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Medienhetze : Front gegen das Niesen

Spielecke, Wickelraum, Pissoir in Kleine-Jungs-Höhe

Vor fünf Jahren hat Schulte gemeinsam mit Christine Wick das Niesen eröffnet, das kein „Szenecafé“ sei, sondern ein „Kiezcafé“. Ein Pils kostet zwei Euro, die Kindergetränke einen, die Urberliner „Stulle“ zwei. Vieles vom Essen und der Strom sind Bio, es gibt hausgemachten Kuchen und eine spärlich gefüllte Eistheke, aus den Boxen tönt Jazz oder Hildegard Knef. Eine Pinnwand wirbt für „kreative Kinderbetreuung“ in Deutsch und Englisch und für „Kindertanz - Choreographie - Pilates“, die Flüssigseife auf den Waschbecken ist von „Ikea Family“. Auf die Spendenbox auf der Theke, die Geld gegen die „Bebauung des Mauerparks“ sammelt, hat man eine zweite Box für Haiti gestellt. Die Wände sind hell, aber nicht aseptisch, die aus aller Herren Abstellkammern hervorgekramten Bänke, Stühle, Sessel, Tische und Schirmlampen repräsentieren jene liebevoll gepflegte Stillosigkeit, die als Prenzlauer-Berg-Stil berühmt ist. Mit seiner freundlichen, unaufgeregten Wohnzimmer-Atmosphäre scheint das Niesen der Inbegriff dessen, was die „Zeit“ einmal so trefflich „Bionade-Biedermeier“ nannte - mit der Einschränkung, dass es hier gar keine Bionade gibt, sondern die Niesonade, ein Gemisch aus Holundersaft, frischer Zitrone und Mineralwasser.

Als „soziale Skulptur“ bezeichnet der 49 Jahre alte Schulte, der aus dem Ruhrgebiet stammt und früher Künstler war, das Café Niesen, dessen Gäste sich miteinander vernetzen sollen - und zwar ganz unvirtuell: W-Lan gibt es nicht, weil man „kein Großraumbüro“ sein möchte. Manch Stammgast lebte schon zu Mauerzeiten im Gleimkiez, doch auch jene Zugezogenen, die Schulte „AAA“ nennt - Anwälte, Ärzte, Architekten - mischen sich unter.

Irgendwann aber kam es im Netz zu Rissen. „Sehr leckeren Kuchen, selbstgemacht“, lobte vor drei Jahren ein Gast das Niesen in einem Internet-Forum, „aber leider zu viele Kinder“. Bald darauf überschrieb die Gastro-Kritikerin der „taz“ ihren Text mit der Feststellung „Ohne einen Paul oder eine Zoe fühlt man sich illegal“ und warf die Frage auf, ob die „Niesonade“ wohl deshalb so heiße, weil hier so viele Rotznasen herumliefen. Tatsächlich fanden die Gäste, zu denen längst zahlreiche Stillgruppen zählten, im Niesen alles, was Eltern mit kleinen Kindern den Café-Besuch angenehm macht: Spielecke, Keksdosen, Wickelraum, Pissoir in Kleine-Jungs-Höhe. Nur eines fand man nur noch selten, nämlich das, was die Inhaber im Sinn hatten, als sie ihr Café nach dem Schweizer Gipfel Niesen benannten: Ruhe.

Frauen im gebärfähigen Alter

Also haben Schulte und Wick reagiert. Sie übernahmen die leerstehende Eisdiele nebenan, rissen die Wand heraus und schufen das kleine Séparée nur für Erwachsene, in dem alle, also auch Eltern, ungestört Zeitung lesen oder Kaffee trinken können - ohne vom Treiben im Hauptraum isoliert zu sein, denn über die zentrale Barküche, die beide Zimmer verbindet, dringt durchaus noch Lärm hinüber. Die überwältigende Zahl der Gäste finde die Idee gut, sagt Schulte, nur einige wenige hätten sich beklagt. Das war Anfang des Jahres. Dann kam der „Abendschau“-Beitrag - und damit für die Niesen-Beitreiber die Gelegenheit, ausgiebig Erfahrungen mit Journalisten und Lokalpolitikern zu sammeln.

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