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Taufe : Die Rosinenpicker

Die Töchter der Familie Schmitt gehören zu dieser Gruppe. Nadine Schmitt*, eine hübsche blonde Frau Ende dreißig, die vor der Geburt der Mädchen in der Modebranche tätig war, ist in einem kleinen Ort groß geworden, in dem die katholische Kirche eine wichtige Rolle spielte. Sie hat viele schöne Erinnerungen an diese Zeit. „Es war eine Werte- und Freizeitgemeinschaft“, erzählt sie. „Es gab Tagesaktivitäten, ein Jugendpfarrheim, Kindergottesdienste.“ Sie lächelt, wenn sie daran zurückdenkt. Es fühlt sich warm an.

Als sie älter wurde, störte sie sich an der Einstellung der Kirche zu Verhütung und Scheidung, hinzu kam der Missbrauchsskandal. Sie und ihr Mann traten aus der Kirche aus. „Aber für Kinder ist das ja alles noch gar nicht von Belang“, sagt sie. „Sie sollen mit dem Glauben aufwachsen. Ich hab ja auch einen Glauben. Später können sie dann selbst entscheiden.“

Auch die Riesenthals konnten Pfarrar Witter überzeugen

Auch die Riesenthals konnten Pfarrer Witter davon überzeugen, dass die Taufe ihres Sohnes zu vertreten war. Witter erzählt, dass er mit dem Paar schon beim ersten Treffen zwei Stunden über Glaube und Leben gesprochen und den Eindruck gewonnen habe, dass sie Christen seien. Und jetzt, nachdem die Taufe schon Jahre zurückliege, treffe man sich immer noch ab und zu, rein privat, und die beiden stellten unglaublich viele Fragen über Gott und die Welt. „Wenn ich ganz streng kirchenrechtlich gehandelt hätte, dann hätte ich sagen müssen, dass ich nur taufen kann, wenn eine Bezugsperson in der Kirche ist. Aber wer bin ich, dass ich mir anmaße, ausschließlich normativ zu denken?“

Die Lebenswirklichkeit vieler Menschen sei komplexer, als man auf den ersten Blick sehe, so Witters Erfahrung. Nicht immer werde man dem, was Menschen brauchten, gerecht, indem man sich streng am System orientiere. Schon Kirchenvater Augustinus habe gesagt: „Die Kirche hat Menschen, die Gott nicht hat, und Gott hat Menschen, die die Kirche nicht hat.“ Die Gottesbeziehung sei eben nicht exklusiv an die Kirchenbeziehung geknüpft. Das gelte auch im umgekehrten Sinne.

Vor vielen Jahren, als Witter noch Kaplan war, hat er mal ein Taufgespräch mit einem Paar geführt, und plötzlich habe der Mann zu ihm gesagt: „Wir halten die Taufe ja eigentlich für ausgemachten Quatsch. Wenn es nach mir ginge, bräuchte man Kinder nicht zu taufen. Aber mein Schwiegervater will es ja unbedingt.“ Er, Witter, habe dann geantwortet: „Sie bringen mich in eine schwierige Situation, denn ich nehme das, was ich mache, ernst. Aus Selbstachtung und aus Respekt vor der Taufe selbst mache ich daraus keinen Hokuspokus, es muss eine gemeinsame Basis da sein, an die ich glauben kann.“

Nach Rücksprache mit seinem Pfarrer habe er aber auch dieses Kind getauft. Die beiden Geistlichen waren zu dem Entschluss gekommen, dass dieser Weg nach Abwägung aller Möglichkeiten der gottgefälligere war.

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