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Tod im Mutterleib : Eine stille Geburt

Der „Garten der Sternenkinder“ in Berlin, ein Friedhof für still- und frühverstorbene Babys. Bild: Julia Zimmermann

Kinder, die im Mutterleib sterben, werden häufig trotzdem natürlich geboren. Danach haben die Eltern nicht nur mit dem Verlust zu kämpfen. Sie treffen auch auf Mitmenschen, die nicht wissen, wie sie mit den Trauernden umgehen sollen.

          Tabea war etwas mehr als 30 Zentimeter groß und über ein Kilogramm schwer, als Eva und Volker Reichart beschlossen, sich ein neues Auto zu kaufen. Drei Kindersitze würden nicht auf die Rückbank ihres Golf Kombi passen, sie brauchten einen größeren Wagen, eine echte Familienkutsche sollte es sein. Sie entschieden sich für einen grauen Seat Alhambra.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Keine der vorherigen Schwangerschaften war für Eva Reichart so unkompliziert gewesen wie die mit Tabea. Zwar war ihr Gebärmutterhals verkürzt, in der 14. Schwangerschaftswoche legten die Ärzte ihr eine Zerklage, mit einem Kunststoffband verschlossen sie den Gebärmutterhals, um eine Frühgeburt zu verhindern. Eva Reichart fühlte sich gut. Sie achtete darauf, nicht schwer zu heben, lag viel. Manchmal tanzte Tabea wie wild in ihrem Bauch.

          Miriam und Benjamin, damals fünf und acht Jahre alt, beobachteten fasziniert, wie der Bauch ihrer Mutter immer größer wurde. Benjamin erzählte all seinen Klassenkameraden, dass er eine Schwester bekommen würde. Miriam streichelte jeden Morgen den Bauch ihrer Mutter, bevor sie zum Kindergarten ging. „Tschüss, Baby, mach’s gut“, sagte sie dann.

          Jetzt würde nichts mehr schiefgehen

          Die Reicharts waren sich sicher: Jetzt würde nichts mehr schiefgehen, würde nicht noch passieren, was sie bei ihrem ersten Sohn Lukas erlebt hatten. Als sie 2000 ihr erstes Kind erwarteten, steckten sie gerade mitten im Umzug nach Bad Camberg im Westen von Hessen, Eva Reicharts Heimatstadt. Volker Reichart hatte in Hofheim eine Stelle als Physiotherapeut angenommen, ein Jahr zuvor hatten die beiden geheiratet.

          Lukas war ein Wunschkind, doch die Schwangerschaft war von Anfang an schwierig. Immer wieder hatte Eva Reichart starke Blutungen, ab der zehnten Schwangerschaftswoche musste sie liegen, die Krankenkasse bezahlte ihr eine Haushaltshilfe. Wenn es gut lief, verbrachte sie die Tage auf der Couch in ihrer Wohnung, mehrere Wochen lag sie in Krankenhäusern in Limburg und Wiesbaden. Trotzdem verlor sie weiter viel Blut. Auch ihre Sauerstoffsättigung ließ nach, sie baute ab, wurde schwach. Die Ärzte machten sich Sorgen um ihre Gesundheit und rieten, über einen Schwangerschaftsabbruch nachzudenken. Eva Reichart und ihr Mann konnten sich nicht gegen ihr Kind entscheiden: „Ich hätte mich immer gefragt, ob es nicht doch anders gegangen wäre.“

          Lukas schaffte es nur auf 320 Gramm

          Die Reicharts beschlossen, die Schwangerschaft fortzusetzen, solange es Lukas gutging. Dabei hatten sie immer ein festes Ziel vor Augen: 500 Gramm. Sollte Lukas nicht überleben, würde er nur dann offiziell existieren, wenn er mehr als 500 Gramm wiegt, so wollte es damals das Gesetz. Andernfalls, das war Eva Reicharts größte Sorge, würde er womöglich als Klinikmüll gemeinsam mit herausoperierten Organen und abgetrennten Gliedmaßen entsorgt. „Es war immer mein Horror, dass mein Kind auf irgendeiner Müllkippe landet.“

          Erst im Februar dieses Jahres hat der Bundestag einstimmig beschlossen, dass Eltern auch Kinder mit einem Gewicht von unter 500 Gramm beim Standesamt eintragen lassen und damit regulär bestatten können, in einem eigenen Grab. Bisher war es nur möglich, diese Kinder im Familiengrab oder in einer Sammelbestattung zu beerdigen, wenn der jeweilige Friedhof das in seiner Friedhofsordnung gestattete.

          Lukas brachte es bis auf 320 Gramm, dann starb er im Mutterleib. Warum ihr Sohn nicht überlebte, wissen die Reicharts bis heute nicht. Sie entschieden sich gegen eine Obduktion, weil sie sich nicht vorstellen konnten, ihr Kind aufschneiden zu lassen. Möglicherweise lag es an einem Polypen, einem Geschwulst, das sich in Eva Reicharts Gebärmutterhals gebildet hatte.

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