https://www.faz.net/-gum-7ojtm

Taufe : Die Rosinenpicker

Taufe: Sakrament und „Service der Kirche“ Bild: plainpicture/Etsa

Immer mehr Eltern lassen ihre Kinder taufen, obwohl sie selbst nicht in der Kirche sind. Manche wollen ihnen damit eine spätere Entscheidung ermöglichen. Anderen geht es um christliche Werte oder auch nur attraktive Freizeitmöglichkeiten.

          7 Min.

          Es war einige Monate vor den Sommerferien, als Elke Riesenthal* auffiel, dass ihr Sohn ein Außenseiter zu werden drohte. Der Junge sollte nach den Ferien ins dritte Schuljahr kommen, und er war als einziger Schüler seiner Klasse nicht getauft.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Riesenthals wohnen in einem kleinen westfälischen Dorf, ihr Sohn ging mit achtundzwanzig Katholiken, einem Muslim und einem Protestanten in eine Klasse. „Mir dämmerte, dass die achtundzwanzig Katholiken nach den Ferien zum Kommunionsunterricht gehen und ihre Kommunion feiern würden“, erzählt Riesenthal, eine Journalistin, die ebenso wie ihr Mann aus der katholischen Kirche ausgetreten ist und daher nie eine Notwendigkeit gesehen hatte, das Kind taufen zu lassen.

          Ohne zu wissen, dass sich auch Tausende andere Eltern solche Gedanken machen, überlegte Riesenthal sich zum ersten Mal, was ihr Sohn alles verpassen würde, wenn er nicht getauft würde: nicht nur den Kommunionsunterricht mit seinen Freunden und die Kommunion, sondern auch viel Wissen über die christliche Religion. „Wir dachten, dass er ohne dieses Wissen später gar nicht würde entscheiden können, ob er Mitglied der Kirche sein will oder nicht“, sagt sie. „Die Wahrscheinlichkeit, dass er in die Kirche eintritt, obwohl er nie getauft wurde, haben wir als gering angesehen. Also würde er durch die Taufe Wahlfreiheit bekommen.“

          Wissen übers Christentum gehört zur bürgerlichen Bildung

          Hinzu kam in den Augen der Riesenthals, dass biblische Mythen und Gestalten in Kunst und Literatur eine wichtige Rolle spielen, weil das Christentum als die vorherrschende Religion in Deutschland eben auch die Kultur geprägt habe. „Man versteht viele Werke gar nicht, wenn man keine Ahnung vom christlichen Glauben hat“, sagt Riesenthal. Wissen über das Christentum gehöre zur bürgerlichen Bildung. Für die Riesenthals war daher nach einigem Nachdenken klar: Sie wollten ihren Sohn taufen lassen, obwohl sie beide nicht mehr in der Kirche waren.

          Aber geht das überhaupt? Die beiden großen Kirchen sagen, dass eine solche Taufe im seelsorgerischen Ermessen eines jeden Geistlichen liege. Aber was heißt das konkret? Wie aussichtsreich ist dieses Ansinnen in der Praxis? Diese Zeitung hat dazu vier katholische und vier evangelische Geistliche telefonisch befragt, ohne offenzulegen, dass es sich um eine journalistische Recherche handelte.

          Vielmehr sollten die allesamt willkürlich übers Internet ausgewählten Pfarrer und Pastoren denken, die Frage sei ernst gemeint und es handele sich um einen konkreten Fall. Die Frage lautete daher: „Würden Sie unser Kind taufen, obwohl mein Mann und ich nicht in der Kirche sind?“

          Katholische Pfarrer offen für jede Taufe

          Zumindest in unserer Stichprobe war die katholische Kirche offener für das Ansinnen als die evangelische. So erklärte sich ein katholischer Pfarrer aus einer teuren Frankfurter Wohngegend sofort am Telefon dazu bereit, ganz ohne weitere Rückfragen zu stellen. Er rief: „Natürlich taufe ich Ihr Kind! Wir müssen doch ein Bollwerk gegen den Islamismus schaffen!“

          Ein katholischer Pfarrer aus der Hamburger Innenstadt meinte: „Wenn es gute Gründe gibt, macht man es immer.“ In Berlin-Mitte hieß es: „Man würde nicht rundheraus nein sagen, aber es muss schon jemand in der Nähe sein, der den Glauben auch vermitteln kann.“ In der Münchner Innenstadt gab man sich ebenfalls freundlich und sehr offen für das Ansinnen.

          Anders bei den Protestanten: In Frankfurt, Berlin und München waren die Pastoren verhalten; sie fragten gleich am Telefon nach den Motiven der Eltern und ob es denn wenigstens Paten gebe, die in der Kirche seien. Ein evangelischer Pastor in Hamburg-Wilhelmsburg verneinte zunächst, schränkte dann aber ein, er sei in den letzten zwölf Jahren ausschließlich auf dem Friedhof tätig gewesen und wisse eigentlich gar nicht mehr so recht, wie seine Kirche sich in dieser Frage positioniert habe.

          Zwei Wochen später hatte er in sich hineingehorcht und sich eine Meinung gebildet: Die Taufe sei ein „Initiationsritus, der nicht denkbar ist, wenn die Eltern nicht daran mitwirken und das auch formal unter Beweis stellen“. Das heißt für ihn: Keine Taufe für ein Kind, wenn nicht mindestens ein Elternteil evangelisch ist.

          „Anspruchsvolle Gespräche“ mit problembewussten Eltern

          Die Riesenthals riefen ebenfalls in ihrem Pfarrbüro an, nachdem sie beschlossen hatten, dass sie ihren Sohn taufen lassen wollten. Der Anruf führte sie zu Pfarrer Friedebold Witter*, einem älteren katholischen Pfarrer mit viel Lebenserfahrung, der mit seinem weißen Bart, seinen weißen Haaren und dem kleinen Bäuchlein ein bisschen aussieht wie der Weihnachtsmann.

          Witter erinnert sich genau an die Riesenthals: „Die Frau erklärte mir, dass sie und ihr Mann ihren Sohn taufen lassen wollten. Ich freute mich. Da sagte sie: ,Es gibt aber ein Problem. Wir sind nicht in der Kirche.‘ Mir gefiel, dass sie problembewusst war. Mein erster Gedanke nach dem Telefonat war: Das kann noch spannend werden. Falls es ein ernsthaftes Anliegen ist, werden wir relativ anspruchsvolle Gespräche führen.“

          Diese Gesprächsbereitschaft macht Pfarrer Witter in den Augen seiner Kirche zu einem weisen Mann. So freut sich sein Chef, der Münsteraner Bischof Felix Genn, „über jedes Kind, welches die Taufe empfängt“ - auch wenn seine Eltern keine Katholiken sind. Auch der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick findet, dass man nicht-katholische Eltern nicht von der Taufe ihres Kindes abhalten sollte, sofern sie bereit seien, „ihr Kind im christlichen Glauben zu erziehen beziehungsweise erziehen zu lassen“, zum Beispiel von Paten.

          „Funke des Glaubens“ zwischen Beschimpfungen der Kirche

          Der Frankfurter Pfarrer und Limburger Diözesanrichter Johannes zu Eltz, der öfter mit kanonischem Recht zu tun hat, findet Witters Reaktion ebenfalls gut: „Früher habe ich, wenn mich solche Eltern angerufen haben, schon am Telefon gesagt, dass da nichts geht“, erklärt er. Allerdings habe er im Laufe seiner 25 Jahre seelsorgerischer Tätigkeit dazugelernt. Vor einigen Jahren nämlich habe er ein Paar, das aus der Kirche ausgetreten war, doch zum Taufgespräch ihres Kindes getroffen - „das war wohl ein Fingerzeig Gottes“.

          Die beiden hätten ihm gegenüber gründlich mit der Kirche abgerechnet. „In der Flut der Beschimpfungen habe ich aber trotzdem irgendwie einen Funken des Glaubens glühen sehen“, erzählt zu Eltz. Also habe er das Kind getauft. Ein halbes Jahr später sei die Mutter wieder in die Kirche eingetreten, und heute sei sie ein ganz wichtiges Mitglied ihrer Gemeinde mit viel Verantwortung. Deswegen würde zu Eltz heute solche Eltern auf jeden Fall zum Taufgespräch einladen. „Ich habe gelernt: Die Gründe, der Kirche nicht angehören zu wollen, sind vielfältig. Ich kann nicht davon ausgehen, dass alle diese Leute nichts wissen wollen von Gott.“

          Im Gespräch komme es dann aber schon sehr darauf an, was diese Eltern ihm erzählen würden. Wenn sie einfach nur sagten: „Wir selbst haben schlechte Erfahrungen mit der Kirche gemacht, aber unser Kind soll seine eigenen Erfahrungen machen“, genüge das nicht. „Es muss etwas Positives hinzukommen. Es muss gewährleistet sein, dass das Kind eine echte Chance bekommt, im Glauben aufzuwachsen.“

          Geizige Eltern wollten „den Service der Kirche in Anspruch nehmen“

          Zum Beispiel durch besonders verantwortungsvolle und aktive Paten: „Denn Eltern, die aus der Kirche ausgetreten sind, fallen als Vermittler und Zeugen des gelebten Glaubens in der Regel aus. Wenn sie nicht regelmäßig mit den Kindern beten, dann haben die Kinder keine Chance, in gläubiges Urvertrauen hineinzuwachsen. Das lehrt die Erfahrung“, so zu Eltz.

          Liberaler müsse man naturgemäß in den neuen Bundesländern sein, sagt Wilhelm Lömpcke, Regionalpastor in der evangelisch-lutherischen Region Strelitz. Er tauft „in jedem Fall, wenn die Paten evangelisch sind. Die meisten Menschen hier waren ja nie in der Kirche.“ Als er noch Pastor in Niedersachsen gewesen sei, sei er indessen sehr viel zurückhaltender mit dem Taufangebot gewesen. Eltern seien oft aus finanziellen Gründen aus der Kirche ausgetreten: „Die waren geizig und wollten trotzdem den Service der Kirche in Anspruch nehmen.“ Getauft habe er deren Kinder aber schlussendlich trotzdem, wenn sie evangelische Paten gehabt hätten.

          Ähnlich zurückhaltend äußert sich Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland: Die Regel sei eine solche Taufe nicht; mitunter sei es „wahrhaftiger, zu warten, bis das Kind selbst den Wunsch nach einer Taufe äußert“. Aber wenn es seelsorgerisch gute Gründe gebe, könne man Ausnahmen machen. „Das habe ich als Pfarrer in Hamburg auch schon getan“, erzählt er. In jedem Fall müssten die Paten dann aber in der evangelischen Kirche sein. Und man müsse die Eltern ganz genau fragen: „Warum glauben Sie, dass Ihr Kind in die Kirche muss, wenn Sie nicht drin sind?“

          Die Zahl getaufter Kinder von konfessionslosen Eltern steigt

          Immer mehr Eltern scheinen auf diese Frage eine gute Antwort zu wissen. Denn während die Zahl der Taufen seit Jahren rückläufig ist und sich in den letzten zwanzig Jahren in beiden Kirchen fast halbiert hat, werden jedes Jahr mehr Kinder getauft, deren Eltern nicht in der Kirche sind. Bei den Protestanten stieg der Anteil der Täuflinge, die keinen evangelischen Elternteil hatten, zwischen 1997 und 2011 um drei Viertel auf knapp 10 000 - von 3,3 auf 5,7 Prozent. Bei den Katholiken ist der Zuwachs noch deutlicher: Hier stieg der Anteil der Täuflinge, bei denen weder Vater noch Mutter katholisch waren, zwischen 1997 und 2012 von einem auf 2,4 Prozent (knapp 4000 Kinder) und hat sich somit mehr als verdoppelt.

          Die Töchter der Familie Schmitt gehören zu dieser Gruppe. Nadine Schmitt*, eine hübsche blonde Frau Ende dreißig, die vor der Geburt der Mädchen in der Modebranche tätig war, ist in einem kleinen Ort groß geworden, in dem die katholische Kirche eine wichtige Rolle spielte. Sie hat viele schöne Erinnerungen an diese Zeit. „Es war eine Werte- und Freizeitgemeinschaft“, erzählt sie. „Es gab Tagesaktivitäten, ein Jugendpfarrheim, Kindergottesdienste.“ Sie lächelt, wenn sie daran zurückdenkt. Es fühlt sich warm an.

          Als sie älter wurde, störte sie sich an der Einstellung der Kirche zu Verhütung und Scheidung, hinzu kam der Missbrauchsskandal. Sie und ihr Mann traten aus der Kirche aus. „Aber für Kinder ist das ja alles noch gar nicht von Belang“, sagt sie. „Sie sollen mit dem Glauben aufwachsen. Ich hab ja auch einen Glauben. Später können sie dann selbst entscheiden.“

          Auch die Riesenthals konnten Pfarrar Witter überzeugen

          Auch die Riesenthals konnten Pfarrer Witter davon überzeugen, dass die Taufe ihres Sohnes zu vertreten war. Witter erzählt, dass er mit dem Paar schon beim ersten Treffen zwei Stunden über Glaube und Leben gesprochen und den Eindruck gewonnen habe, dass sie Christen seien. Und jetzt, nachdem die Taufe schon Jahre zurückliege, treffe man sich immer noch ab und zu, rein privat, und die beiden stellten unglaublich viele Fragen über Gott und die Welt. „Wenn ich ganz streng kirchenrechtlich gehandelt hätte, dann hätte ich sagen müssen, dass ich nur taufen kann, wenn eine Bezugsperson in der Kirche ist. Aber wer bin ich, dass ich mir anmaße, ausschließlich normativ zu denken?“

          Die Lebenswirklichkeit vieler Menschen sei komplexer, als man auf den ersten Blick sehe, so Witters Erfahrung. Nicht immer werde man dem, was Menschen brauchten, gerecht, indem man sich streng am System orientiere. Schon Kirchenvater Augustinus habe gesagt: „Die Kirche hat Menschen, die Gott nicht hat, und Gott hat Menschen, die die Kirche nicht hat.“ Die Gottesbeziehung sei eben nicht exklusiv an die Kirchenbeziehung geknüpft. Das gelte auch im umgekehrten Sinne.

          Vor vielen Jahren, als Witter noch Kaplan war, hat er mal ein Taufgespräch mit einem Paar geführt, und plötzlich habe der Mann zu ihm gesagt: „Wir halten die Taufe ja eigentlich für ausgemachten Quatsch. Wenn es nach mir ginge, bräuchte man Kinder nicht zu taufen. Aber mein Schwiegervater will es ja unbedingt.“ Er, Witter, habe dann geantwortet: „Sie bringen mich in eine schwierige Situation, denn ich nehme das, was ich mache, ernst. Aus Selbstachtung und aus Respekt vor der Taufe selbst mache ich daraus keinen Hokuspokus, es muss eine gemeinsame Basis da sein, an die ich glauben kann.“

          Nach Rücksprache mit seinem Pfarrer habe er aber auch dieses Kind getauft. Die beiden Geistlichen waren zu dem Entschluss gekommen, dass dieser Weg nach Abwägung aller Möglichkeiten der gottgefälligere war.

          Weitere Themen

          Steriles Gruseln im Horror-Drive-in Video-Seite öffnen

          Tokio : Steriles Gruseln im Horror-Drive-in

          Aufwändig geschminkte Darsteller bieten Autofahrern in Japan aufgeschlitzte Kehlen und blutverschmierte Fahrzeuge.

          Topmeldungen

          Eine Razzia in einer Shisha-Bar in Bochum

          Aussteigerprogramm : Raus aus dem Clan

          Nordrhein-Westfalen will den Ausstieg aus kriminellen Großfamilien erleichtern. Das Programm läuft gut an, doch die Erfahrungen lehren auch: Wer den Ausstieg wagt, wird meist brutal zurück gezwungen.
          Ein provisorisches Krankenhaus für die Corona-Infizierten in der Stadt Lleida.

          Corona- und Wirtschaftskrise : Spaniens Kampf ums Überleben

          Das südeuropäische Land muss wegen des heftigsten Corona-Ausbruchs seit der Öffnung neue Ausgangssperren verhängen. Und auch wirtschaftlich sieht es düster aus: Ministerpräsident Sánchez kämpft um die Kredite und Zuschüsse der EU.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.