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Partnersuche : Der kleine Haken der Emanzipation

Bild: Jan Bazing

Karrierefrauen jenseits der dreißig finden oft keinen ebenbürtigen Partner. Gutverdienende Männer in ihrem Alter sind meist schon vergeben. Fachleute empfehlen: Dating down. Aber so einfach ist es nicht. Schon das erste Rendezvous kann ernüchtern.

          6 Min.

          Bei Helene Maier* in der Küche hängen zwei Postkarten. „Man muss viele Frösche küssen, bevor man den Prinzen findet“, steht auf der einen. Die andere zeigt ein Skelett mit Pelzstola, das auf einer Parkbank sitzt: „Waiting for the perfect man.“

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Helene Maier ist eine hübsche Frau. Groß, aber nicht riesig, schlank, aber nicht dürr. Blaue Augen zu blondem Haar und rot lackierten Fußnägeln. Sie ist Anfang dreißig und hat im Ausland einen Master in Betriebswirtschaft gemacht. Jetzt arbeitet sie als Abteilungsleiterin im Controlling eines Münchner Konzerns.

          „Ich habe alles getroffen“, sagt Helene Maier. Vom Krankenpfleger bis zum Geschäftsführer, Ingenieure, Lehrer, Rechtsanwälte. Anderthalb Jahre lang hat sie systematisch Online-Partnerbörsen nach dem Mann fürs Leben durchkämmt. Sie träumt von einer Beziehung, in der man da ist füreinander, und sie wünscht sich Kinder. Kennengelernt hat sie fast nur Männer, die deutlich älter waren als sie, eine kaputte Ehe hinter sich hatten und nichts Ernstes wollten. Die wenigen Kandidaten in ihrem Alter zogen sich zurück, sobald ihr Beruf zur Sprache kam. „Du machst was mit Zahlen?“, schrieben sie womöglich noch. Dann brach der Kontakt ab.

          Keine Spur vom richtigen Mann

          „Wenn ich Kosmetikerin wäre, würde das alles viel besser für mich laufen“, sagt eine 33 Jahre alte Werberin mit einem Jahreseinkommen von 85.000 Euro. „Die Ausbildung und den Beruf kann einem keiner nehmen“, sagt eine Chirurgin, 36 Jahre alt. „Aber der Sinn des Lebens ist für mich nicht die Arbeit.“ Helene Maier sagt resigniert: „Den Partner meiner Wunschkategorie gibt es nicht.“

          Wenn Frauen an sich verzweifeln, weil es partout nicht klappt mit der Partnersuche, sucht Stefan Woinoff zunächst nach persönlichen Gründen. Gibt es einen Vaterkomplex? Bindungsängste? Eine Traumatisierung? Woinoff hat seit 1993 eine Praxis für Psychotherapie in München. Irgendwann fiel ihm auf, dass er zunehmend einsame Frauen in Behandlung hatte, bei denen keine individualpsychologische Erklärung zog. Und immer waren es die Gleichen: Akademikerinnen Anfang dreißig bis Mitte vierzig, die sich ihrer Karriere gewidmet hatten, bis sie merkten, dass sie sich Familie wünschen. Aber der richtige Mann dafür? Keine Spur, nirgends. Damit hatten sie nicht gerechnet. Kleine Männer und hässliche Frauen wussten schon immer, dass sie es schwer haben würden auf dem Heiratsmarkt. Diese Frauen aber waren überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Woinoff sagt: „Mir wurde klar, da ist ein systematischer Fehler. Das muss auch einen gesellschaftlichen Hintergrund haben.“

          Das traditionelle Muster der Partnerwahl

          Katharina Voss* besitzt ein Pferd, antike Möbel in einer modernen Wohnung und einen BMW X5. Weil es zu ihrem Selbstverständnis gehört, dass man etwas tut für sein Geld, hat sie zeitweilig siebzig, achtzig Stunden die Woche gearbeitet. Beziehungen sind darüber auf der Strecke geblieben. Heute ist sie 41 Jahre alt, und Freunde schmeicheln ihr, eine wie sie könne doch gar nicht alleine bleiben. Dann kontert sie nur: Man möge ihr endlich den Typen vorstellen, der sich für eine starke Frau begeistere und nicht schon vergeben sei. Trotzdem sagt Katharina Voss: „Es kommen nur Männer in Frage, die sich dasselbe leisten können wie ich auch. Und zwar idealerweise für zwei.“

          Das ist das traditionelle Muster der Partnerwahl. Solange die wenigsten Frauen berufstätig waren und ihr Schicksal von Einkommen und Erfolg des Gatten abhing, war es vernünftig, sich einen Ernährer zu suchen, der den von Haus aus gewohnten Lebensstandard mindestens zu halten versprach. Je höher sein Status, desto besser die Partie für sie. Für die Männer lag die Sache andersherum. Weil es ohnehin kaum erfolgreiche Frauen und damit nicht genügend Kandidatinnen „auf Augenhöhe“ gab, waren die Männer geradezu gezwungen, sich auf der gesellschaftlichen Statusskala nach unten zu orientieren: hübsch, jung und bitte nicht ganz blöd. He is rich and she is goodlooking. Jahrhundertelang hat das großartig funktioniert.

          Warum sollte die Oberärztin nicht den Pfleger nehmen?

          Jetzt haben sich die Rahmenbedingungen geändert. Frauen machen Spitzendiplome, können mit ihrem Verdienst Familien ernähren, und dank Elterngeld ist sogar die Babypause finanziell abgesichert. Längst sind mehr als die Hälfte der Abiturienten weiblich; die Erwerbsquote von Frauen steigt seit Jahrzehnten an. Was aber die Familiengründung angeht, hat das Folgen, die der amerikanische Psychologe und Beziehungsforscher Michael Cunningham so formuliert: „Es gibt einfach nicht genug hochqualifizierte und finanziell erfolgreiche Männer für die Zahl der hochqualifizierten und finanziell erfolgreichen Frauen.“ Man könnte auch sagen: Die Emanzipation hat einen Haken. Der Heiratsmarkt ist in Schieflage geraten. Übrig bleiben arbeitslose Männer, die keiner haben will. Und die top ausgebildeten Frauen.

          Dating down heißt die Lösung, die Beziehungsforscher Cunningham propagiert: Partnerwahl mit Blick nach unten. Wenn der Chef wie selbstverständlich seine Sekretärin und der Arzt die Krankenschwester ehelicht - warum sollte die Oberärztin nicht den Pfleger nehmen? Stefan Woinoff ist überzeugt, dass es keinen Sinn mehr hat, wenn sich Junggesellinnen heute bei der Partnerwahl wie die eigenen Urgroßmütter verhalten. „Überlisten Sie Ihr Beuteschema!“, heißt sein Ratgeber zum Thema. Das demographische Dilemma berge auch eine Chance, glaubt der Münchner Therapeut. „Ich will keine Frau überreden, etwas zu tun, was ihr emotional gar nicht liegt“, sagt Woinoff. Aber zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit hätten Frauen die Freiheit, sich von Konventionen und Ängsten zu lösen, um wirklich ihrem Gefühl zu folgen. Außerdem hat Woinoff festgestellt: „Manchmal passt das Beuteschema gar nicht zum eigenen Lebensentwurf.“ Er kennt genügend Frauen, die ihren Job als Teil ihrer Persönlichkeit begriffen, bis sie als Hausfrau an der Seite eines Vielverdieners verkümmerten. Da könne ein Mann, der nicht nur auf die eigene Karriere schiele, sondern der Partnerin den Rücken freihalte, die beglückendere Alternative sein.

          Oper, Design und zeitgenössische Kunst

          Ach, wenn es doch so einfach wäre. Helene Maier hat sich mal mit einem Pfleger verabredet: einem lebensfrohen Mann, der noch nie längere Zeit im Ausland war und zu jedem Thema eine klare Meinung vertrat. Die Wirtschaftswissenschaftlerin fand den Abend anstrengend. Sie sagt: „Wir sind nicht so richtig in ein Gespräch gekommen. Ich habe mich ganz schön verbogen und bemüht, damit er sich nicht schlecht fühlt. Das bringt's nicht.“

          Sarah Burgwedel*, Fotografin in Hamburg, hat einmal eine Einladung ihres Briefträgers angenommen. Der Mann - ein gutaussehender Typ in ihrem Alter - hatte für das Rendezvous einen netten Portugiesen im Schanzenviertel ausgesucht. Er hielt ihr die Tür auf und war weder dumm noch oberflächlich. Selbst als sich abzeichnete, dass man getrennt nach Hause gehen würde, bestand er darauf, ihr Essen zu zahlen. Trotzdem, sagt Burgwedel, sei es ihr vorgekommen, als sitze jeder auf einer eigenen Weltkugel, raketenweit vom anderen entfernt. Er: ein Mann im Jugendwahn, der Frau und Tochter verlassen hatte und das Nachtleben liebte. Sie: ein Fan von Oper, Design und zeitgenössischer Kunst. „Es ist falsch, wenn man sagt, es hätte am Status gelegen“, urteilt die Mittdreißigerin. Entscheidend seien vielmehr das kulturelle und intellektuelle Niveau - und wie jemand mit seinem Leben umgehe.

          Die innere Checkliste

          Tatsächlich hat die gängige Vorliebe für Partnerschaften auf Augenhöhe pragmatische Vorteile. Es erleichtert den Alltag, wenn man nicht lange diskutieren muss, ob die Theaterpremiere wichtiger ist oder das Pokalspiel. Ein ähnlicher Lebensstil reduziert die Missverständnisse, man muss weniger erklären und aushandeln. Natürlich finden sich Gegenbeispiele. Die promovierte Volkswirtin mit ihrem Malermeister. Die Verwaltungschefin, die mit einem Feuerwehrmann glücklich ist. Trotzdem würde Psychologin Lisa Fischbach, Single-Coach bei der Partnervermittlung Elite-Partner, der Managerin nie pauschal zum Handwerker raten. Das sei doch wie bei der Suche nach einer Traumwohnung: Wer seit Jahren von einem Loft in Berlin-Mitte träumt, zieht ja auch nicht nach Neukölln, nur weil er dort fürs selbe Geld einen Vorgarten bekommt. Fischbach empfiehlt, lieber den eigenen Anspruchskatalog zu überarbeiten. Gerade bei Internet-Dates werde die innere Checkliste oft zur Fußfessel.

          Sarah Burgwedel sagt von sich selbst, sie habe „null Erwartungshaltung“. Dem Junganwalt war die Fotografin bei einer Vernissage begegnet: schöne Augen, dunkle Haare und Humor. Der erste gemeinsame Abend - ein Traum. Als er das erste Mal in ihren Mercedes stieg, fragte er irritiert: „Ist das dein Auto?“ Er rühmte ihre schöne Dachgeschosswohnung. Als sie sich wünschte, zu ihm nach Hause eingeladen zu werden, hielt er sie wochenlang hin. Dabei hätte sein WG-Zimmer sie nicht einmal gestört. Schlimmer fand sie seine Ausreden: Er komme gerade nicht zum Aufräumen. Irgendwann beendete er die Beziehung, weil es ihm peinlich war, sich ständig unterlegen zu fühlen.

          „Es fehlt halt was“

          Oder der arbeitslose Grafiker, der immerzu nur gemütlich daheim auf dem Sofa sitzen wollte, weil er sich Kultur nicht leisten konnte. Der Aufträge vortäuschte, um nicht gemeinsam Urlaub planen zu müssen. „Auch wenn man selbst denkt, Geld spielt keine Rolle“, sagt Sarah Burgwedel. „Irgendwann weiß man nicht mehr, woran man ist. Und die eigenen Bedürfnisse kommen zu kurz.“

          Männer sähen mitunter ihre eigene Rolle verschwimmen, wenn sich die Frau ihrem sozioökonomischen Status nähere, sagt Markus Ernst, Psychologe und Single-Coach der Partnervermittlung Parship. Männer in kreativen Berufen, die ihr Selbstbewusstsein aus anderen Quellen bezögen, hielten es besser an der Seite erfolgreicher Frauen aus. Nur: Wie viele Künstler hat der Markt zu bieten? Der Soziologe Hans-Peter Blossfeld hat das Flirtverhalten der Nutzer einer Online-Singlebörse ausgewertet. Ergebnis: Es gibt kein Dating down in Deutschland. Männer interessieren sich selten für höhergestellte Frauen. Noch seltener kontaktieren Frauen einen Mann sozusagen unter Niveau. „Wenn man bestimmte Zeitfenster im Lebenslauf versäumt, hat man halt ein Problem“, sagt Blossfeld. Und: „Man kann den Frauen nur raten, den Heiratspool zu erweitern.“

          „Ich möchte keinen Kompromiss eingehen, auf den ich keine Lust habe. Dafür bin ich mit mir alleine und meinem Leben viel zu zufrieden“, sagt eine 36 Jahre alte Wirtschaftspsychologin. „Es fehlt halt was“, sagt die Chirurgin. „Wenn ich jetzt schon wüsste, dass das so bleibt - so ein Leben fände ich sinnlos.“ Der letzte Mann, der Helene Maier so richtig gut gefiel, hat zu ihr gesagt: „Ich wünsche dir jemanden, der dir gewachsen ist und deine Lebensziele teilt.“ Dann hat er sie verlassen.

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