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„Super-Nanny“ im Wahlkampf : Ein Kindermädchen für die SPD

„Die ist ja ein richtiger Star” - manche Genossen sind erstaunt über die Popularität von „Super-Nanny” Katharina Saalfrank Bild: dpa

Katharina Saalfrank soll das familienpolitische Profil der SPD schärfen. Die Partei will sich mit Hilfe der Fernsehpädagogin aus dem Umfragetief befreien - nebenbei macht die „Super-Nanny“ Werbung für sich selbst.

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          Die ersten Fans, die schon nach Autogrammen fragen, als sie nur die Straße hinuntergelaufen kommt, werden vertröstet. „Kannst du dir nicht erst noch die Veranstaltung ansehen?“, fragt Katharina Saalfrank ein tumbes blasses Mädel. „Ich sage immer: Erst die Arbeit. Dann das Vergnügen.“ Das Mädchen zückt sein Handy, nuschelt etwas von seiner wartenden Mutter und einer Verabredung, die es verschieben müsse. Aber es ist noch da, als die Prominenz kurz darauf das Mainzer Kinderhaus „Blauer Elefant“ besichtigt. Die offene Küche, Räume für Hausaufgabenhilfe und Jugendtreff, ein Zimmer mit einer richtigen Kletterwand. Ernst und aufmerksam schaut Katharina Saalfrank sich alles an, fast ein wenig streng, so wie man das von ihr aus dem Fernsehen kennt. Als sie sich dann wieder durch die Menge aus Presseleuten und Publikum schiebt, steht vor ihr das blasse Mädel mit dem Handy. Sie fasst es am Handgelenk: „Hast du's geschafft?“, fragt sie und lächelt. Für einen Moment scheint man überbordende Herzlichkeit und Zuwendung zu spüren. Mitten im Wirbel der Öffentlichkeit.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Ich find' die einfach nur klasse. Die ist Hammer“, sagt das Mädel. „Und wie sie die Kinder aus der Scheiße holt!“, ergänzt ein Vierzehnjähriger. „Ich weiß nicht, warum meine Partei Frau Saalfrank eingeladen hat“, rätselt eine SPD-Frau im Garten des Kinderhauses, wo gleich die Diskussion beginnt. „Das ist ja ein richtiger Star“, staunt eine ältere Genossin mit roter Weste.

          „Braucht die SPD eine Super-Nanny?“

          „Natürlich besteht die Gefahr, durch den Kakao gezogen zu werden“, sagt SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, Initiator der Veranstaltungsreise mit Katharina Saalfrank zum Thema „Bildung und Familie - Was brauchen unsere Kinder?“, die am Donnerstag zu Ende gegangen ist. Dann wiederholt er selbst die Frage, die ihm seit Wochen um die Ohren gehauen wird: „Braucht die SPD eine Super-Nanny?“

          Keine Politikerin, aber seit 12 Jahren Mitglied der SPD: Katharina Saalfrank

          Das Schlimme ist: Egal ob in Mainz, Verden oder in der brandenburgischen Provinz, ob in Kinderkrippen, Grundschulen oder Bürgerhäusern - in wohl jedem Publikum finden sich altgediente Parteimitglieder, die diese Frage mit „ja“ beantworten. Die Partei im Umfragetief, der Kandidat hoffnungslos abgeschlagen. Das klingt nach einer dieser verfahrenen Situationen, wegen derer Katharina Saalfrank auch bei RTL in der Sendung „Die Super-Nanny“ auf den Plan gerufen wird. Wenn keiner mehr weiterweiß, braucht es Hilfe von außen. Kaum naht aber mit resolutem Schritt die Super-Nanny, wendet sich die Lage zum Besseren, und verzweifelte Gesichter werden wieder froh. Die Off-Stimme von RTL könnte bei nur minimaler Variation des Originals im Vorspann sagen: „Diplom-Pädagogin Katia Saalfrank erlebt bei der vielköpfigen Familie SPD einen ihrer emotionalsten Fälle.“ Kein Wunder, dass die Presse fröhlich ätzt.

          Der geborene Gegenpart zur blonden Familienministerin

          Seit Ursula von der Leyen als Star des Kabinetts im Namen der CDU eine Politik durchsetzt, mit der sich die SPD in der vorangegangenen Legislaturperiode gerne geschmückt hätte, tun sich die Sozialdemokraten schwer mit ihrem familienpolitischen Profil. Katharina Saalfrank wäre da eine ideale Besetzung. Sie ist klug und kompetent wie von der Leyen. Sie kann reden und kamerawirksam lachen. Sie hat immerhin vier eigene Kinder (von der Leyen: sieben), ist dafür aber erst 37 Jahre alt (von der Leyen: 50) und trägt statt Hosenanzügen Jeans von Miss Sixty. Die Presse rühmte sie schon als „Mutter der Nation“, als die CDU-Ministerin noch Landespolitikerin war. Ein Doppelinterview in der „Bild“ mit großformatigen Fotos auf der Titelseite hat denn auch gezeigt: Während sich die Frauen in der Sache einig sind, wäre Saalfrank mit den dunklen, glatten Haaren, die ihr bis zur Taille reichen, der geborene Gegenpart zur blonden Familienministerin. Schneeweißchen und Rosenrot.

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