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Tod im Mutterleib : Eine stille Geburt

Fehlgeburten kommen sehr selten vor

2387 Kinder kamen im Jahr 2011 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mit einem Gewicht von mehr als 500 Gramm tot zur Welt; Kinder, die weniger wiegen, werden statistisch nicht erfasst. Demgegenüber standen 662 685 Lebendgeburten. „Fehl- und Totgeburten kommen zum Glück sehr selten vor“, sagt Frauenarzt Jörg Angresius. „Es gibt aber immer wieder Schicksalsschläge, die man nicht erklären kann.“ Wenn ein Kind im Mutterleib stirbt, liege es häufig daran, dass die Plazenta nicht ausreichend ausgebildet ist und das Kind zu wenig Blut, Sauerstoff und Nährstoffe bekommt. Auch Nikotin-, Alkohol- oder Drogenkonsum der Mutter können ein Grund sein. In einigen Fällen wickelt sich das Kind einmal zu viel um die Nabelschnur. Und manchmal findet man die Ursache einfach nicht heraus.

Blutwerte und Ultraschallbilder deuteten nicht darauf hin, dass die Reicharts bei einer Folgeschwangerschaft noch einmal ein Kind verlieren würden. Tatsächlich bekamen sie zwei gesunde Kinder: Miriam und Benjamin. Doch auch diese Schwangerschaften verliefen schwierig, und so war die Sorge, noch einmal ein Kind zu verlieren, wieder allgegenwärtig, als Eva Reichert mit Tabea schwanger war.

Von Woche zu Woche gehangelt

Die Familie hangelte sich von Woche zu Woche, jeden Dienstag war eine weitere Woche geschafft, in der Tabea noch ein bisschen gewachsen war, in der sie weiter an Gewicht zugelegt hatte. Bald waren die ersten drei Monate vorbei, in denen das Risiko einer Fehlgeburt am größten ist. Die nächste Hürde war die 22. Schwangerschaftswoche, die, in der Lukas gestorben war. Nach der 32. Schwangerschaftswoche wussten Eva und Volker Reichert: Jetzt kann nicht mehr viel schiefgehen. Nach 32 Wochen wäre Tabeas Lunge stark genug, selbst wenn sie zu früh auf die Welt käme. Nach 32 Wochen stand der Seat Alhambra schon vor der Tür.

Tabea starb in der 33. Schwangerschaftswoche. Schon am Wochenende hatte Eva Reichart ein komisches Gefühl, doch sie wollte sich nicht verrückt machen, nicht wieder die Hebamme anrufen, wenn dann doch wieder alles in Ordnung wäre. Als sie ihre Tochter am Montagmorgen immer noch nicht in ihrem Bauch spürte, ging sie zum Frauenarzt. Er fand beim Ultraschall keinen Herzschlag mehr.

Eva und Volker Reichart gingen mit Tabea noch einmal für eine Nacht nach Hause, bevor sie am nächsten Tag die Geburt einleiten ließen. Diana Wagner rät als leitende Hebamme in der Frauenklinik des Vinzenz-Palotti-Krankenhauses in Bensberg allen Eltern dazu, sich die Zeit zu nehmen, um sich von ihrem Kind zu verabschieden, sich Gedanken über die Beerdigung zu machen, zu trauern. Viele Eltern, denen so etwas passiert, die zu ihr in den Kreißsaal kommen, wollen die Geburt direkt hinter sich bringen, „am besten per Kaiserschnitt und unter Vollnarkose“. Wagner bietet den Eltern dann Gespräche an, stellt Kontakt zum Psychosozialen Dienst der Klinik her, versorgt sie mit Infomaterial. Die Eltern können zwischendurch nach Hause gehen, aber auch immer wieder kommen. Wagner: „Manche Paare können nach einigen Tagen ihr Schicksal ganz gut annehmen.“ Bei einigen Frauen setzen die Wehen dann von selbst ein, andere bekommen Tabletten oder eine Spritze. „Nur wenn die Seele bereit ist loszulassen, tut sich aber wirklich etwas“, sagt Wagner.

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