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Kleingärten : Die Löwenzahn-Revolution

  • -Aktualisiert am

Immer mehr Großstadtfamilien entdecken die Schrebergärten für sich Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Junge Familien entdecken den Kleingarten für sich. Doch die neue Gärtner-Generation kann mit Gartenzwergen und exakt definierten Heckenhöhen wenig anfangen. Über eine sanfte Revolution in Deutschlands Kleingärten.

          5 Min.

          Im Weg 14 ist die Welt noch in Ordnung. Weg 14 ist die Maximilianstraße im Kleingartenverein Hagsfelder Allee in Karlsruhe. Ein Garten Eden für deutsche Tugenden. Fleiß, Genauigkeit und Ordnung zählen hier noch und tragen im Spätsommer prächtige Früchte. Ein schmaler Beetstreifen vor dem eigentlichen Garten dient als Visitenkarte. Hier demonstrieren die Kleingärtner, welche Formen ihre Heckenschere einem Buchsbaum entlocken kann. Statt vereinzelten Windmühlen werden hier ganze Dörfer im Schwarzwald-Look angelegt, die profane Regentonne durch gemauerte Märchenbrunnen mit Holzdach und Kurbel ersetzt. Und wer etwas auf sich hält, lässt Tulpen und Äpfelbäume alsbald links liegen und setzt stattdessen auf Bananenstauden, Bambus, Kakteen oder Bonsai-Bäume. Nur bei den Fahnen wird wenig Wert auf Exotik gelegt - die badische Flagge gehört zur Pflichtausstattung.

          Die gärtnerischen Höhenflüge im Nachbarweg lassen Jeanette Heinzelmann und Stefanie Lippelt unbeeindruckt. „Bei uns wächst, was eben so wächst“, sagen die zwei Schwestern gelassen. Beide sind Anfang dreißig, schätzen den Erholungswert ihres Gartens und wollen sich von den zahllosen Regeln und Ordnungen eines Kleingartenvereins nicht einschnüren lassen. Sie üben sich in Schadensbegrenzung, um nicht negativ aufzufallen. Und sowieso, „Löwenzahn ist doch eine ganz hübsche Pflanze“.

          Comeback im Bio-Boom

          Deutsche Kleingärten stehen vor einem Generationswechsel. Das Durchschnittsalter der Hobbygärtner liegt bei stolzen 60 Jahren. Fast jeder zehnte Pächter wird in den nächsten Jahren altersbedingt seinen Garten aufgeben müssen, so eine Studie des Verkehrsministeriums und des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung. Was sich schon in den letzten Jahren angedeutet hat, wird sich also weiter beschleunigen. „Bei den Neuverpachtungen der letzten fünf Jahre lag der Anteil von Familien mit Kindern bei fast 45 Prozent“, berichtet Thomas Wagner vom Bundesverband der Deutschen Gartenfreunde, dem Dachverband der Kleingärten. „Vor allem in Ballungsgebieten wie dem Ruhrgebiet, Berlin oder Frankfurt ist die Nachfrage groß.“ Angesteckt vom Bio-Boom und auf der Suche nach Erholung mitten in der Stadt bescheren junge Familien dem Kleingarten ein Comeback und wollen so gar nicht in das Klischee vom kleinkarierten Spießbürger passen.

          Löwenzahn: Unkraut oder doch eine ganz hübsche Pflanze?

          Noch ist der Garten kahl, Farbtupfer setzen nur ein paar frühe Osterglocken. Doch Gabriela König lässt zufrieden den Blick über ihre Parzelle schweifen. Sie zeigt auf den kaum 2,50 Meter hohen Apfelbaum, an dem sich gerade einmal winzige erste Knospen zeigen. „Letztes Jahr hingen dort die Äpfel wie Weintrauben“, schwärmt sie und erzählt von der erfolgreichen Ernte. Spricht von den Tomaten, die von der Braunfäule verschont geblieben seien, von ihren Gurken, deren Geschmack sie kaum beschreiben kann. „Die schmecken richtig...“, sie zögert und sucht nach Worten, „naja, gurkig eben. Man vergisst ja völlig, wie intensiv die sein können.“ König lächelt stolz und beobachtet Tochter Clara beim Schneckenfang. Seit Oktober 2003 bewirtschaftet Familie König eine von 95 Parzellen im Frankfurter Kleingartenverein Buchhang.

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