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Kindererziehung : „Viele Eltern benehmen sich wie Flugbegleiter“

Die Entdeckung der Würde des Kindes vergleicht Juul mit der Emanzipation der Frau. Bild:

Soll man Kindern Grenzen setzen oder sie selbst entscheiden lassen? Wo es keinen Konsens mehr über Erziehung gibt, weist der Familientherapeut Jesper Juul Auswege aus den Erziehungsfallen und beruhigt: „Die besten Eltern machen täglich 20 ernsthafte Fehler.“

          6 Min.

          Wenn Jesper Juul in Kroatien ankommt, wo er zeitweise lebt, besucht er als Erstes seinen Nachbarn. Beim Begrüßungskaffee wiederholt sich seit Jahren derselbe Dialog. Der Nachbar seufzt: "Das Leben war besser unter Tito." Der Däne widerspricht. Das könne er doch nicht ernst meinen, hält er dagegen und fragt nach einer Begründung. Daraufhin antwortet der Nachbar: "Heute müssen wir so viel denken." Juul steht auf einem Podium im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden und macht eine Pause, solange das Publikum lacht. Dann sagt er: "Das ist mehr als eine gute Geschichte. Das ist ein Riesenunterschied."

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Weil es sich mit Erziehung irgendwie ähnlich verhält, ist Jesper Juul zwischen Vorträgen in Italien und Slowenien, München und Koblenz an diesem Abend in Dresden, wohin ihn der Stadtelternbeirat eingeladen hat. Und weil die Verunsicherung angesichts der Herausforderungen der Gegenwart so gewaltig scheint, sind die Karten schon nach wenigen Tagen ausverkauft gewesen, so dass die Veranstaltung jetzt per Kamera in einen zweiten Saal übertragen wird. Das Publikum besteht jeweils zur Hälfte aus Eltern und Fachleuten, deutlich mehr Frauen als Männer sitzen im Raum. Und Jesper Juul steht da vorne und formuliert mit nettem dänischen Akzent Überzeugungen, für die er Szenenapplaus bekommt. Auf seine Beispiele folgt Gelächter. Zwischendrin sagt der Familientherapeut Sätze, die Eltern heutzutage dringender brauchen als jeden Ratgebertipp. Er sagt: "Entspannt euch!" Oder: "Die gelungensten Eltern machen zwanzig ernsthafte Fehler pro Tag." Oder: "Geh ruhig Kaffee trinken, oder mach etwas Vernünftiges mit deinem Leben. Aber sei nicht immer bei den Kindern. Die kriegen viel, viel, viel zu viel Aufmerksamkeit."

          Früher, als Tito Jugoslawien regierte, als Jesper Juul ein Junge war und die Beziehung zwischen Eltern und Kindern hierarchisch organisiert, waren viele Dinge einfacher. Das sagt auch Juul: Kinder sollten gehorchen, basta. Eine Generation später - Tito war noch immer an der Macht und Jesper Juul selbst Vater - wollten Familien alles anders machen und möglichst demokratisch sein. Auch das schien einfach. Heute ist Titos Jugoslawien genauso Geschichte wie jeglicher gesellschaftliche Konsens darüber, was Erziehung zu leisten hat. Juul ist 62 Jahre alt und Großvater. Er hat ein renommiertes dänisches Institut für Familientherapie gegründet, er hat Jahrzehnte lang selbst Erwachsene therapiert. Der Dresdner Bücherstand mit seinen Veröffentlichungen - neuester Titel: "Pubertät - wenn Erziehen nicht mehr geht" - ist mehrere Meter lang. Die Elternberatung "FamilyLab", die Juul 2004 gegründet hat, gibt es mittlerweile in zwölf Ländern.

          Konjunktive, bis das Kind verwirrt ist

          Aber in der Kindererziehung reüssieren die Neokonservativen mit ihrem Lieblingsdogma, dass man Kindern Grenzen setzen müsse. Sie schwören auf gute alte Werte wie Gehorsam und Disziplin. Die Neoromantiker hingegen, wie Juul sie nennt, kann man auf jedem Spielplatz beobachten. Lächelnd sagen sie "bitte" und benutzen Konjunktive, bis ihre Kinder verwirrt sind. Weil sie Konflikte scheuen und Entscheidungen dem Nachwuchs überlassen, tanzen ihnen die lieben Kleinen auf der Nase herum. "Viele Eltern benehmen sich heute wie Flugbegleiter", sagt Juul, um die Leute mal wieder zum Lachen zu bringen. Aber er meint es ernst. Der Therapeut malt mit dem Finger einen imaginären Strich in die Luft und sagt: "Auf diesem Kontinuum, wo Autorität der eine Pol ist und Laissez-faire der andere, gibt es nichts, das funktioniert. Solange wir innerhalb dieser Polaritäten bleiben, kommen wir nicht vorwärts."

          Eltern lieben Jesper Juul, weil er für eine Alternative steht. Seine Schlagworte wie "Gleichwürdigkeit" und "Selbstverantwortung" erschließen sich zwar nicht auf den ersten Blick. Aber das Leben sei nun mal nicht einfach, sagt er selbst. Juul lehrt weder Rezepte noch Techniken. Er vermittelt eine Haltung, und die beginnt mit der Einstellung dem eigenen Kind gegenüber. "Will ich ein lebendiges oder ein gehorsames Kind? Will ich ein gesundes oder ein nettes Kind?", fragt Juul. Betrachte ich mein Kind als Projekt, mit dem ich ein bestimmtes Ziel verfolge - oder als eigenständige Persönlichkeit, die ich respektiere wie erwachsene Menschen auch?

          „Mama und ich wollen alleine schlafen“

          Gleichwürdigkeit zwischen Kindern und Eltern hat für Juul allerdings nichts mit Gleichberechtigung zu tun. Im Gegenteil: Kinder brauchen Führung, lautet sein Mantra. Er sagt: "Kinder brauchen Eltern, die mehr oder weniger wissen, was sie wollen. Es ist nicht wichtig, was sie wollen." Das führt dazu, dass sich Grenzen in der Familie nicht aus abstrakten Konventionen ergeben, sondern aus persönlichen Bedürfnissen. Juuls Bücher sind voll von Sätzen wie: "Nein, ich will dir jetzt keine Geschichte vorlesen. Ich will Zeitung lesen." Oder: "Ich will dich nicht mehr in unserem Bett haben. Mama und ich wollen allein schlafen." Das sorgt vielleicht für Konflikte und Frustration. Doch daran, so Juul, wachsen Kinder. Solange ihnen niemand Schuldgefühle macht.

          Den Ausschlag gibt die Qualität der Auseinandersetzung. Dafür sind Juul zufolge die Eltern verantwortlich, und weil Zwang der Beziehung schadet und Endlosdiskussionen zu gar nichts führen, kommt der Sprache eine Schlüsselbedeutung zu. "Ich gebe ein Beispiel", sagt Juul wie immer, kurz bevor man den Faden verliert. Also Zähneputzen. Der Zweijährige will nicht; die Eltern finden, es muss sein. Deshalb sagt die Mutter zum Beispiel: "Hör mal. Für mich ist es notwendig. Und ich bin der Boss. Jetzt machen wir das." Das funktioniere, glaubt Juul, meistens jedenfalls. Kinder wollten kooperieren, egal in welchem Alter. Die Bedingung heißt Freundlichkeit. "Das ist schwierig für Eltern. Die sind immer so ein bisschen streng oder süß. Und dann versuchen sie, ihrem Kind alles zu erklären, von Karius und Baktus und so, und das macht alles nur noch schlimmer. Dabei muss ich nur wissen: Das will ich jetzt."

          Jesper Juul verkörpert geradezu, was er meint. Ganz gleich, ob er sich auf einem Podium befindet, in einen Hotelsessel versunken ein Interview gibt oder zwischen Eltern und ihren pubertierenden Kindern Platz genommen hat, mit denen er Familienkonflikte bearbeitet: Er ist ein Klops von Mann, der gerne kocht, lacht oder gar nichts tut. Journalisten sagt er gern, er rauche, so viel er kann. Immer sitzt er da, unverrückbar wie ein Berg. Aber den Respekt für sein Gegenüber scheint man zu spüren. Er schweigt, um nachzudenken, manchmal schließt er die Augen. Als wolle er sagen: "Hier bin ich. Wer bist du?" So heißt einer seiner Longseller im dänischen Original, dem man in Deutschland den Allerweltstitel "Grenzen, Nähe, Respekt" verpasst hat.

          Juul sieht sich als furchtbaren Vater

          Juul sagt von sich übrigens, er sei zunächst ein furchtbarer Vater gewesen: unreif, hysterisch, emotional labil. Damals studierte er europäische Ideengeschichte, aber weil ihm sein Nebenjob im Kinderheim so gut gefiel, wechselte er das Feld. Er begann eine Ausbildung zum Familientherapeuten. Trotzdem sagt er: "Sechzig Prozent von dem, was ich weiß, habe ich mit meinem Sohn gelernt." Inzwischen erzählt Juul gern von seinem Enkel, den er für ähnlich eigensinnig hält wie schon den Sohn und sich selbst. Das stellt ihn vor Herausforderungen, an denen er sein Lebenswerk gewissermaßen experimentell überprüfen kann. Juul hasste es zum Beispiel, wenn sein Sohn das angekaute Essen auf die Tischplatte spuckte, weil ihm etwas nicht schmeckte. "Darüber haben wir acht Jahre lang einen Machtkampf geführt, und ich habe verloren", sagt er. Plötzlich machte der Enkel - damals zwei Jahre alt - dasselbe. Also sagte Juul: "Ich will gerne, dass du das nicht auf den Tisch legst, sondern auf deinen Teller. Kannst du das für mich machen?" Und der Enkel schaute ihn an. Blickte auf den Tisch. Nahm den Bissen. Legte ihn auf den Teller. Schaute wieder den Opa an und fragte: "So meinst du?" Und Juul sagte: "Genau so meine ich es. Danke."

          Einmal, als die Oma weg war, die sonst den lieben langen Tag den Enkel bespaßt, sagte Juul: "Du, hör mal. Ich spiele nicht so gerne wie die Oma. Wenn wir beide alleine sind, musst du mehr alleine spielen." Der Kleine antwortet, wie es für Zweijährige typisch ist: "Nein." Aber Juul erklärt rückblickend: "Da muss man nur warten. Es dauert maximal 15 Sekunden, dann macht er es. Mit diesem ,Nein' sagen Kinder nur: ,Ich bin meine eigene Person. Wenn du das weißt und akzeptierst, können wir kooperieren.' Nur wenn man gegen dieses Nein geht, mit einer pädagogischen Erklärung oder einer Motivation, dann geht alles schief."

          „Abwesenheit von Gefühlen schadet dem Kind“

          Das klingt ein bisschen nach Wundergeschichten, und wer aus eigener Erfahrung weiß, wie lange solche Wunder mitunter auf sich warten lassen, den kann Juul auch aggressiv machen. Dann jedoch wieder sagt er Dinge, die einem schon am nächsten Tag das Leben erleichtern: Dass es kein Weltuntergang sei, die Kleinen auch mal anzubrüllen. "Romantiker glauben, ihre Gefühle schaden dem Kind. Aber die Abwesenheit von Gefühlen schadet dem Kind." Dass man sich Zeit zum Nachdenken nehmen darf, wenn die Kinder einen mit Wünschen bestürmen. "Kinder können warten." Er sagt: "Es ist auch erlaubt, Humor zu haben." Und: "Die Reaktionen von Kindern sind immer sinnvoll." Den Trend, Kinder reflexhaft zu loben, bezeichnet er als Krankheit.

          Juul denkt in Generationen und Geschlechterrollen. Die Entdeckung der Würde des Kindes vergleicht er mit der Emanzipation der Frau. Deshalb macht es ihn so wütend, wenn junge Akademikerinnen heute ihre Kinder behandeln wie ihre Großväter einst Frauen. Prinzip: Wir können über alles reden, aber jetzt sei still und geh in die Küche. Eine Mutter, die unzufrieden ihre Halbwüchsigen bedient, missachtet Juul zufolge nicht nur ihre Grenzen. Sie sei auch ihrer Tochter ein schlechtes Vorbild - als hieße Frau sein, Dinge zu tun, die man nicht will. "Ich habe in fast vierzig Jahren als Psychotherapeut nicht eine Frau getroffen, die keine Schwierigkeiten hatte, die eigenen Grenzen wahr- und ernst zu nehmen. Dabei ist das der Kern mentaler Gesundheit."

          Wieder fällt ihm eine Geschichte von seinem Enkel ein: Weihnachten 2009, Juul rief aus Kroatien bei der Familie in Dänemark an. "Opa ist am Telefon. Willst du mit ihm reden?", formulierte die Schwiegertochter, typisch für ihre Generation. "Nein", sagte der inzwischen Dreieinhalbjährige prompt. Aber Juul beharrte darauf, dass die Schwiegertochter es in der von ihm gepriesenen "persönlichen Sprache" noch einmal versuchte: "Opa will mit dir sprechen." Diesmal unterbrach der Junge sein Spiel und dachte eine Zeitlang nach. Dann antwortete er freundlich: "Sei doch so lieb und sag dem Großvater: Das darf er nicht." Die anwesende Urgroßmutter war entsetzt über das ungehörige Kind. Aber Juul sagt: "Das war das schönste Geschenk meines Lebens." Denn wenn die nächste Generation schon so jung in der Lage ist, auf die eigenen Grenzen zu achten, wird die Zukunft einfacher als das Leben unter Tito.

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