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Hausunterricht-Verbot : „Wie in einer Diktatur“

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Gemeinsam in Museen und in die Natur

Aber es gibt eben auch eine andere Seite. Die Töchter der K.s wirken wie ganz normale Kinder, Antonia artikuliert sich sogar eher besser als andere Gleichaltrige. Und sie ist auf dem Laufenden, was den Schulstoff angeht. Denn in Österreich dürfen Eltern ihre Kinder zwar grundsätzlich zu Hause unterrichten, aber einmal im Jahr müssen sie an einer staatlichen Schule einen Leistungsnachweis erbringen. Wenn der in den Lehrplänen vorgesehene Stoff dann nicht präsent ist, kann der Staat den Schulbesuch erzwingen, wie das in Deutschland die Regel ist. Antonias Mutter sagt, sie würde mit ihren Töchtern höchstens eine Stunde am Tag den Schulstoff durcharbeiten. Besser gesagt: Sie würde ihnen dabei helfen, sich das entsprechende Wissen selbst zu erarbeiten, denn „ich bin kein Lehrer“. Aber mit den jährlichen Prüfungen hat es bisher trotzdem prima geklappt. „Die Kinder lernen ja auch im Alltag unheimlich viel“, sagt Anja K. Gemeinsam gingen sie oft in Museen, in die freie Natur - nicht von der Schule, von dem Leben lerne man. Außerdem gibt es ja Computer.

Der Computer steht bei den K.s im Flur, ein älteres Modell auf einem wackeligen Tisch. Es gibt CD-Roms mit Titeln wie „Lernspaß - Mathematik 4. Klasse“ oder „Ballonfahrer Oscar besucht die Tiere der Stadt“. Antonia bedient ein Programm, bei dem sie erkennen muss, ob die angezeigten Grundrisse einen Raumkörper ergeben. Tippt sie richtig, antwortet der PC: „Du hast recht, das ist ein Quadernetz.“ Kann der Computer die Schule ersetzen? Bei der Wissensvermittlung mit Sicherheit, aber Kritiker werden immer einwenden: Da bleibt die soziale Kompetenz auf der Strecke. Antonias Mutter widerspricht: Ihre Töchter hätten viel Kontakt zu Gleichaltrigen - beim Reiten, im Tanzkurs. Außerdem würden sich viele Homeschooling-Kinder untereinander besuchen. In der Gegend sind sie nicht die einzigen, Oberösterreich ist ein beliebtes Exil für Schulverweigerer aus Deutschland.

Gute Noten für Sozialkompetenz

Thomas Spiegler hat sich fünf Jahre lang mit Homeschooling befasst und darüber promoviert. Er ist inzwischen Dozent an der Theologischen Hochschule Friedensau und sieht die ganze Sache einigermaßen neutral - was auf diesem Terrain angesichts der verhärteten Fronten zwischen Gegnern und Befürwortern der Schulpflicht ziemlich selten ist. Bei den reformpädagogisch orientierten Homeschooling-Eltern hat er während seiner Recherchen zwar eine Tendenz zur „quasireligiösen Überhöhung des Kindes“ konstatiert. Aber das ist, wie so vieles andere auch, Privatsache. Von dem Argument, die Kinder würden durch Heimunterricht zu sozialen Außenseitern geformt, hält Spiegler jedenfalls wenig: „Wer als Homeschooler später auf eine Schule gewechselt ist, wurde in Sachen Sozialkompetenz von Mitschülern und Lehrern eigentlich durchweg positiv beurteilt.“ Ohnehin werde bei diesem Thema viel behauptet und wenig bewiesen, denn „es gibt im Prinzip keine seriösen wissenschaftlichen Studien“, die Fragen nach Erfolgen und Risiken von Homeschooling beantworten.

Umso erstaunlicher, mit welcher Vehemenz die Pflicht zum Schulbesuch in Deutschland vom Staat verteidigt wird. Kritiker weisen gern darauf hin, dass der Schulzwang eine Errungenschaft der Nationalsozialisten gewesen sei - was nicht ganz stimmt, weil er schon vorher existierte, aber tatsächlich erst seit 1938 strafbewehrt ist. In anderen Ländern kennt man, mit Ausnahme von Bulgarien, eine derart rigorose Fokussierung auf kollektives Lernen jedenfalls nicht; die mit Sanktionen belegte Verpflichtung zum Schulbesuch wurde denn auch von den ehemaligen Staaten des Warschauer Pakts zusammen mit dem Totalitarismus geflissentlich entsorgt.

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