https://www.faz.net/-gum-z4sh

Hausunterricht-Verbot : „Wie in einer Diktatur“

  • -Aktualisiert am

Ausnahmegenehmigung nur für Schausteller und Schwerkranke

Anja und Norbert K. sagen, sie hätten sich schon frühzeitig nach Österreich abgesetzt, um den staatlichen Sanktionsmechanismen zu entgehen. Wer andere Fälle kennt, kann das ganz gut verstehen. Dagmar und Tilman Neubronner aus Bremen zum Beispiel wollten ihre beiden Söhne zunächst ganz offiziell zu Hause unterrichten. Ein Antrag auf Ausnahmegenehmigung, wie sie im Falle von Schaustellern oder Schwerkranken erteilt werden kann, wurde von der Bremer Schulbehörde allerdings abschlägig beschieden. Es folgten Zwangsgelder, die Neubronners klagten sich durch bis zum Oberverwaltungsgericht - ohne Erfolg. Als absehbar wurde, dass man ihnen das Sorgerecht für ihre Kinder entziehen würde, suchte ein Teil der Familie das Weite.

Inzwischen unterrichtet Tilman Neubronner seine Söhne in Südfrankreich; ein Gönner hat ihnen dort ein Haus zur Verfügung gestellt. Als Nächstes ist eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof geplant, weil Neubronner sich in seiner freien Berufsausübung behindert sieht: Der Verlag, den er gemeinsam mit seiner Frau betreibt, befindet sich nämlich weiterhin in Bremen. Noch ist nicht klar, ob sich die Luxemburger Richter des Falls überhaupt annehmen.

Tilman Neubronner ist kein Ideologe; er wettert nicht gegen das deutsche Schulsystem. Sondern ist nur davon überzeugt, dass seine Kinder im Selbstunterricht „mit mehr Freude forschen und lernen“. Diese Form des eigenverantwortlichen Wissenserwerbs sei später auch im Studium nützlich, wenn viele Schulabgänger erst mal hilflos dastehen. Dass ihnen die deutschen Behörden das Leben trotz hehrer Ziele und guter Lernerfolge der beiden Söhne so schwer machen, finden die Neubronners grotesk; sie nennen den Schulzwang deutscher Prägung „ein typisches Merkmal von Diktaturen“. Der Bildungsforscher Thomas Spiegler pflichtet ihnen im Prinzip bei: „Nach meinem Empfinden ist der Umgang mit der Schulpflicht in Deutschland nicht ganz gesund.“ Es werde bei uns zu stark auf die reine Anwesenheit der Schüler im Schulgebäude geachtet, pädagogische Fragen stünden dagegen im Hintergrund.

Papierkraniche am Berliner Kanzleramt

Am Donnerstag haben Mitglieder einer Freilerner-Initiative mehr als 4000 selbstgefaltete Papierkraniche am Berliner Kanzleramt übergeben, Anja K. war bei der Aktion dabei. Die Kraniche sollen die Hoffnung darauf symbolisieren, dass Eltern in Deutschland irgendwann „ihr vorrangiges Recht“ in Anspruch nehmen können, „die Art der Bildung zu wählen, die ihren Kindern zuteil werden soll“, wie es im beigefügten Manifest heißt. Allzu große Hoffnungen dürfen sich die Bildungs-Rebellen und Schulpflicht-Exilanten aber nicht machen, denn von einem Entgegenkommen kann keine Rede sein - weder auf Bundesebene noch bei den Kultusministerien der Länder.

Und das Bundesverfassungsgericht hat noch im Jahr 2003 unmissverständlich festgestellt, dass die Pflicht zum Schulbesuch „der Entstehung von religiös oder weltanschaulich motivierten Parallelgesellschaften“ entgegenwirke und dabei helfe, „Minderheiten auf diesem Gebiet zu integrieren“. Schön wär's.

Zahlen zum Homeschooling

Weil deutsche Homeschooler entweder ins Ausland gehen oder unentdeckt bleiben, existiert keine gesicherte Statistik. Schätzungen besagen, dass in Deutschland bis zu tausend Kinder von ihren Eltern unterrichtet werden und der Schule fernbleiben. Die meisten davon sind im Grundschulalter und werden später wahrscheinlich eine weiterführende Schule besuchen. In den Vereinigten Staaten gibt es rund 1,5 Millionen Homeschooling-Kinder, in Großbritannien immerhin 50.000. Einer Allensbach-Umfrage zufolge wird im Zeitalter von E-Learnig die Schule als Ort, an dem die Kinder soziale Kompetenzen erwerben, zunehmend in Frage gestellt. (mar.)

Weitere Themen

Kim und Trump in Japan Video-Seite öffnen

Achtung, Doppelgänger! : Kim und Trump in Japan

Vor dem G20-Gipfel in Osaka konnte ein kurioser Spaziergang von Kim Jong-un und Donald Trump beobachtet werden – doch dabei handelte es sich um Doppelgänger.

Topmeldungen

Istanbul nach den Wahlen : Erdogans Propaganda hat nicht geholfen

Die Niederlage bei der Wahl in Istanbul ist nicht nur für den Präsidenten ein Schlag, sondern auch für die ihm ergebene Presse. Rund um die Uhr sorgte sie für Aufruhr, jetzt fürchtet sie um ihre Pfründe.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.