https://www.faz.net/-gum-6yp64

Kuriose Vornamen : Wenn Bock mit Emelie-Extra spielt

  • -Aktualisiert am

Matthias Ordu hatte eines Tages eine Eingebung: „Alyssa Bunyola“ sollte seine Tochter heißen. „Die Namen standen plötzlich glasklar vor mir“, sagt er. Bild: F.A.Z.

Dürfen Kinder wie Städte oder wie Flugzeuge heißen oder einen Nachnamen als Vornamen tragen? Die Standesämter sagen oft nein. Manche Eltern lassen sich davon nicht abschrecken.

          5 Min.

          Sönke Korries’ Tochter hat Jens Lehmann um viel Geld gebracht, dabei ist sie erst neun. Vor etwa einem Jahr aber spielte der frühere Nationaltorhüter in der Rateshow „Rette die Million“ mit. Er sollte die Frage beantworten, welcher Vorname nach dem Urteil eines Oberlandesgerichts hierzulande zulässig ist: „Emelie-Extra“, „Frauke-Famos“ oder doch „Elias-Exclusiv“? Lehmann setzte das meiste Geld auf „Frauke-Famos“.

          Sönke Korries’ Tochter aber hört auf Emelie-Extra. Korries hatte lange über diesem Namen gegrübelt, er hatte sich gar eine Art Entscheidungsmatrix ausgedacht. „Viele Eltern nehmen sich ein Namensbuch und suchen so lange, bis sie etwas Passendes finden“, sagt er. „Wir haben Kriterien aufgestellt.“

          Kriterium Nummer eins: Internationalität. Korries ist Stuntman. Er hat mit Pierce Brosnan gedreht und in „Inglourious Basterds“ die Figur des Hermann Göring gedoubelt. Seinen Vornamen - Sönke - konnte kaum jemand aussprechen. Das sollte seiner Tochter nicht passieren. Außerdem, Kriterium Nummer zwei, müsse der Name klingen. Alliterationen, fand Korries, klingen gut, sie sollten aber gleichzeitig - Kriterium Nummer drei - ihm und seiner Partnerin etwas bedeuten. Korries mag Autos, die Kühlerfigur des Rolls-Royce wird umgangssprachlich Emily genannt. Flugzeuge mag er auch, Korries und seine Frau haben beide den Pilotenschein, und „Extra“ ist der Name einer berühmten Kunstflugzeugserie - Korries’ Namensglück war perfekt.

          Emelie-Extra kam auf die Welt, doch das Standesamt weigerte sich, ihren Namen einzutragen. Ein Jahr lang hatte das Mädchen keine Geburtsurkunde. Das Ehepaar klagte sich bis vors Oberlandesgericht und bekam schließlich Recht.

          Der Vorname darf das Kindeswohl nicht gefährden

          Jedes Jahr veröffentlicht die Gesellschaft für deutsche Sprache eine Liste der beliebtesten Vornamen; 2011 auf dem ersten Platz, wie schon im Jahr zuvor: Maximilian und Sofie/Sophie. Manche Eltern halten ihre Kinder aber für so einzigartig, dass sie ihnen einen völlig außergewöhnlichen oder gar einen noch nie dagewesenen Namen geben wollen. Im Extremfall kommen sie dann auf „Waldmeister“ oder „Crazy Horse“, auf „Joghurt“ oder „Borussia“, auf „Sputnik“, „McDonald“ oder „Woodstock“ - alles Beispiele für Namen, die Eltern in den vergangenen Jahren beantragt haben. Allesamt jedoch wurden sie von den Standesämtern abgelehnt.

          Allerdings: Die Regeln der Ämter darüber, wie jemand heißen darf und wie nicht, sind unklar. Es gibt in Deutschland keine Gesetze, in denen das stünde. Es gibt nur so etwas wie Richtlinien. Die wichtigste: Ein Vorname darf das Kindeswohl nicht gefährden. Niemand soll einen Namen tragen, der die Mitschüler quasi zu Hänseleien verpflichtet. Dieser Grundsatz ist unumstritten.

          Rechtlich zweifelhaft sind andere: Ein Name soll das Geschlecht des Kindes offenbaren, fordern bisher die meisten Standesämter. Deswegen müssen die Kais und Kims und andere Namenszwitter meist einen zweiten Vornamen tragen. „Wir raten den Eltern zum Beispiel deshalb dazu, damit das Kind später einmal in Briefen richtig angeschrieben wird“, sagt Lutz Kuntzsch von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). Außerdem soll ein Name möglichst als Vorname geläufig sein oder zumindest danach klingen. Diese Richtlinien vertreten viele Standesämter wie auch die GfdS.

          Papas Nachname: Tochters Vorname

          Rainer Bubenzer sieht das anders. „Nur das Kindeswohl zählt“, sagt er. „Das andere können Sie vergessen.“ Der Anwalt hat schon mehrere Eltern vertreten, die den Namen ihres Kindes vor Gericht durchsetzen wollten. Im vergangenen Jahr gewann er wieder einen Fall. Seine Mandanten dürfen ihr Kind nun „Bock“ nennen.

          Bock, entschied das Gericht, ist in seinem Kindeswohl nicht gefährdet, denn es wird gar nicht Bock gerufen. Es hat noch zwei andere Vornamen: alte, deutsche, weibliche Namen. Die Eltern wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Sie wollten nur, dass das Mädchen so heißt wie sein Vater. Dessen Nachname lautet anders als der von Frau und Kind: Bock. Und weil die Tochter nicht zwei Nachnamen tragen darf, sollte sie eben mit drittem Vornamen so heißen wie Papa.

          Weitere Themen

          Essen ohne Reue

          Köchin Nigella Lawson : Essen ohne Reue

          Seit mehr als zwanzig Jahren wird die Köchin Nigella Lawson in Großbritannien gefeiert. Dabei gehen nicht nur die Rezepte der gelernten Literaturwissenschaftlerin gegen den Zeitgeist.

          Topmeldungen

          Hans-Georg Maaßen trifft Thilo Sarrazin (r), früheres SPD-Mitglied und Politiker, bei einer Wahlkampfveranstaltung im Saal Simson des Congress Centrum Suhl.

          Maaßen und Sarrazin : Wahlkampf der alten Männer

          In Suhl diskutiert CDU-Kandidat Hans-Georg Maaßen mit dem früheren SPD-Mitglied Thilo Sarrazin. Dabei geht es weniger um Inhalte und vielmehr um die persönliche Kränkung der beiden.
          SPD-Dynastie: Familie Siebel im „stadtbauraum“, einer Veranstaltungsstätte  am früheren Kohleschacht Oberschuir in Gelsenkirchen.

          Politische Prägung : Wählen wie die Eltern

          Welcher Partei wir bei einer Wahl unsere Stimme geben, hängt auch mit der Prägung durch das Elternhaus zusammen. Oder gerade nicht? Drei Ortsbesuche.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.