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Kitas : Wo ist das Kind gut aufgehoben?

Gute Ausstattung allein macht indes noch keine gute Pädagogik. Die Frage ist nicht, ob ein Waldkindergarten generell besser oder schlechter ist als eine Einrichtung, die sich internationale Bildungskita nennt oder Montessori-Pädagogik betreibt. Das hat niemand erforscht. Wie Studien belegen, hebt jedoch allein die Tatsache, dass ein klares Konzept existiert, nach dem verbindlich gearbeitet wird, die Qualität. Ansonsten haben Wissenschaftler bei identischer Ausstattung selbst in Gruppen derselben Einrichtung höchst unterschiedliche Standards vorgefunden.

Wenig Sanktionsmöglichkeiten

Woran liegt das? Und warum wissen in der Regel weder Verantwortliche noch Eltern darüber Bescheid? Kitafoscher Tietze sagt: „Kein Träger, kein Jugendamt und erst recht nicht Familienministerin Schröder kann Ihnen sagen, wie es um die Qualität in den Früherziehungseinrichtungen steht.“

Natürlich gibt es etwas, das Kita-Aufsicht heißt. In Berlin sitzt diese Einrichtung im sechsten Stock der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft und besteht aus zwölf Kollegen, die für 2200 Einrichtungen zuständig sind. Bevor eine Kita eine Betriebsgenehmigung bekommt, wird überprüft, ob Konzept, Personalschlüssel und bauliche Standards den rechtlichen Vorgaben entsprechen. Anschließend rechnet die Behörde einmal im Jahr nach, dass das vorgeschriebene Betreuungsverhältnis - für Berliner Krippenkinder mäßige 1:5 - nicht unterschritten wird.

Ansonsten geht man Elternbeschwerden nach. Meistens, sagt die scheidende Leiterin Kirstin Fussan, seien häufige Erzieherwechsel der Anlass. Dann gibt es Ortstermine, Beratung, Auflagen - und immer geht viel Zeit ins Land. Manchmal wünscht Fussan sich schärfere Sanktionsmöglichkeiten: „Es ist sehr schwer, eine Betriebserlaubnis zu entziehen.“

Je jünger die Kinder sind, desto mehr Aufmerksamkeit benötigen sie
Je jünger die Kinder sind, desto mehr Aufmerksamkeit benötigen sie : Bild: Julia Zimmermann

Die Kita-Aufsicht starte wie ein Tiger, ende aber als Bettvorleger, heißt es deshalb gerne. Doch die Crux ist eine andere: Für Qualität im positiven Sinne ist die Behörde gar nicht zuständig. Sie prüft zwar, ob eine Umsetzung des Berliner Bildungsprogramms vorgesehen ist. Ob das im Tagesgeschäft aber passiert, ist nicht ihre Baustelle. Kriterium der Kita-Aufsicht ist die Gefährdung des Kindeswohls. Niedriger könnte die Schwelle nicht sein.

Ein Morgen in der Kita „Entdeckerland“ in Berlin-Karow, bei den „Eisbären“ gibt es Frühstück: „Brauchst du auch ein Messer?“, fragt der Erzieher und hilft einer Zweijährigen, Leberwurst auf ihr Brot zu laden, woraufhin das Mädchen andächtig streicht und streicht. Der Raum ist mit Wasserfarbkritzeln und Fotos geschmückt, die ausschließlich in Höhe der Kinderaugen hängen. Die Regale sind beschriftet, um einen Sinn für Buchstaben zu fördern. Auf den Tischen kleben Schweinchenfiguren und der Wolf aus einer Bilderbuchgeschichte, die gerade Thema ist: eine Einladung zur Vertiefung.

Ein Blondschopf spreizt seine Finger in Richtung Rohkostteller. „Jetzt sind die Gurken alle“, erklärt die Pädagogin und hält ihm den Teller hin. „Du - te“, sagt der Einjährige und greift eine Möhre. „Das ist eine Mohrrübe“, sagt die Erzieherin. „Mama“, sagt ein Mädchen und guckt zum Fenster. „Mama ist arbeiten“, sagt die Erzieherin.

Selbstständigkeit fördern

Nolan ist als Erstes fertig. Der Einjährige rutscht von seinem Stuhl, drückt die Lehne gegen die Tischkante und balanciert seinen Teller zum Servierwagen. Dann verschwindet sein Windelpopo im Bad, wo mittlerweile eine Erzieherin Anweisungen gibt: Wasser an, Ärmel hoch. Andere essen in aller Ruhe zu Ende, während eine Kollegin die Brocken zusammenfegt. Ein zartes Mädchen schiebt einen Puppenwagen übers Linoleum.

Bei allem Durcheinander ist es nicht laut im Raum. Als Lea weint, weil sich ihr Stuhl verhakt hat, rückt Gudrun Erthner kurz an der Lehne. Daraufhin schiebt das Mädchen den Stuhl an den Tisch und wackelt zufrieden davon.

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