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Tochter im englischen Internat : Hanna und die Truro-Girls

Schnell kehrt Normalität ein

Von Heimweh ist Hanna von Anfang an verschont geblieben. Und auch der Rest der Familie hat den Abschied - bis auf eine kurze Aufwallung der Gefühle auf Seiten meiner Frau - gut verkraftet. Bei allem Herzklopfen gestaltet sich die Ankunft im Boarding-House geradezu unspektakulär. Die Gebühren sind bezahlt, die Checklisten abgearbeitet, das Kind ist ausgestattet und pünktlich in Truro - alles andere regeln Mrs. Pascoe und ihre Kolleginnen, von der Zimmerbelegung bis zur Uniform, von der Einweisung in der Mensa bis zum Tagesablauf.

Hanna teilt das Zimmer mit zwei Engländerinnen und einem deutschen Mädchen. Aber auch eine Gruppe von Spanierinnen und einige Chinesinnen aus Hongkong gehören zu den Boardern. In ihrer Klasse sind jene Schülerinnen in der Mehrzahl, die jeden Morgen von zu Hause in die Schule kommen. Schon nach den ersten SMS-Mitteilungen wird klar, dass wir uns keine Sorgen machen müssen, und es ist erstaunlich, wie schnell Normalität einkehrt. Bei Hanna in Truro und bei uns in Wiesbaden.

Anders als zu meinen Londoner College-Zeiten, als ich einmal in der Woche für ein paar Minuten zu Hause angerufen habe, ist Kommunikation im Smartphone-Zeitalter kein Thema mehr. Per SMS, Whatsapp und Skype ist das Kind praktisch dauerpräsent. Es berichtet von seinem durchgeplanten Tagesablauf, schickt Fotos von der Uniform, beschwert sich - entgegen meinen Erwartungen - nicht über das englische Essen in der Mensa und schwärmt von den neuen Freundinnen, der Spanierin Maria, dem Hongkong-Girl Kelly, den beiden Engländerinnen Daisy und Izzy und von der Bremerin Leonie, die für zwei Terms in Truro bleiben wird.

Selbst in Mathe und Chemie ist sie unter den Besten

Viel Freizeit haben die Mädchen während der Woche nicht, vom Wecken um 7.15 Uhr bis zum Ende der „prep-time“, der Hausaufgabenbetreuung, um 19.30 Uhr haben sie am späten Nachmittag nur zwei Stunden zu freien Verfügung. Aber meiner Tochter scheint das außerordentlich gutzutun. So gut, dass sie sich schon nach zwei Wochen vornimmt, sich zu Hause selbst einen ähnlich strikten Plan aufzuerlegen. Wahrscheinlich eine Illusion - aber die Geste zählt.

Fast ebenso erstaunlich wie die schnelle, klaglose Eingewöhnung sind Hannas Fortschritte in Englisch. Ich staune vor allem über ihre wöchentlichen Essays, die sie in Geschichte über das Ende des Ersten Weltkrieges, den Versailler Vertrag und den Völkerbund schreibt. Selbst in Mathe und Chemie gehört sie plötzlich zu den besseren Schülerinnen - „aber da sind die hier auch ziemlich zurück“. Doch das ist nur ein Teil der Erklärung, ein weiterer ist die Klassengröße: Die einzelnen Fächer sind im Durchschnitt nur mit einem Dutzend Mädchen belegt, außerdem kommt zum Tragen, was Direktorin Pascoe als zentrales Argument für eine reine Mädchenschule anführt: „Unsere Schülerinnen sind nicht abgelenkt, gerade in der Pubertät ist das von großer Bedeutung.“

Morgens nicht lange zurechtmachen: Tatsächlich kann sich auch Hanna mit dem Tragen der Uniform anfreunden.

Tatsächlich genießt auch Hanna diese spezielle Konstellation, zu der auch das Tragen der Uniform gehört. „Man muss sich morgens nicht zurechtmachen und schminken, sondern zieht einfach den Rock, die Bluse und den Pullover an. Fertig.“ Auch das vermittle den Mädchen ein Gefühl der Sicherheit, meint Mrs. Pascoe. „So machen wir selbstbewusste junge Frauen aus ihnen.“

Es ist vor allem dieses Selbstbewusstsein und eine gewisse Souveränität, die uns auffällt, als wir Hanna zum „half-term“, den einwöchigen Herbstferien Ende Oktober, in Truro besuchen. Ihr Bruder findet das Auftreten seiner Schwester zwar „arrogant“. Doch auch ihm ist die Wiedersehensfreude deutlich anzumerken, und er genießt die Woche im tatsächlich sehr malerischen Cornwall.

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