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Serie „Besser leben“ : Völlig verstöpselt

Schaut man genau hin, wird es schwierig mit dem privaten China-Boykott Bild: Jan Bazing

Endlich mal gesund essen, freundlicher sein, Strom sparen: Gute Vorsätze hat fast jeder. Aber wie schwer ist es, sie zu halten? Ziemlich schwer, wie fünf Selbstversuche zeigen. Jeden Tag stellen wir einen vor. Teil 2: Auf „Made in China“ verzichten.

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          Mein Selbstversuch lässt mich die Umwelt aus völlig anderer Perspektive betrachten: von unten. Wer die Ursprünge der Dinge begreifen will, der muss ihnen eben auf den Grund gehen, konkreter: schauen, ob an der Unterseite von Tischen, Stühlen und, nun ja, WC-Becken Etiketten kleben, die ihre Herkunft verraten. Ich will nichts benutzen, was aus China kommt. Die Redaktionstoiletten, stelle ich erleichtert fest, stammen aus deutscher Fabrikation. Ebenso erleichtert bin ich darüber, dass in dem Moment, als ich das überprüfe, kein Kollege hereinkommt: Auch er hätte mich künftig aus völlig anderer Perspektive betrachtet.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für die heiklen Beziehungen zwischen China und dem Westen stellt mein Boykott sicher eine neue Belastung dar. Aber die Chinesen vertragen das: Deren Ökonomie ist wieder um zehn Prozent gewachsen. Eine überhitzte chinesische Wirtschaft aber, habe ich gelesen, gefährdet die ganze Welt: Grund genug, privat die Temperatur zu drosseln. Auf zur Inventur. Unberührbar sind Stereoanlage, DVD-Spieler, Küchenhocker, Bartschneider, Ikea-Stühle. Fernseher (made in Tschechien) und Handy (Gehäuse Rumänien, Batterie Japan) bleiben im Dienst, zum Glück auch Kühlschrank (Italien) und der deutsche Herd. Aus China kommt das Bügeleisen: Merke, dass die Sache ihr Gutes hat, was meine Frau, die nicht mitboykottiert, naturgemäß anders sieht. Unsere chinesische Vitrine übrigens stammt aus Polen.

          Im Schrank gewebtes Multikulti: Boss-Hosen aus der Türkei, Joop-Hemd aus Bulgarien, Mexx-Shirt aus Malaysia. Deutsch sind hier nur die Mottenkugeln. Kleidung, deren Etiketten verwaschen sind, betrachte ich als eingedeutscht. Bin heilfroh, dass ich die Idee, nur Sachen „Made in Germany“ zu benutzen, verworfen habe: Dann dürfte ich praktisch nur nackt am Herd stehen und kochen. Klaube erlaubtes Besteck und Geschirr zusammen: ein Esslöffel der DDR-Marke Smalcalda, ein versprengter Teller von Villeroy & Boch. Den Gedanken, dass Porzellan ja überhaupt aus China stammt, verdränge ich.

          China-Boykott bedeutet Arbeitsboykott

          Anruf bei der Verkehrsgesellschaft: Steckt Chinesisches in der Tram? Sie wollen es prüfen. Riskiere die Fahrt und durchstreife die Waggons auf der Suche nach Hinweisen. Die Leute glotzen: ein Kontrolleur? Oder ein Irrer? Verstecke mich hinter der Zeitung. Überspringe den Text unseres China-Korrespondenten. Auf der Arbeit Alarmstufe Rot bei Rechner und Tastatur. Boykottiere also nicht nur China, sondern auch meine Arbeit.

          Anderntags bringe ich einen Laptop mit, made in Poland. Blöd nur, dass das Netzteil aus China kommt. Schreibe ohne Ladegerät, bis der Akku leer ist, bitte dann einen Kollegen, das Netzteil ein- und kurz darauf wieder abzustöpseln. Und wieder von vorn. Freitag Morgen, als ich die Tochter im Kindergarten abgebe, melden sich die Verkehrsbetriebe: Ihre Zulieferer seien deutsch, es sei aber möglich, dass die sich Teile aus China liefern ließen. Also zu Fuß zur Arbeit. Habe als Berliner Frankfurt immer als Kleinstadt empfunden, aber es zieht sich dann doch.

          Bilanz einer Bürowoche: viel gestöpselt, kaum geschrieben. Enerviert bitte ich den Chef, mir zu befehlen, die Sache abzubrechen. Ihr habt gewonnen, Chinesen! Aber beklagt euch nicht bei mir, wenn jetzt euer Kessel überkocht.

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