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Nach der Unicef-Studie : „Die griechischen Eltern gehen anders mit ihren Kindern um“

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So ist es. Wir müssen darüber diskutieren, was wir eigentlich mit unseren Kindern machen wollen. Und meine These ist, dass sie vor allem hohe Leistungen erbringen sollen. Das ist auch total okay, Kinder machen das zum Glück ja gern. Aber ist der Kontext so, dass sie wirklich das Gefühl haben, gefördert zu werden?

In Ländern wie Spanien und Griechenland, wo das subjektive Wohlbefinden der Kinder besser ist als die reale Lage, bestaunen wir im Urlaub gern die allgemeine Kinderfreundlichkeit. Geht es auch um das gesellschaftliche Klima?

Ich glaube schon. In der Bundesrepublik, insbesondere in den Großstädten, sind Kinder ja geradezu aus dem Alltag verschwunden. Mein Lieblingsbeispiel ist Erich Kästner: „Emil und die Detektive“. Das Buch spielt im Berlin der zwanziger Jahre. Keiner hatte damals offenbar ein Problem damit, dass acht- oder zehnjährige Kinder sich frei durch Berlin bewegen.

Ich hingegen habe grade mit einer Mutter diskutiert, ob sich unsere Neunjährigen zwischen Ganztagsschule und Yogakurs ein Stündchen allein im Kiez herumtreiben dürfen. . .

Das ist das Problem. Es gibt fast keine Orte für Kinder mehr. Für den achten Jugendbericht hatten wir eine schöne Idee: Man sollte alle Spielplätze so miteinander verbinden, dass die Kinder sich von einem zum nächsten bewegen können. Unicef versucht jetzt, mit Kommunen Verträge zu machen: Wer gewisse selbst gesteckte Ziele erreicht, kriegt ein Siegel für Kinderfreundlichkeit.

Dank der Studie wissen wir jetzt, dass deutsche Jugendliche vergleichsweise selten rauchen und sich weniger prügeln, wobei sie eher an Übergewicht leiden als Kinder in anderen Ländern. In materieller Hinsicht liegt Deutschland im Mittelfeld. Wie kann das sein in einem Land, das für seine Wirtschaftskraft von den Nachbarn beneidet wird?

Für den Vergleich wird ein Durchschnitt gebildet, und Deutschland ist natürlich ein großes Land mit enormen Unterschieden, was zum Beispiel die Einkommen angeht. Mittelwerte sind insofern das Ergebnis von Verteilungskonflikten. Aber es gibt Kinder, um die man sich wirklich kümmern muss, das sind die untersten Gruppen.

Deshalb fordert Unicef, dass wir in unserem reichen Land gezielt gegen Kinderarmut vorgehen?

Für Berlin haben wir vor zwei Jahren gezeigt, dass es am sinnvollsten wäre, die hohe Arbeitslosigkeit der Eltern zu reduzieren. Dann würden die Schulleistungen der Kinder wahrscheinlich deutlich steigen. Wenn Sie als Kind die einzige Person sind, die morgens um acht aus dem Haus geht, und Sie haben keine Vorbilder dafür - das hat offensichtlich Effekte.

Enthält die Studie auch eine Botschaft für Eltern?

Ein größeres Maß an Gelassenheit in Bezug auf die kindliche Entwicklung. Kinder sind so unterschiedlich. Aber wir haben in Deutschland ganz stark die Vorstellung, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Norm erreichen müssen. Manchen Kindern hilft das, weil die locker über jede Hürde hinwegspringen. Andere Kinder sind langsamer. Da ist es die Aufgabe der Eltern, das Kind zu akzeptieren, wie es ist.

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