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Kinderarmut : Der Mangel, die Scham und das Glück

Eine warme Mahlzeit wird zum Ereignis: die Berliner Sozialstation „Die Arche” Bild: ddp

Ein kinderarmes Land kann sich Kinderarmut nicht leisten. Doch in Deutschland müssen mittlerweile knapp zwei Millionen Jugendliche von staatlicher Unterstützung leben. Julia Schaaf hat von Familien erfahren, was es bedeutet, arm zu sein.

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          Viermal die Woche Nudeln. Dazu Spinat aus dem Kühlregal. Sauce aus frischen Tomaten - manchmal, wenn's am Gemüsestand fünf Stück für einen Euro gibt. Oft aber auch pur, für den Sohn mit etwas Reibekäse, für die Mutter nicht.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Früher schmierte Marion Böhler (Name geändert) Schulbrote mit Gürkchen darauf. Heute gibt es Billigwurst und Margarine. Wenn der Zwölfjährige seine Stullen auf dem Heimweg verzehrt hat, essen sie erst nachmittags warm, um das Abendessen zu sparen.

          Gegen Ende des Monats reicht es mitunter nur noch für ihren Sohn. „Ich habe Bauchschmerzen“, lügt Böhler dann oder: „Mutti hat heute keinen Hunger.“

          Trostlose Aussichten: Armut wird „vererbt”
          Trostlose Aussichten: Armut wird „vererbt” : Bild: dpa

          Jedes dritte Kind gilt als arm

          Die Koalition hat während ihrer Klausur auf Schloss Meseberg beschlossen, den Kinderzuschlag auszuweiten, um Geringverdiener vor Hartz IV zu bewahren, die zwar sich selbst, nicht aber ihren Nachwuchs ernähren können. Damit will sie die wachsende Kinderarmut in Deutschland bekämpfen.

          Gerade erst haben neue Zahlen die Öffentlichkeit alarmiert: Im August 2007 erreichte die Zahl der Jungen und Mädchen bis 15 Jahre, die von staatlicher Unterstützung leben, mit 2,6 Millionen einen neuen Höchststand. In Berlin gilt inzwischen jedes dritte Kind als arm, in Bremerhaven und Görlitz liegt die Quote bei mehr als vierzig Prozent.

          Armut prägt fürs Leben

          Nun heißt Armut in einem Industrieland nicht, dass die Betroffenen verhungern würden. Man spricht von relativer Armut, wenn ein Haushalt je nach Definition mit weniger als der Hälfte (Unicef, WHO) oder weniger als sechzig Prozent (EU, Bundesregierung) des durchschnittlichen Nettoeinkommens auskommen muss.

          Die Grenze für einen Erwachsenen liegt derzeit bei 782 respektive 938 Euro. Schon deshalb kann es keine exakten Zahlen geben, und ob die Einführung von Hartz IV tatsächlich die Armut in die Höhe treibt oder nur die Statistik, weil sie Mangel sichtbar macht, ist umstritten. „Armut ist immer ein politisch besetzter Begriff“, stellt der Kölner Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge fest.

          Aber anders als bis zur Jahrtausendwende bestreite niemand mehr den stetigen Anstieg der Kinderarmut. Minderjährige sind inzwischen die Bevölkerungsgruppe mit dem größten Risiko, unter die Einkommensgrenze zu rutschen. Das prägt fürs Leben. Mit beunruhigenden Folgen für eine Gesellschaft, die über zu wenig Nachwuchs klagt.

          Sie war ein „karrieregeiles Weib“

          „Ich hatte früher ja auch ein Leben“, sagt Marion Böhler, und ihre sonnendurchflutete Wohnung in Berlin-Reinickendorf steht für das, was sie meint. Die Korbcouch vor der fliederfarbenen Wand ist so groß, dass die zerbrechliche Sechsundvierzigjährige in hellgewaschenem Strick und Jeans darauf wie hingetupft wirkt. Alles scheint überreinlich und adrett, ein geliebtes, gepflegtes Heim.

          Der CD-Player ist ein Relikt aus besseren Tagen, die Playstation des Jungen auch. Früher, in jenem anderen Leben, war sie ein „karrieregeiles Weib“, sagt Böhler, Filialleiterin einer Drogerie, später Personaltrainerin, schließlich die rechte Hand vom Chef, mit jeder neuen Stelle ging es aufwärts, nicht einmal nach der Scheidung hatte sie finanzielle Sorgen.

          Vor zwei Jahren brach alles zusammen. Die Firma ging pleite. Und das Jugendamt befand, die Betreuung ihres Sohnes, der durch eine Mischung aus Aufmerksamkeitsschwäche und Hyperaktivität als behindert gilt, leide unter ihrem Beruf - der Junge solle ins Heim.

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