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Kindererziehung : „Die ersten drei Jahre sind grundlegend“

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Meves: In den ersten Jahren brauchen Kinder den vertrauten Herzschlag der Mutter Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

In den ersten drei Jahren ist einem Kind die Mutter durch nichts zu ersetzen, meint die Psychotherapeutin Christa Meves. Fremdbetreuung in diesem Lebensabschnitt wirke sich negativ auf die Entwicklung der Persönlichkeit aus. Ein Interview.

          Christa Meves, 81 Jahre alt, ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und Autorin zahlreicher Bücher zu Erziehung und Partnerschaft. Darin betonte sie immer wieder die Bedeutung der ersten Lebensjahre für die seelische Entwicklung von Kindern. Ihre Bücher wurden sechs Millionen Mal verkauft; noch immer geht sie auf Vortragsreisen. Ihr ist daran gelegen, den Status von „Nur-Müttern“ finanziell und ideologisch zu verbessern und die häusliche Betreuung von Kleinkindern gegenüber der institutionellen Betreuung nicht ins Hintertreffen geraten zu lassen.

          Frau Meves, warum können Mütter Ihrer Ansicht nach kleine Kinder besser betreuen als Väter?

          Die Hirnforschung unterstützt unsere Erfahrung, dass Frauen aufmerksamer sind gegenüber den Bedürfnissen des Kindes. Hellhörigkeit, Empathie und Empfindsamkeit sind bei ihnen stärker ausgeprägt als bei Männern. Frauen sprechen mehr mit Babies und Kleinkindern. Sie haben ein besseres Sensorium für die Zärtlichkeit, die Kinder brauchen.

          Neuerdings wurde herausgefunden, dass der individuelle Geschmack des Fruchtwassers dem der Muttermilch ähnelt. Dadurch spürt das Baby: „Hier bin ich richtig.“ Mütter legen intuitiv ihr weinendes Kind an ihre linke Seite, damit es den Herzschlag spüren kann. Diesen Rhythmus kennt es bereits aus dem Mutterleib.

          Es gibt ja heute auch sehr liebevolle Väter. Warum sollte der Vater nicht eine mindestens ebenso wichtige Bezugsperson sein wie die Mutter?

          Je älter die Kinder werden, desto wichtiger werden die Väter für sie. Er ist ein weiterer Ansprechpartner von allergrößtem Wert. Junge Männer, die Väter werden, machen in ihrer Entwicklung einen riesigen Sprung: Auf einmal werden sie verantwortungsvolle Erwachsene.

          Heute wünschen sich nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft 86 Prozent der Frauen mit Kindern unter drei Jahren, dass beide Partner in irgendeiner Weise erwerbstätig sind, aber nur 23 Prozent der Familien gelingt es, diesen Wunsch zu verwirklichen. Was soll daran falsch sein?

          Bei der Mehrzahl der Mütter ist das sicher nicht ihr eigenes Bedürfnis. In vielen Familien wird das Geld knapp; das nimmt den Frauen die Freiheit der Entscheidung. Ältere Frauen hängen mehr an ihrem Beruf als jüngere Frauen. Es ist ein erheblicher Negativfaktor, dass Ausbildung und Studium so lange dauern.

          Die Fähigkeit, ein seelisch gesunder Mensch zu sein, der auch Krisen standhält, sowie die Intelligenz - dafür wird die Grundlage in den ersten drei Jahren gelegt. Wir müssen der berechtigten Angst der Mütter - wenn ich einmal aus dem Beruf bin, komme ich nicht wieder rein - wirksam begegnen. Wenn diese Erkenntnisse in der Familienpolitik Platz fänden, wären wir ein Stück weiter.

          Aber Kinder entwickeln nicht automatisch seelische Störungen, wenn sie im Alter von einem Jahr an 20 oder 30 Stunden in der Woche fremdbetreut sind. Dann müssten fast alle Franzosen seelisch krank sein.

          In der früheren Sowjetunion konnte man sehen, dass 70 Jahre Krippenerziehung ein Volk zerstören. Nach sechs Wochen gingen dort die Frauen wieder in die Produktion, und wir haben dort so viele Alkoholiker wie nirgendwo sonst.

          Die Franzosen ziehen sich eine Zweiklassengesellschaft heran: Die Familien, die es sich leisten können, betreuen ihre Kinder zu Hause, die anderen müssen in die Krippen. Gebildete Französinnen haben ihre wirklich guten Ersatzmütter, an die sich die Kinder binden - das ist wie bei den Ammen früher im Adel. Die Unterprivilegierten werden eines Tages aus berechtigtem Neid dagegen rebellieren.

          Wie lange sollte denn eine Mutter ausschließlich für ihre Kinder da sein?

          Ich habe das etwa zehn Jahre lang gemacht, und meine beiden Töchter auch, ohne dass ich ihnen dazu geraten hätte. Wir hatten ein Drei-Phasen-Modell: Studium, Kinder, dann der Beruf. Fremdbetreuung schadet den Kindern nicht, sobald sie verstehen, dass Mama wiederkommt, im Allgemeinen ist das vom dritten Lebensjahr an der Fall.

          Meine Kinder waren nicht im Kindergarten, meine Enkel auch nicht. Kinder, die sich in einer großen Kindergartengruppe zurechtfinden müssen, lernen nicht automatisch soziale Kompetenz, sie lernen erst mal, Ellbogen zu gebrauchen.

          Wie sieht Ihrer Ansicht nach eine gute Fremdbetreuung aus?

          Unsere Vorgabe aus der Natur heißt: Zunächst duale Bindung, angereichert durch einen kleinen Kreis von Menschen in großer Konstanz. Also möglichst nah am Modell der Familie - wenige Kinder und eine feste Bezugsperson. Für kleinere Kinder ist sicher die Tagesmutter besser als eine wechselnde Erzieherinnencrew.

          Eigentlich müsste es doch unserer Gesellschaft blendend gehen: Es gibt in Westdeutschland für weniger als fünf Prozent der Kinder unter drei Jahren Plätze in Kindergärten; die Mehrheit der Drei- bis Sechsjährigen kommt mittags nach Hause.

          Nein, es kann unserer Gesellschaft überhaupt nicht blendend gehen, weil die natürlichen Entfaltungsbedingungen des Kindes nicht hinreichend beachtet werden. Und den Familien geht es schlecht, obwohl wir ohne sie keine Zukunft haben.

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