https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/familie/japan-mein-name-sei-gleichberechtigung-11584660.html

Japan : Mein Name sei Gleichberechtigung

  • -Aktualisiert am

Will ihren Namen: Mizuho Fukushima, Chefin der Sozialdemokraten Bild: REUTERS

In Japan herrschen starre Strukturen der Rollenverteilung. Jetzt fordern einflussreiche Frauen, dass sie nach der Hochzeit ihren Familiennamen behalten dürfen – und ziehen vor Gericht.

          4 Min.

          Vor elf Jahren heiratete Ernie Kayama ihren Partner. Schon damals hatte die japanische Journalistin Bedenken – nicht wegen des Manns, sondern wegen des Namens. In Japan darf ein Ehepaar nur einen Nachnamen haben. Ernie Kayama dachte, sie könne offiziell den Namen ihres Manns und im Arbeitsleben ihren Namen tragen. Doch bald musste sie erkennen, dass das ein Irrtum war, dass sie doch immer seinen Namen angeben musste.

          „Mein Name ist außergewöhnlich und Teil meiner Identität“, sagt sie. Deshalb ließ sie sich nach zwei Jahren scheiden. Jetzt lebt sie seit Jahren mit ihrem geschiedenen Mann zusammen. „Es ist schon etwas merkwürdig“, sagt sie. „Oft fragen uns Bekannte, ob wir noch immer im Scheidungsprozess sind.“ Das Zusammenleben ohne Trauschein hat auch Nachteile: Es gibt keine Steuervergünstigungen wie für Ehepaare und kein Erbrecht für die Partner. Kinder gelten als unehelich und müssen vom Vater adoptiert werden.

          Name oder Hochzeit

          Seit Jahrzehnten fordern vor allem berufstätige Frauen eine Änderung des Bürgerlichen Gesetzbuches, so dass nach der Heirat beide Ehepartner ihren Familiennamen weiterführen können. Die derzeitige Regelung sieht vor, dass der Name der Frau oder des Manns als Familienname zu wählen ist, Doppelnamen sind nicht gestattet. Gut 97 Prozent aller Paare wählen den Namen des Manns – das entspricht der Tradition, nach der die Frau in die Familie ihres Partners einheiratet. Der Name der Frau wird meist nur dann gewählt, wenn sie aus dem Adel kommt. In den Jahrzehnten der Herrschaft der Liberaldemokratischen Partei, in der die Männer das Kommando hatten, fand das Vorhaben der „zwei Familiennamen“ kaum Unterstützer in der Politik. Umso mehr gab es Hoffnung, als im Jahr 2009 die Demokratische Partei (DPJ) siegte, die im Wahlkampf versprochen hatte, dass das Recht geändert werden sollte. In der ersten Koalitionsregierung der DPJ unter Ministerpräsident Yukio Hatoyama wurde sogar Mizuho Fukushima, eine Kämpferin für die Sache, zur Ministerin für Gleichstellung und Verbraucherschutz ernannt.

          Auch Mizuho Fukushima, als Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei eine der wenigen prominenten Politikerinnen Japans, lebt mit ihrem Partner seit Jahren unverheiratet zusammen. Als Anwältin und Abgeordnete hat sie sich einen Namen gemacht, den sie wegen ihrer Heirat nicht aufgeben wollte. „Ich bin froh, dass ich stur geblieben bin“, sagt sie in ihrem Abgeordneten-Büro im Tokioter Regierungsviertel Nagatacho. „Ich hätte es bereut, meinen Namen verloren zu haben.“

          Auch die damalige Justizministerin der Demokratischen Partei war eine Befürworterin der neuen Namensregelung. Die Chancen für eine Änderung schienen also groß. Doch in der DPJ gab es Widerstand gegen die Reform. Und ein Koalitionspartner, die Neue Volkspartei mit ihrem Vorsitzenden Shizuka Kamei, stellte sich quer: zwei Familiennamen – das zerstöre die Familien und entspreche nicht der Tradition.

          „Wir konnten uns im Kabinett nicht einigen“, sagt Mizuho Fukushima. Also blieb alles beim Alten. Unter Yoshihiko Noda, dem dritten Ministerpräsidenten der DPJ, steht das Thema nicht mehr im Vordergrund. Die Politiker der Demokratischen Partei, die gegen ein von der Opposition beherrschtes Oberhaus regieren, vermeiden es, mit kontroversen Themen noch mehr Debatten zu eröffnen. „Wir sind so enttäuscht“, sagt Mieko Mirai, eine Japanerin, die ihren Partner gar nicht erst heiratete, sondern mit ihrem Freund einen Brief an die Eltern schrieb, in dem es heißt, dass sie ohne Trauschein zusammenziehen wollten, so dass sie ihren Familiennamen behalten konnte.

          Weitere Themen

          Der Kampf für Frauen tobt weiter Video-Seite öffnen

          Abtreibung in den USA : Der Kampf für Frauen tobt weiter

          In St. Louis überspannt eine Brücke den Mississippi, der die US-Bundesstaaten Missouri und Illinois trennt. In Missouri wurden Abtreibungen nach dem Urteil des Obersten US-Gerichts verboten, in Illinois sind sie erlaubt. Tausende Frauen werden die Brücke jetzt überqueren, um eine Abtreibung vorzunehmen.

          Wer löst das Taiwan-Paradox?

          Taiwan und China : Wer löst das Taiwan-Paradox?

          Während Peking mit Krieg droht, lassen die Bewohner der Insel die ethnonationalen Kategorien des Festlands immer weiter hinter sich. Nur noch fünf Prozent sehen sich heute als Chinesen.

          Topmeldungen

          Eine Flaggenzeremonie am Freitag in Hongkong

          25. Jahrestag der Rückgabe : Ein neuer Gesellschaftsvertrag für Hongkong

          Zum Jahrestag der Rückgabe an China ist Xi Jinping nach Hongkong gereist. Der Staatschef wünscht sich eine Jugend, die die Kommunistische Partei unterstützt – und freiwillig auf Freiheit verzichtet, wenn sich ihre Lebenssituation verbessert.
          Eine der großen Wärmepumpen von MAN Energy Solutions beim Test in Zürich.

          Grüne Energien : Deutschland baut die weltgrößte Wärmepumpe

          Knapp 400.000 Tonnen CO2 soll die Anlage der Projektpartner BASF und MAN Energy Solutions im Jahr sparen. Warum sich die Unternehmen darüber hinaus viel von dem Projekt erhoffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.