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Remo Largo : Das Kind weiß genau, was es werden will

Langjähriger Begleiter vieler Eltern: Remo Largo, Arzt, Buchautor, dreifacher Vater und vierfacher Großvater, vor einer Lesung in Berlin. Bild: Jens Gyarmaty

Ob „Babyjahre“ oder „Jugendjahre“: Der Schweizer Arzt Remo Largo wird verehrt für seine Erziehungsbücher, die für Gelassenheit und Vielfalt plädieren. Ein Ratgeberonkel aber will Largo nicht sein.

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          Die einen bezeichnen ihn als Klassiker, andere empfinden ihn als Gott. Wenn Remo Largo einen Vortrag hält, trifft man im Publikum Kinderärzte, die sagen: „Unsere Eltern arbeiten alle mit seinen Büchern. Viele sagen, das ist die Bibel der Kindererziehung.“ Eine Schwangere hat am Büchertisch den Bestseller „Babyjahre“ erstanden. Drei Mütter mit Make-up und modischen Stiefeln loben, im Gegensatz zu anderen Ratgebern verbreite Largo keinen Druck, sei aber trotzdem eine Orientierungshilfe. Eine Blonde schiebt einen Kinderwagen herein. „,Babyjahre’ hat uns begleitet“, sagt die Frau. Es ist ihr drittes Kind, vom Wesen her ganz anders als die beiden Großen. „Da muss ich oft dran denken, wie unterschiedlich Entwicklung verlaufen kann und wie ruhig man nach Remo Largo bleiben kann, weil es tausend Wege gibt zum Ziel. Die beste Haltung ist, man nimmt sich zurück und fragt: Was habe ich eigentlich für ein Kind?“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auftritt Largo. Der Gott der Kindererziehung ist ein unscheinbarer zarter Mann mit grauem Schnauzbart und kahler Stirn. „Wenn Sie wegen der Ratschläge hier sind, muss ich Sie leider enttäuschen“, sagt der Zürcher Kinderarzt zur Begrüßung. Sein freundlicher Schweizer Singsang klingt harmlos, mitunter verschaukelt er die Pointen. Seine Worte jedoch sind klar, bisweilen scharf. An diesem Abend in Berlin geht es um „Jugendjahre“, Largos jüngstes Buch, das er zusammen mit der Publizistin Monika Czernin geschrieben hat. „Ich möchte als Anwalt der Jugendlichen walten und Verständnis wecken, warum sie sind, wie sie sind“, sagt Largo. Seine Botschaft: Akzeptieren, dass man die Kontrolle über die heranwachsende Brut verliert. Den Nachwuchs trotzdem mit den eigenen Standpunkten konfrontieren. Für Krisenzeiten als sicherer Hafen bereitstehen, immer. „Es ist mühselig, das auszuhandeln“, sagt Largo. Auf jede Nachfrage sucht er eine präzise Antwort. Warm klappert der Applaus.

          „Ich habe immer auf den Moment der Erleuchtung gewartet“

          Gibt er tags darauf ein Interview, empfängt Largo die Journalistin mit Fragen: Wie alt sind Ihre Kinder? Wo werden die betreut, während Sie hier arbeiten? Was macht Ihr Mann? Der Professor wirkt aufrichtig interessiert. „Das ist schon eine große Herausforderung“, murmelt er dann und meint es grundsätzlich: Fünf Minuten, und schon füllt der Kosmos seines Denkens den Raum. Anders als in seinen Büchern geht es darin nicht nur um Kinder, sondern immer um die Gesellschaft, um Männer, um Frauen, um die Organisation von Arbeit und Leben und andere Gründe für die Haltung, mit der wir Kindern begegnen. In manchen Bezirken Berlins, sagt Largo, habe man ihm nach der Veranstaltung am Vorabend erzählt, sei das Kinderhaben neuerdings „in“. Was das heiße? Der Wissenschaftler wehrt ab: „Ich find’s erst mal nur interessant. Was es tatsächlich bedeutet, bin ich mir nicht sicher.“

          Man glaubt diesem Mann sofort, dass er Medizin studiert hat, weil er den Menschen als Ganzes verstehen wollte. Sein Blick, seine Fragen, seine Offenheit im Denken zeugen bis heute von großer Neugier. Sein Fach jedoch, auf Körperfunktionen und Krankheiten beschränkt und in Spezialistentum zersplittert, hat ihn früh enttäuscht. „Ich habe immer gewartet auf den großen Moment der Erleuchtung, aber der hat nie stattgefunden.“

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