https://www.faz.net/-gum-7ojtm

Taufe : Die Rosinenpicker

Taufe: Sakrament und „Service der Kirche“ Bild: plainpicture/Etsa

Immer mehr Eltern lassen ihre Kinder taufen, obwohl sie selbst nicht in der Kirche sind. Manche wollen ihnen damit eine spätere Entscheidung ermöglichen. Anderen geht es um christliche Werte oder auch nur attraktive Freizeitmöglichkeiten.

          Es war einige Monate vor den Sommerferien, als Elke Riesenthal* auffiel, dass ihr Sohn ein Außenseiter zu werden drohte. Der Junge sollte nach den Ferien ins dritte Schuljahr kommen, und er war als einziger Schüler seiner Klasse nicht getauft.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Riesenthals wohnen in einem kleinen westfälischen Dorf, ihr Sohn ging mit achtundzwanzig Katholiken, einem Muslim und einem Protestanten in eine Klasse. „Mir dämmerte, dass die achtundzwanzig Katholiken nach den Ferien zum Kommunionsunterricht gehen und ihre Kommunion feiern würden“, erzählt Riesenthal, eine Journalistin, die ebenso wie ihr Mann aus der katholischen Kirche ausgetreten ist und daher nie eine Notwendigkeit gesehen hatte, das Kind taufen zu lassen.

          Ohne zu wissen, dass sich auch Tausende andere Eltern solche Gedanken machen, überlegte Riesenthal sich zum ersten Mal, was ihr Sohn alles verpassen würde, wenn er nicht getauft würde: nicht nur den Kommunionsunterricht mit seinen Freunden und die Kommunion, sondern auch viel Wissen über die christliche Religion. „Wir dachten, dass er ohne dieses Wissen später gar nicht würde entscheiden können, ob er Mitglied der Kirche sein will oder nicht“, sagt sie. „Die Wahrscheinlichkeit, dass er in die Kirche eintritt, obwohl er nie getauft wurde, haben wir als gering angesehen. Also würde er durch die Taufe Wahlfreiheit bekommen.“

          Wissen übers Christentum gehört zur bürgerlichen Bildung

          Hinzu kam in den Augen der Riesenthals, dass biblische Mythen und Gestalten in Kunst und Literatur eine wichtige Rolle spielen, weil das Christentum als die vorherrschende Religion in Deutschland eben auch die Kultur geprägt habe. „Man versteht viele Werke gar nicht, wenn man keine Ahnung vom christlichen Glauben hat“, sagt Riesenthal. Wissen über das Christentum gehöre zur bürgerlichen Bildung. Für die Riesenthals war daher nach einigem Nachdenken klar: Sie wollten ihren Sohn taufen lassen, obwohl sie beide nicht mehr in der Kirche waren.

          Aber geht das überhaupt? Die beiden großen Kirchen sagen, dass eine solche Taufe im seelsorgerischen Ermessen eines jeden Geistlichen liege. Aber was heißt das konkret? Wie aussichtsreich ist dieses Ansinnen in der Praxis? Diese Zeitung hat dazu vier katholische und vier evangelische Geistliche telefonisch befragt, ohne offenzulegen, dass es sich um eine journalistische Recherche handelte.

          Vielmehr sollten die allesamt willkürlich übers Internet ausgewählten Pfarrer und Pastoren denken, die Frage sei ernst gemeint und es handele sich um einen konkreten Fall. Die Frage lautete daher: „Würden Sie unser Kind taufen, obwohl mein Mann und ich nicht in der Kirche sind?“

          Katholische Pfarrer offen für jede Taufe

          Zumindest in unserer Stichprobe war die katholische Kirche offener für das Ansinnen als die evangelische. So erklärte sich ein katholischer Pfarrer aus einer teuren Frankfurter Wohngegend sofort am Telefon dazu bereit, ganz ohne weitere Rückfragen zu stellen. Er rief: „Natürlich taufe ich Ihr Kind! Wir müssen doch ein Bollwerk gegen den Islamismus schaffen!“

          Weitere Themen

          Mallakhamp immer beliebter Video-Seite öffnen

          Yoga an der Stange : Mallakhamp immer beliebter

          Mallakhamb ist eine Mischung aus Yoga, Gymnastik und Wrestling an einer Holzstange oder an Seilen und wird seit dem 12. Jahrhundert in Indien praktiziert. Anhänger schätzen vor allem die wohltuende Wirkung auf die Psyche. Bei einem Wettkampf in Mumbai treten Teilnehmer aus aller Welt an.

          Skifahren wie Uropa Video-Seite öffnen

          Retro in Tschechien : Skifahren wie Uropa

          Retro-Ski und jede Menge Spaß: In Nordböhmen treffen sich jedes Jahr Dutzende Menschen, um Ski zu fahren wie zu Urgroßvaters Zeiten.

          Topmeldungen

          Präsidentenwahl in 2020 : Wie Obama Trump bekämpft

          Barack Obama soll den möglichen Herausforderern von Donald Trump Rat und Richtung geben. Manch einer hofft auch, dass der ehemalige Präsident früh einen Favoriten benennt.

          FC Bayern in Liverpool : Kovac braucht jetzt einen wie Hummels

          Niko Kovac will, dass seine Bayern im Schwergewichts-Duell mit dem FC Liverpool mutig zur Sache gehen. Sonst droht ein früher K. o. Beim Match an der Anfield Road ist ein Spieler besonders gefragt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.