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Kitas : Wo ist das Kind gut aufgehoben?

Zertifiziert und für gut befunden: Kinder und Erzieher in der Kita „Entdeckerland“ in Berlin Bild: Julia Zimmermann

Bald gibt es den Rechtsanspruch auf Betreuung ab dem ersten Geburtstag. Die Debatte dreht sich um Zahlen: Gibt es genug Kitas? Übersehen wird, dass in vielen die Qualität nicht stimmt - mit weitreichenden Folgen für die Kleinsten.

          Besser, dachte die Mutter vor einem Jahr, hätte sie es gar nicht treffen können: ein Krippenplatz in Hamburg ausgerechnet in ihrer Wunscheinrichtung. Die Kita lag in der Nähe ihrer Arbeit, das Konzept klang gut: Zweisprachigkeit, einmal die Woche Sport, regelmäßige Ausflüge in den Tierpark und in den Wald. Die Räume waren hell. Als ihr Sohn 13 Monate alt war, kehrte die Mutter in ihren Job zurück. Vollzeit.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Heute sagt sie: „Man hat ja eigentlich keine Ahnung, worauf man achten soll oder was wirklich wichtig ist.“ An der Krippe lässt sie kein gutes Haar. 22 Ein- und Zweijährige werden dort von zwei bis drei Fachkräften betreut. Dazu kommen Praktikanten, Aushilfen, Vorlese-Omas - und Erzieherwechsel, vier im ersten Jahr. „Ich habe nicht das Gefühl, dass die mein Kind gut kennen“, sagt die Mutter. „Und was mir Bauchschmerzen macht: Ich habe keine Ahnung, was mit meinem Kind den ganzen Tag passiert. Das artet immer mehr in Aufbewahrung aus.“

          Mehr Qualität

          Deutschland im Krippenausbaufieber: Weil der Rechtsanspruch auf Betreuung von August 2013 an schon nach dem ersten Geburtstag eines Kindes gelten soll, kreist die öffentliche Diskussion um Zahlen. Wie viele Plätze fehlen noch? Welches Bundesland holt am schnellsten auf? Wie groß ist der zu erwartende Erziehermangel? Und wer investiert wie viel Geld? Hamburg zum Beispiel brüstet sich, dass es schon diesen Sommer Plätze für Zweijährige garantiert. Dass aber der Betreuungsschlüssel in der Hansestadt mit 1:5,1 im westdeutschen Vergleich das Schlusslicht bildet, erwähnt freiwillig niemand.

          Als wäre Kleinkindbetreuung allein eine Frage der Quantität. „Wir müssen die Qualitätsfrage neu thematisieren“, sagt Wolfgang Tietze. Er ist Erziehungswissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Schon seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit Instrumenten, um den Wert pädagogischer Arbeit zu messen. Seit 2006 vergibt sein Institut Pädquis ein Gütesiegel an Kindergärten, die sich auf eine systematische Qualitätsentwicklung und -überprüfung einlassen. Jetzt hat der Professor die erste nationale Studie koordiniert, in der zwei Jahre lang rund 2000 Kinder in verschiedenen Betreuungsvarianten untersucht worden sind - in ihrer Familie, bei Tagesmüttern, in Kitas.

          Zu wenig Fachkräfte

          Detaillierte Ergebnisse werden erst im Herbst veröffentlicht. Aber der Tenor ist bekannt: Rund achtzig Prozent der deutschen Krippen erreichen - bei großen Unterschieden - lediglich Mittelmaß. Nicht einmal eine von zehn Einrichtungen ist „gut“ oder besser. Dafür scheitern mehr als zehn Prozent an den Minimalanforderungen. Tietze warnt deshalb: „Unzureichende Qualität hat irreversible Folgen.“

          Dafür ist maßgeblich die Politik verantwortlich. Was in der täglichen Arbeit mit Kindern möglich ist, hängt - die Forschung sagt: zur Hälfte - von den Rahmenbedingungen ab. Wissenschaftler empfehlen für Kinder unter drei Jahren eine Fachkraft auf maximal drei bis vier Kinder. Während es nun westdeutsche Länder gibt, die wie das Saarland mit 1:3,2 oder Bremen mit 1:3,3 an diesen Schlüssel heranreichen, muss sich in Brandenburg und Sachsen-Anhalt eine Fachkraft um mindestens sechs Kleinkinder kümmern. „Das reicht nicht aus“, sagt Susanne Viernickel, Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Je jünger ein Kind, desto stärker ist es auf individuelle Ansprache und Zuwendung angewiesen. Wenn etwas nicht klappt, braucht es einen Erwachsenen, der hilft; bei Kummer oder Angst muss jemand trösten - und zwar prompt.

          Zumal der rechnerische Betreuungsschlüssel in der Praxis selten erreicht wird: Da gibt es Urlaub und Krankheiten sowie Zeit zur Vor- und Nachbereitung. Und schon steht wieder eine Erzieherin mit zehn Wickelkindern allein im Raum. „Ich glaube, dass Fachkräfte unter den aktuellen Bedingungen täglich an ihre Grenzen kommen“, sagt Viernickel. Nicht, dass Kinder deshalb angeschrien würden. Aber alles, was über sichere Betreuung hinausgehe, bleibe auf der Strecke. Bildung, zum Beispiel.

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