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Neue Studien : Kann die Schweinegrippe sogar nutzen?

  • -Aktualisiert am

Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, stehen jetzt nicht mehr als rücksichtslose Hasardeure da Bild: ddp

Wer die H1N1-Infektion überstanden hat, ist besser geschützt als jeder Geimpfte. Das lassen neue Studien vermuten. Vor allem für Kinder kann es danach nützlich sein, eine Grippe durchzumachen, weil das Spektrum der Abwehrkräfte dadurch größer wird.

          Am Dienstag gab die Mainzer Universitätsklinik bekannt, dass vergangene Woche ein acht Jahre altes Mädchen – „ein ansonsten ganz gesundes Kind“ – nach einer Schweinegrippe-Infektion gestorben sei. Solche Meldungen beunruhigen, zumal da in den Infektionsstationen mancher Kinderkliniken die Schweinegrippenfälle inzwischen dominieren. Da nutzt es wenig, wenn auf den vergleichsweise milden Verlauf der Epidemie hingewiesen wird. Viele Eltern sind besorgt und verunsichert. Soll man also sein Kind impfen lassen oder nicht?

          Jüngste Befunde niederländischer Forscher legen nahe, dass es vor allem für Kinder sogar nützlich sein kann, eine Grippe durchzumachen - weil sie danach besser geschützt sind. Rogier Bodewes von der Abteilung Virologie des Erasmus Medical Center der Universität Rotterdam hat die möglichen Nachteile von Grippe-Impfungen für gesunde Kinder jetzt in der Fachzeitschrift „The Lancet Infectious Diseases“ zusammengefasst. Die Virologen befassen sich mit dem Phänomen der „heterosubtypischen Immunität“. Es legt nahe zu fragen, ob die Empfehlung, durchgängig alle Kinder zu impfen, auch die gesunden, wirklich sinnvoll ist.

          Das Phänomen der „heterosubtypischen Immunität“ lässt darauf schließen, dass eine Grippe-Infektion auf lange Sicht nützen kann. Wer eine Infektion mit einem echten Erreger durchläuft, also an Grippe erkrankt, hat danach ein viel breiteres Spektrum an Abwehrkräften als derjenige, der sich der saisonalen Grippe-Impfung unterzieht. Den Virologen ist dieses Phänomen schon längst von anderen Erregern bekannt, wie Hans W. Doerr, der Direktor des Instituts für Medizinische Virologie der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt, bestätigt.

          An Mäusen konnten die Rotterdamer Forscher zeigen, wie hilfreich eine durchlebte ungefährliche Grippe ist

          Die Abwehrstrategie der T-Zellen

          Unter dem Gesichtspunkt des Immunschutzes sei nichts besser als eine Durchseuchung einer Population mit dem echten Erreger, dem Wildtyp-Virus. Die Einzelheiten des Phänomens verstehen die Forscher zwar noch nicht vollständig, es wird aber offenbar überwiegend von Zellen und nicht von Antikörpern vermittelt. Entscheidend beteiligt sind zum Beispiel Aberwehrzellen wie die T-Zellen vom CD4- und CD8-Typ. Deren Abwehrstrategie richtet sich gegen Eiweißstrukturen von Grippeviren, die beständiger sind als jene Merkmale der äußeren Hülle, an denen sich der jährlich neu gemixte Impfstoff orientiert.

          An Mäusen konnten die Rotterdamer Forscher nun zeigen, wie hilfreich eine durchlebte ungefährliche Grippe ist, wenn man es danach mit hoch pathogenen, gefährlichen Vogelgrippeviren zu tun bekommt. Ungeimpfte Mäuse, die eine Variante der Influenza A (H3N2) - von einem saisonalen Grippevirus verursacht - durchgemacht hatten, waren besser geschützt: Sie wurden nach einer sonst letalen Dosis von Vogelgrippeviren (H5N1) seltener krank und starben nicht - im Gegensatz zu den gegen die Influenza A (H3N2) geimpften Mäusen.

          Bei den geimpften Mäusen verlief die Erkrankung genauso tödlich wie bei jenen, die nicht geimpft waren und nicht zuvor die harmlose Grippenvariante durchgemacht hatten. Noch eine beunruhigende Beobachtung brachten diese Versuche zutage: Eine Gruppe von Mäusen, die zunächst geimpft worden war und sich dann doch noch mit dem milden saisonalen Erreger infizierte, war ebenfalls nicht zu retten. Die Impfung bietet mithin anders als die Infektion keinen Schutz. Und nicht nur das: Die Impfung verhindert auch die Wirkung einer echten Infektion: Die Geimpften konnten selbst durch spätere Infektionen keinen Schutz mehr aufbauen.

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