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Tod im Mutterleib : Eine stille Geburt

Mediziner sprechen von einer stillen Geburt

Mediziner sprechen bei Totgeburten (dabei handelt es sich um Kinder, die mehr als 500 Gramm wiegen) oder bei Fehlgeburten (Kinder, die weniger als 500 Gramm wiegen) häufig auch von einer „stillen Geburt“ - weil das Kind nicht schreit, wenn es auf die Welt kommt. Alles andere versucht Wagner so zu gestalten wie bei einer normalen Geburt: Wenn das Kind geboren ist, hält sie schon ein vorgewärmtes Handtuch bereit, sie badet das Kind und zieht es an, nimmt Abdrücke von Händen und Füßen, macht Fotos. All das gehöre zum Trauerprozess, sagt sie.

Teil dieses Prozesses ist auch, dass die Eltern ihr Kind nach der Geburt noch einmal sehen. Lukas war nach der Geburt gerade einmal zwei Handvoll groß, Tabea hingegen sah schon aus wie ein richtiger Säugling, der einfach ein bisschen zu klein geraten war. Sie hatte Fingernägel, guckte ihren Vater an. „Ein Bild, das einem erhalten bleibt“, sagt Volker Reichart.

Die Reicharts entschieden sich dafür, auch ihre beiden anderen Kinder Miriam und Benjamin in den Kreißsaal zu holen. Auch sie sollten ihre Schwester noch einmal sehen können, sich verabschieden. „Geschwisterkinder lehren uns, wie man mit dem Tod umgehen kann“, sagt Hebamme Wagner. Häufig bleibt ihnen das zerdötschte Gesicht in Erinnerung, oder die süßen Hände.

Offen mit dem Verlust umgegangen

Die Reicharts gingen offen mit ihrem Verlust um und konnten doch nur schwer damit fertig werden, dass sie das Krankenhaus ohne ihre Tochter verlassen mussten. „Man fühlt sich als Mama, ist aber keine“, sagt Eva Reichart. Als Physiotherapeutin wusste sie, wie wichtig die Nachsorge ist, sie gehorchte ihrer Hebamme, die streng kontrollierte, ob die Gebärmutter sich zurückbildet, und ihr Tabletten gab, damit keine Milch einschoss. Das erste Mal alleine einkaufen ging sie jedoch erst nach drei Wochen. Sie wollte Gespräche vermeiden über das Kind, das sie nach fast neun Monaten Schwangerschaft und sichtbar dickem Bauch nicht hatte, obwohl ihr Bauch wieder dünn war.

Einmal begegnete ihr eine Kollegin von der Schule, an der sie als Sportlehrerin arbeitet, im Supermarkt. „Wow, du siehst ja schon wieder schlank aus. Ist das Kind schon da?“, fragte sie. Eva Reichart wusste nicht, was sie antworten sollte.

Auch viele Freunde der Reicharts waren unsicher, wie sie mit der Situation umgehen sollten, ob sie Tabeas Tod ansprechen sollten oder nicht, was sie überhaupt sagen sollten. Doch die Reicharts wollten daraus kein Tabuthema machen, auch Miriam und Benjamin sollten offen darüber reden können. „Das ist ein Teil unserer Geschichte, er gehört zu uns“, sagt Eva Reichart. Auch Tabeas Beerdigung organisierte die kleine Familie deshalb gemeinsam. Nach Lukas’ Tod hatte Eva und Volker Reichart dazu noch die Kraft gefehlt. Sie wussten nicht, an wen sie sich wenden sollten, welche Wege zu gehen sind. „Selbst das Bestattungsunternehmen wusste erst mal nicht, was zu tun ist“, sagt Eva Reichart. Ihre Eltern kümmerten sich um die Organisation und erreichten schließlich, dass Lukas dem Grab seines Urgroßvaters in Wetzlar beigelegt werden konnte. Nach Tabeas Tod bereiteten die Reicharts alles selbst vor, sie gingen mit Miriam und Benjamin zum Friedhof in Bad Camberg, erklärten ihnen, wie die Beerdigung ablaufen würde, wählten gemeinsam mit ihnen die Texte aus.

Eine Woche nach ihrer Geburt, am 22. September 2010, wurde Tabea beigesetzt. Auf dem Weg nach Hause sagte Miriam: „Jetzt brauchen wir das große Auto gar nicht mehr.“

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