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Kinderbetreuung : „Die Mutter-Kind-Bindung leidet nicht“

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In der Kinderkrippe Bild: AP

Ist ein Kleinkind unter drei Jahren am besten bei der Mutter aufgehoben? Die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert im Gespräch mit der F.A.Z. über Nutzen, Risiken und Qualität von Kinderkrippen.

          4 Min.

          Lieselotte Ahnert ist Professorin für Entwicklungsförderung und Diagnostik an der Universität Köln. Sie studierte Psychologie an der Ost-Berliner Humboldt-Universität Berlin und konnte danach die Krippenwirklichkeit der DDR als Supervisorin für 50 Kindereinrichtungen am Prenzlauer Berg beobachten. Seither erforscht sie, welche Folgen die außerfamiliäre Tagesbetreuung von Kleinkindern für ihre Entwicklung hat. Nach der Wende arbeitete sie im Rahmen eines Stipendiums an einer amerikanischen Untersuchung zu den Konsequenzen der Fremdbetreuung mit, der NICHD-Studie (National Investigation on Child Development). Für ihre eigenen Kinder, geboren 1980 und 1986, engagierte sie eine Kinderfrau. „Wenn die Krippen damals schon die Qualität gehabt hätten wie heute, hätte ich sie dorthin gebracht“, sagt sie. Mit ihr sprach Uta Rasche.

          In der derzeitigen Debatte über Kleinkindbetreuung wird behauptet, dass ein Kind unter drei Jahren besser bei der Mutter aufgehoben sei. Was sagt die Entwicklungspsychologie?
          Ein Kleinkind ist auf kontinuierliche, feinfühlige Betreuung angewiesen, auf eine Person, die prompt auf seine Bedürfnisse reagiert. Man kann davon ausgehen, dass eine Mutter mit der ihr eigenen Motivation und Empathie ihr Kind optimal fördert und betreut. Wir wissen aber auch, dass ein Kind dann, wenn es beginnt, sich von der Mutter wegzubewegen, wenn es krabbeln oder laufen kann, neue Entwicklungsimpulse durch andere soziale Kontakte sucht. Mit etwa neun Monaten können die meisten Kinder krabbeln, mit achtzehn Monaten laufen. Die motorische Mobilität unterstützt die Entwicklung der Autonomie; die kognitiven Strukturen wachsen mit: Das Kleinkind ist dann in der Lage, alte Erfahrungen mit neuen zu vergleichen.

          Wann hat das Kind einen Nutzen vom Zusammensein mit Gleichaltrigen?
          In der Spanne zwischen dem 14. und dem 18. Lebensmonat entstehen Kompetenzen, die das Kind bereit machen für Kontakte zu anderen Kindern. Nach dem 18.Lebensmonat wird das mitspielende Kleinkind zu einer Person, von der wichtige Entwicklungsimpulse ausgehen. Wir wissen aber auch, dass diese Kontakte sehr unvollkommen sind, häufig im Konflikt enden und mit Irritationen beladen sind.

          Wenn Kinder sich zum Beispiel Spielzeug wegnehmen und zum Schluss beide schreien.
          Die Forschung geht davon aus, dass diese Kontakte trotzdem wichtig sind, denn in der Kommunikation mit Erwachsenen lernt das Kind nur, dass der Erwachsene immer der sozial Kompetentere ist, der eine Lösung herbeiführt. Unter Kindern ist aber eine Lösung oftmals gar nicht in Sicht, sie müssen selber irgendein Ende des Streits finden, damit sie weiterspielen können. Sie lernen, einen Kompromiss auszuhandeln - selbst wenn sie sich nur trennen. Sie lernen, innezuhalten in ihrer Wut und Frustration. Riskant ist es, wenn Kinder alleine gelassen werden mit ihren Konflikten. Dann kann das Ganze entgleisen und in eine permanent aggressive Atmosphäre münden. Wir wissen, dass große, schlecht geführte Kindergruppen zu aggressiven Verhaltensweisen führen.

          Liselotte Ahnert: „Große Kindergruppen führen zu aggressiven Verhaltensweisen”

          Wie groß sollen die Gruppen sein?
          International gilt eine Erzieherin für drei bis vier Kinder als guter Standard. Das haben wir in Deutschland nicht. Die Moderierung der Gruppendynamik ist absolut wichtig, die Erzieherin muss sehr aufmerksam sein und Kindern bei der Lösung ihrer Konflikte helfen. Und sie muss auch individualisiert arbeiten können, gerade bei den Kindern unter 18 Monaten, in denen das mitspielende Kind noch keine so große Entwicklungsressource ist. Kleinere Kinder brauchen auch mal über einen längeren Zeitraum einen Dialog zu zweit, eine Interaktion von Angesicht zu Angesicht.

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