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Jugendliche in Deutschland : Ich will was leisten, und das ist gut so

Wer strengt sich ausschließlich freiwillig an? Und: Welches Kind wollte nicht erfolgreich sein? Die Jugendlichen haben das längst begriffen Bild: Kat Menschik

Wer glaubt, dass Jugendliche unter den Erwartungen ihrer Eltern leiden, täuscht sich. In Wahrheit ist der Nachwuchs bereit, sich anzustrengen - und erwartet Ermunterung.

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          „Eigentlich machen meine Eltern schon richtig Druck“, bekennt die fünfzehnjährige Lorena. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Ihren Eltern wäre diese Aussage wahrscheinlich unangenehm. Welche Eltern würden heute noch öffentlich zugeben wollen, dass sie ihre Kinder ordentlich unter Leistungsdruck setzen? Denn schon allein dieses Wort lässt die Vertreter des pädagogischen Mainstream in Deutschland erschaudern. Lorena aber hat mit der hohen Erwartungshaltung ihrer Eltern offenbar überhaupt keine Probleme. Ihr Leben mache ihr richtigen Spaß, schreibt die Gymnasiastin weiter: „Auch wenn es manchmal eben stressig ist.“ Ändern würde sie daran derzeit nichts: „Es ist schon ziemlich gut so, wie es ist.“ Auf ihre Eltern und deren Erziehungsbemühungen lässt sie nichts kommen, schon gar nicht darauf, dass sie von ihr so viel verlangen.

          Inge Kloepfer
          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wer Kinder und Jugendliche in Deutschland nach ihrem Lebensgefühl befragt, bekommt deren geballte Energie zu spüren. Leistungsdruck und Lebensfreude passen offenbar viel besser zusammen, als die immer wieder emotional aufgeheizten Debatten über Deutschlands angeblich so überforderte Kinder glauben lassen. Die Jugendlichen haben längst begriffen, was wir Erwachsene so oft in Zweifel ziehen: dass das Leben vor allem dann Spaß macht, wenn man erfolgreich ist. Und sie wissen genau, dass sie dies ohne eine gehörige Portion Anstrengung und den Antrieb ihrer Eltern nicht sein werden. Das Leben von Kindern darf - zumindest aus der Sicht von Jugendlichen - eben auch mal stressig sein. Die große Mehrheit ist wahrscheinlich alles andere als überfordert.

          Ändern würden die Meisten nur wenig

          Lorena hat all das für meine vierzehnjährige Tochter Isabel notiert. Sie ist eine von 120 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten zwischen 12 und 18 Jahren irgendwo in Deutschland, die bereit waren, Isabel 30 Fragen zu beantworten. Fragen zu ihrem Lebensgefühl, zu Leistungsdruck und Leistungserwartung, zu Belohnung und Strafe, zu Drill und Disziplin, zu Spaß und Muße und dem, was sie an ihrem Leben derzeit gerne ändern würden. Mehr noch: Fragen zum Erziehungsstil ihrer Eltern und damit danach, wie sie als Kinder oder Jugendliche eigentlich gerne erzogen werden wollen. Fragen einer Jugendlichen an ihresgleichen also, die sich zunehmend darüber ärgerte, dass sie und ihre Altersgenossen in den immer wiederkehrenden Erziehungsdebatten überhaupt nicht zu Wort kamen.

          Die Ergebnisse dieses jugendlichen Feldversuchs waren verblüffend. Nicht etwa, weil fast vier Fünftel der 120 Befragten zu Protokoll gaben, unter einem erheblichen Erwartungsdruck ihrer Eltern zu stehen. Das konnte man sich denken bei den Kindern des Bildungsbürgertums, deren Eltern seit einigen Jahren ob ihrer Bildungsambitionen schwer unter Beschuss stehen. Seit Erziehung nur noch als Schadensfall diskutiert wird, hat sich nämlich nicht nur die Vernachlässigung von Kindern zu einem weiten Feld beißender Kritik an Eltern entwickelt, sondern auch ihr krasses Gegenteil: die vermeintliche Überforderung und der Leistungsstress des Nachwuchses mit angeblich verheerenden seelischen Folgen.

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