          Eva und Volker Reichart gingen mit Tabea noch einmal für eine Nacht nach Hause, bevor sie am nächsten Tag die Geburt einleiten ließen. Diana Wagner rät als leitende Hebamme in der Frauenklinik des Vinzenz-Palotti-Krankenhauses in Bensberg allen Eltern dazu, sich die Zeit zu nehmen, um sich von ihrem Kind zu verabschieden, sich Gedanken über die Beerdigung zu machen, zu trauern. Viele Eltern, denen so etwas passiert, die zu ihr in den Kreißsaal kommen, wollen die Geburt direkt hinter sich bringen, „am besten per Kaiserschnitt und unter Vollnarkose“. Wagner bietet den Eltern dann Gespräche an, stellt Kontakt zum Psychosozialen Dienst der Klinik her, versorgt sie mit Infomaterial. Die Eltern können zwischendurch nach Hause gehen, aber auch immer wieder kommen. Wagner: „Manche Paare können nach einigen Tagen ihr Schicksal ganz gut annehmen.“ Bei einigen Frauen setzen die Wehen dann von selbst ein, andere bekommen Tabletten oder eine Spritze. „Nur wenn die Seele bereit ist loszulassen, tut sich aber wirklich etwas“, sagt Wagner.

          Mediziner sprechen von einer stillen Geburt

          Mediziner sprechen bei Totgeburten (dabei handelt es sich um Kinder, die mehr als 500 Gramm wiegen) oder bei Fehlgeburten (Kinder, die weniger als 500 Gramm wiegen) häufig auch von einer „stillen Geburt“ - weil das Kind nicht schreit, wenn es auf die Welt kommt. Alles andere versucht Wagner so zu gestalten wie bei einer normalen Geburt: Wenn das Kind geboren ist, hält sie schon ein vorgewärmtes Handtuch bereit, sie badet das Kind und zieht es an, nimmt Abdrücke von Händen und Füßen, macht Fotos. All das gehöre zum Trauerprozess, sagt sie.

          Teil dieses Prozesses ist auch, dass die Eltern ihr Kind nach der Geburt noch einmal sehen. Lukas war nach der Geburt gerade einmal zwei Handvoll groß, Tabea hingegen sah schon aus wie ein richtiger Säugling, der einfach ein bisschen zu klein geraten war. Sie hatte Fingernägel, guckte ihren Vater an. „Ein Bild, das einem erhalten bleibt“, sagt Volker Reichart.

          Die Reicharts entschieden sich dafür, auch ihre beiden anderen Kinder Miriam und Benjamin in den Kreißsaal zu holen. Auch sie sollten ihre Schwester noch einmal sehen können, sich verabschieden. „Geschwisterkinder lehren uns, wie man mit dem Tod umgehen kann“, sagt Hebamme Wagner. Häufig bleibt ihnen das zerdötschte Gesicht in Erinnerung, oder die süßen Hände.

          Offen mit dem Verlust umgegangen

          Die Reicharts gingen offen mit ihrem Verlust um und konnten doch nur schwer damit fertig werden, dass sie das Krankenhaus ohne ihre Tochter verlassen mussten. „Man fühlt sich als Mama, ist aber keine“, sagt Eva Reichart. Als Physiotherapeutin wusste sie, wie wichtig die Nachsorge ist, sie gehorchte ihrer Hebamme, die streng kontrollierte, ob die Gebärmutter sich zurückbildet, und ihr Tabletten gab, damit keine Milch einschoss. Das erste Mal alleine einkaufen ging sie jedoch erst nach drei Wochen. Sie wollte Gespräche vermeiden über das Kind, das sie nach fast neun Monaten Schwangerschaft und sichtbar dickem Bauch nicht hatte, obwohl ihr Bauch wieder dünn war.

          Einmal begegnete ihr eine Kollegin von der Schule, an der sie als Sportlehrerin arbeitet, im Supermarkt. „Wow, du siehst ja schon wieder schlank aus. Ist das Kind schon da?“, fragte sie. Eva Reichart wusste nicht, was sie antworten sollte.

          Auch viele Freunde der Reicharts waren unsicher, wie sie mit der Situation umgehen sollten, ob sie Tabeas Tod ansprechen sollten oder nicht, was sie überhaupt sagen sollten. Doch die Reicharts wollten daraus kein Tabuthema machen, auch Miriam und Benjamin sollten offen darüber reden können. „Das ist ein Teil unserer Geschichte, er gehört zu uns“, sagt Eva Reichart. Auch Tabeas Beerdigung organisierte die kleine Familie deshalb gemeinsam. Nach Lukas’ Tod hatte Eva und Volker Reichart dazu noch die Kraft gefehlt. Sie wussten nicht, an wen sie sich wenden sollten, welche Wege zu gehen sind. „Selbst das Bestattungsunternehmen wusste erst mal nicht, was zu tun ist“, sagt Eva Reichart. Ihre Eltern kümmerten sich um die Organisation und erreichten schließlich, dass Lukas dem Grab seines Urgroßvaters in Wetzlar beigelegt werden konnte. Nach Tabeas Tod bereiteten die Reicharts alles selbst vor, sie gingen mit Miriam und Benjamin zum Friedhof in Bad Camberg, erklärten ihnen, wie die Beerdigung ablaufen würde, wählten gemeinsam mit ihnen die Texte aus.

          Eine Woche nach ihrer Geburt, am 22. September 2010, wurde Tabea beigesetzt. Auf dem Weg nach Hause sagte Miriam: „Jetzt brauchen wir das große Auto gar nicht mehr.“

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