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Kindererziehung : „Viele Eltern benehmen sich wie Flugbegleiter“

Die Entdeckung der Würde des Kindes vergleicht Juul mit der Emanzipation der Frau. Bild:

Soll man Kindern Grenzen setzen oder sie selbst entscheiden lassen? Wo es keinen Konsens mehr über Erziehung gibt, weist der Familientherapeut Jesper Juul Auswege aus den Erziehungsfallen und beruhigt: „Die besten Eltern machen täglich 20 ernsthafte Fehler.“

          Wenn Jesper Juul in Kroatien ankommt, wo er zeitweise lebt, besucht er als Erstes seinen Nachbarn. Beim Begrüßungskaffee wiederholt sich seit Jahren derselbe Dialog. Der Nachbar seufzt: "Das Leben war besser unter Tito." Der Däne widerspricht. Das könne er doch nicht ernst meinen, hält er dagegen und fragt nach einer Begründung. Daraufhin antwortet der Nachbar: "Heute müssen wir so viel denken." Juul steht auf einem Podium im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden und macht eine Pause, solange das Publikum lacht. Dann sagt er: "Das ist mehr als eine gute Geschichte. Das ist ein Riesenunterschied."

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Weil es sich mit Erziehung irgendwie ähnlich verhält, ist Jesper Juul zwischen Vorträgen in Italien und Slowenien, München und Koblenz an diesem Abend in Dresden, wohin ihn der Stadtelternbeirat eingeladen hat. Und weil die Verunsicherung angesichts der Herausforderungen der Gegenwart so gewaltig scheint, sind die Karten schon nach wenigen Tagen ausverkauft gewesen, so dass die Veranstaltung jetzt per Kamera in einen zweiten Saal übertragen wird. Das Publikum besteht jeweils zur Hälfte aus Eltern und Fachleuten, deutlich mehr Frauen als Männer sitzen im Raum. Und Jesper Juul steht da vorne und formuliert mit nettem dänischen Akzent Überzeugungen, für die er Szenenapplaus bekommt. Auf seine Beispiele folgt Gelächter. Zwischendrin sagt der Familientherapeut Sätze, die Eltern heutzutage dringender brauchen als jeden Ratgebertipp. Er sagt: "Entspannt euch!" Oder: "Die gelungensten Eltern machen zwanzig ernsthafte Fehler pro Tag." Oder: "Geh ruhig Kaffee trinken, oder mach etwas Vernünftiges mit deinem Leben. Aber sei nicht immer bei den Kindern. Die kriegen viel, viel, viel zu viel Aufmerksamkeit."

          Früher, als Tito Jugoslawien regierte, als Jesper Juul ein Junge war und die Beziehung zwischen Eltern und Kindern hierarchisch organisiert, waren viele Dinge einfacher. Das sagt auch Juul: Kinder sollten gehorchen, basta. Eine Generation später - Tito war noch immer an der Macht und Jesper Juul selbst Vater - wollten Familien alles anders machen und möglichst demokratisch sein. Auch das schien einfach. Heute ist Titos Jugoslawien genauso Geschichte wie jeglicher gesellschaftliche Konsens darüber, was Erziehung zu leisten hat. Juul ist 62 Jahre alt und Großvater. Er hat ein renommiertes dänisches Institut für Familientherapie gegründet, er hat Jahrzehnte lang selbst Erwachsene therapiert. Der Dresdner Bücherstand mit seinen Veröffentlichungen - neuester Titel: "Pubertät - wenn Erziehen nicht mehr geht" - ist mehrere Meter lang. Die Elternberatung "FamilyLab", die Juul 2004 gegründet hat, gibt es mittlerweile in zwölf Ländern.

          Konjunktive, bis das Kind verwirrt ist

          Aber in der Kindererziehung reüssieren die Neokonservativen mit ihrem Lieblingsdogma, dass man Kindern Grenzen setzen müsse. Sie schwören auf gute alte Werte wie Gehorsam und Disziplin. Die Neoromantiker hingegen, wie Juul sie nennt, kann man auf jedem Spielplatz beobachten. Lächelnd sagen sie "bitte" und benutzen Konjunktive, bis ihre Kinder verwirrt sind. Weil sie Konflikte scheuen und Entscheidungen dem Nachwuchs überlassen, tanzen ihnen die lieben Kleinen auf der Nase herum. "Viele Eltern benehmen sich heute wie Flugbegleiter", sagt Juul, um die Leute mal wieder zum Lachen zu bringen. Aber er meint es ernst. Der Therapeut malt mit dem Finger einen imaginären Strich in die Luft und sagt: "Auf diesem Kontinuum, wo Autorität der eine Pol ist und Laissez-faire der andere, gibt es nichts, das funktioniert. Solange wir innerhalb dieser Polaritäten bleiben, kommen wir nicht vorwärts."

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