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Medienhetze : Front gegen das Niesen

An Erregungsbereitschaft mangelt es ohnehin nicht in Berlin, wo sich Fußgänger und Fahrradfahrer ums Terrain streiten, Raucher und Nichtraucher, Schwaben und Eingeborene, frisch zugezogene Schwaben und Schwaben, die sich längst für Berliner halten - und nun eben auch Eltern und Nichteltern. Was gern als „Baby-Boom von Prenzlauer Berg“ gefeiert wird, erklärt sich freilich recht profan mit dem überdurchschnittlichen Bevölkerungsanteil von Frauen im gebärfähigen Alter. Laut dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg waren Ende vergangenen Jahres 57,9 Prozent der Frauen im Ortsteil zwischen 15 und 45 Jahren jung, ein Wert, den nur Friedrichshain übertrifft; kein Wunder also, wenn sich manch Kinderloser allmählich etwas fremd fühlt in Prenzlauer Berg. Die kühle Kalkulation des Boulevards jedoch, dass kein Politiker die Chance ungenutzt lassen würde, sich als Kinderfreund zu profilieren, ist aufgegangen - obgleich den Beteiligten jedes Maß verlorengegangen scheint: ein Landeschef der unternehmerfreundlichen FDP, der zum Boykott eines Kleinbetriebs aufruft? Ein Grüner, der in seiner Partei Experte für Rechtsfragen ist, bringt ein Verbot ins Spiel?

„Wenn so eine Kampagne läuft, ist man machtlos“

Fragt man Tage später nach, dann bestätigt sich, was man schon geahnt hat: Keiner der Kronzeugen der „B.Z.“ ist je im Café Niesen gewesen, keiner hat sich persönlich von der vermeintlichen Ausgrenzung ein Bild gemacht. Er würde seine Äußerung, sagt FDP-Mann Markus Löning, „so nicht wiederholen“, als dreifachen Vater habe ihn nur der allgemeine Unwille gegenüber Kindern „ziemlich betroffen gemacht“. Stefanie Winde von der SPD sagt, sie sei „falsch zitiert“ worden, während Benedikt Lux von den Grünen bedauert, dass er in Sachen Verbot „unglücklich verstanden worden“ sei; er habe nur seine Überzeugung ausdrücken wollen, dass ein ausgesperrtes Kind vor Gericht durchaus gute Chancen hätte: Es sei ein Fall von „Altersdiskriminierung“. Anders als die Kollegin Winde, die den Extra-Bereich sogar „erfreulich“ findet, hält Lux ihn immerhin nach wie vor für „geschmacklos“. Eine Gegendarstellung hat keiner der Politiker erwogen: Wenn so eine Kampagne erst einmal laufe, sagt Stefanie Winde, dann sei man praktisch machtlos.

Klaus Schulte und Christine Wick, die beide selbst je ein Kind haben, müssen also damit leben, dass das Niesen im elefantösen Gedächtnis des Internets das „Café Kinderfrei“ bleibt. Was angesichts der Kinder, die auch an diesem Tag umherlaufen, grotesk ist. Zwei Mütter, darauf angesprochen, wissen gar nicht, dass es das Séparée - es ist noch immer leer - überhaupt gibt. Die meisten sitzen an diesem Tag, ob mit Kinderwagen oder nicht, ohnehin auf der Terrasse in der Sonne. „Regen Sie sich wieder ab: Das geht vorüber“, hat Stefanie Winde Klaus Schulte am Telefon beruhigt und könnte recht haben: Spätestens im Sommer dürfte sich das Thema erledigt haben. Anders als die vielen Prenzlauer-Berg-Eltern, die „eher schon älter und es aus ihrem früheren Leben gewohnt sind, im Café zu sitzen“, hält sich die zweifache Mutter Winde mit ihrem Nachwuchs nur selten in Cafés auf: Sie finde das, bei aller Liebe zu den Kleinen, zu anstrengend.

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