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Steigende Geburtenrate : „Bevölkerung neu definieren“

  • Aktualisiert am

In vielen europäischen Ländern zeigt die Geburtenkurve wieder nach oben Bild: picture-alliance/ dpa

In vielen europäischen Ländern zeigt die Geburtenkurve wieder nach oben. Laut dem Direktor des Rostocker Max-Planck-Instituts, Joshua R. Goldstein, ist der Grund dafür das höhere Durchschnittalter, in dem Frauen Kinder kriegen.

          Der amerikanische Demograph Joshua R. Goldstein hat gute Neuigkeiten zur kippenden Alterspyramide, auch in Deutschland.

          Herr Goldstein, dürfen wir der Zukunft wieder ein wenig optimistischer entgegenblicken?

          Ja. In vielen europäischen Ländern zeigt die Geburtenkurve nach oben. Wir erwarten, dass das auch eine Weile anhalten wird, trotz der derzeitigen Wirtschaftskrise.

          Joshua R. Goldstein ist Direktor des Rostocker Max-Planck-Instituts für demographische Forschung

          Die Geburtenraten in Deutschland liegen allerdings immer noch weit unter den 2,1, die eine konstante Bevölkerung bedeuten würden.

          Das stimmt zwar, man sollte die 2,1, allerdings auch nicht als eine Art magische Zahl sehen, die es unbedingt zu erreichen gälte. Denn in Immigrationsländern wie Deutschland wirkt sich eine niedrige Geburtenrate nicht so drastisch auf die Bevölkerung aus.

          Ihre Studie geht davon aus, dass das Steigen der Geburtenraten damit zu tun hat, dass Menschen in den Industrienationen später Eltern werden.

          Das Durchschnittsalter, in dem Frauen Kinder kriegen, hat sich verändert. Das bedeutet eine gewisse Streckung der Geburten, die bis vor kurzem zu einer vermeintlichen Abnahme geführt hat. Die Talsohle scheinen wir aber gerade zu durchschreiten.

          Heißt das, dass Frauen in Deutschland im Laufe ihres Lebens immer noch genauso viele Kinder kriegen wie früher?

          Für Deutschland sehen wir einen stetigen Rückgang der tatsächlichen Kinderzahl je Frau. Dieser Rückgang wird allerdings überzeichnet, wenn Sie nur auf die jährlichen Geburtenziffern schauen. Die jährliche Geburtenziffer ist nur ein Schätzwert für die endgültige Kinderzahl einer Frau. Dieser Schätzwert wird aber sehr stark verzerrt, wenn sich das Alter der Frau bei der Geburt verschiebt.

          Ließe sich die Verzerrung nicht korrigieren?

          Dazu haben uns in Deutschland bislang leider wichtige Daten gefehlt. Wir müssten zum Beispiel wissen, ob Geburten das erste, zweite, dritte Kind einer Frau sind, um die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, dass eine Frau, die schon Mutter ist, noch ein weiteres Kind bekommt. In Deutschland wurde die Geburtenfolge in der Bevölkerungsstatistik nur für eheliche Geburten aufgezeichnet. Diese Praxis wurde im vergangenen Jahr zwar geändert, doch die neuen Daten haben wir noch nicht.

          In Ihrer Studie überrascht, dass die Geburtenraten in den westlichen Ländern sehr ähnlich verlaufen.

          Das stimmt. Wahrscheinlich ist das Folge der Globalisierung. Was mir als Amerikaner zum Beispiel als die erste Bush-Rezession in Erinnerung ist, war keine rein amerikanische Erscheinung. Insgesamt ist Demographie aber eine zu komplexe Wissenschaft für monokausale Antworten. Wirtschaftliche, politische und soziale Faktoren spielen eine Rolle.

          Haben Maßnahmen wie die Förderung junger Familien durch Frau von der Leyen Sinn, wenn die Kausalitäten dermaßen kompliziert sind?

          Es ist tatsächlich schwer, deren Effektivität zu messen. Die Frage ist allerdings, ob man den Erfolg von Familienpolitik auf so enge Zielsetzungen wie die Geburtenrate beschränken möchte. Wenn es jungen Familien in Deutschland besser geht, wird das womöglich erst langfristig zu höheren Geburtenraten führen, dem Land aber schon vorher guttun. Höheres Kindergeld zum Beispiel führt ja dazu, dass es Kindern ein bisschen besser geht. Die Verantwortung einer Regierung besteht in erster Linie darin, das Wohl des individuellen Bürgers zu fördern.

          Das Wohl des individuellen Bürgers wäre in einer Gesellschaft mit implodierender Bevölkerung aber drastischen Einschränkungen ausgesetzt.

          Ich glaube, wir sollten über den Begriff „Bevölkerung“ neu nachdenken. Bevölkerung kann man natürlich national definieren. Aus einer ökonomischen Perspektive macht das jedoch immer weniger Sinn. Wie sich eine alternde Bevölkerung auf den Wohlstand eines Landes auswirkt, hängt stark von der Natur der ökonomischen Beziehungen dieses Landes zum Rest der Welt ab.

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