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Häusliche Gewalt : Es kann sein, was nicht sein darf

Der Anlass für häusliche Gewalt ist oft völlig egal: Es geht um Macht und Kontrolle Bild:

Jede vierte Frau in Deutschland erleidet mindestens einmal im Leben körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner. Längst trifft es auch Frauen aus der Mittel- und Oberschicht. In diesen Kreisen ist das Thema jedoch besonders stark tabuisiert.

          6 Min.

          Doch nicht der Banker. Der Politiker. Der Schauspieler. Der Rechtsanwalt. Der Familientherapeut mit dem guten Ruf. Der renommierte Professor. Der erfolgreiche Arzt. Doch nicht der beliebteste Wettervorhersager des deutschen Fernsehens. Seit Jörg Kachelmann in Untersuchungshaft sitzt, weil er verdächtigt wird, seine ehemalige Lebensgefährtin vergewaltigt zu haben, lässt sich ein Mechanismus beobachten, der dazu beiträgt, dass sich eines der großen Tabus der Mittel- und Oberschicht so hartnäckig hält. Einige finden: Das ist doch so ein Netter; das kann man sich gar nicht vorstellen. Andere sagen: Da will sich eine rächen. Auf einer Fanseite bei Facebook ereifern sich Kachelmann-Unterstützer über die angebliche Diffamierung des Erfolgsunternehmers durch eine enttäuschte Intrigantin. Was nicht sein darf, kann nicht sein.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nur: Jede vierte Frau in Deutschland wird mindestens einmal in ihrem Leben Opfer körperlicher oder sexueller Misshandlungen durch ihren Partner. Das hat eine repräsentative Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums ermittelt, für die 2003 mehr als 10.000 Frauen im Alter von 16 bis 85 Jahren befragt wurden. Ausländerinnen und Flüchtlingsfrauen sind zwar noch stärker betroffen. Erfahrene Polizeibeamte berichten klischeegerecht, dass nächtliche Notfalleinsätze eher an soziale Brennpunkte führten als zur Vorstadtvilla. Aber die Dunkelfeldstudie widerlegt die gängige Vorstellung, eskalierende Beziehungsdramen seien das Privileg arbeitsloser Alkoholiker und anderer Unterschichtsfamilien. Häusliche Gewalt existiert quer durch alle Schichten, weder Bildung noch Status bieten Schutz. Die Autorin der Studie, Monika Schröttle von der Universität Bielefeld, sagt sogar: „Unter den Männern in Deutschland, die ihre Frauen schwer misshandeln, muss ein relativ hoher Anteil aus gesellschaftlichen Eliten sein.“ Von den schlimmsten Tätern besitze mehr als ein Drittel Abitur oder einen Hochschulabschluss. Zwei Drittel lebten in Haushalten mit mittlerem bis hohem Einkommen.

          Wachsendes Bewusstsein für Rechte

          Eigentlich ist in den vergangenen 15 Jahren viel passiert. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Polizei wegen sogenannter Familienstreitigkeiten ausrückte und die Allgemeinheit Prügel zwischen Eheleuten als Privatangelegenheit betrachtete. Die Politik hat das Thema entdeckt, Beraterinnen berichten, dass Hilfesuchende ein wachsendes Bewusstsein für ihre Rechte und bestehende Unterstützungsangebote haben. Das Gewaltschutzgesetz von 2002 hat die Position der Opfer grundlegend gestärkt, weil nach dem Prinzip „wer schlägt, muss gehen“ der gewalttätige Partner der gemeinsamen Wohnung verwiesen werden kann. Einem Aktionsplan der schwarz-roten Bundesregierung zufolge werden nach und nach alle niedergelassenen Ärzte geschult, um Verletzungen durch häusliche Gewalt besser zu diagnostizieren und gerichtsverwertbar zu dokumentieren.

          Hilfesuchenden kennen ihre Rechte: Die Polizei muss heute weniger oft bei Familienstreitigkeiten ausrücken als früher

          Auch bei der Polizei hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden, wie Martina Linke sagt, zuständige Sachgebietsleiterin beim Landeskriminalamt Berlin. Heute sei es selbstverständlich, dass in Fällen häuslicher Gewalt die Beteiligten getrennt vernommen und die Taten konsequent geahndet würden. Die Beamten wissen: Jedes abgebrochene Stuhlbein kann die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs sein; eine angezeigte Vergewaltigung ist nicht notwendigerweise die erste. „Häusliche Gewalt ist ein System“, sagt Kriminalhauptkommissarin Linke.

          Es geht um Macht und Kontrolle

          Es ist nämlich nicht so: Heute verliebt sie sich, morgen kommt die erste Ohrfeige, und dann währt das gemeinsame Grauen die nächsten zwei Jahrzehnte. Oder: Jahrelang geht alles gut, und plötzlich tickt einer aus. Häusliche Gewalt umfasst körperliche, sexuelle sowie psychische Misshandlungen, und in langjährigen Partnerschaften sind diese Formen oft verquickt. „Es ist in der Regel ein Prozess“, sagt Irma Leisle, Leiterin der „Big-Hotline“, des zentralen Berliner Beratungstelefons gegen häusliche Gewalt. Am Anfang hatte die Frau vielleicht das Gefühl, er trage sie auf Händen, die Freundinnen bestätigten, der Neue sei nett und sehe gut aus.

          Dass er sie regelmäßig zur Arbeit begleitete, fiel zunächst nicht unangenehm auf. Später konnte sie keine Veranstaltung mehr allein besuchen. Er war eifersüchtig, machte ihre Familie schlecht, verbot eigenständige Kontakte. Immer wieder hielt er ihr vor, sie sei dumm. Dann brüllte er sie an, weil er unterstellte, sie habe einem anderen hinterhergeschaut. Ihr Rock ist ihm zu kurz, ihre Bluse zu eng, der Kaffee lau, das Essen nicht pünktlich auf dem Tisch. Irgendwann haut er zu. „Der Anlass ist völlig egal“, sagt Leisle, „es geht um Macht und Kontrolle.“ Später entschuldigt er sich womöglich. Es gibt Blumen, vielleicht einen Wellnessgutschein oder Schmuck. Und das Versprechen, sich zu ändern.

          Es wird aber nicht besser. Je länger eine gewalttätige Beziehung dauert, umso häufiger und umso schwerer werden die Übergriffe, wie man aus Untersuchungen weiß. Und nie ist die Gefahr für Leib und Leben der Frau größer als im Moment der Trennung.

          Wenn aber ausnahmsweise eine Juristin eine Beratungs-Hotline wählt, weil ihr Mann sie anspuckt und vor den Kindern beschimpft, will sie unter keinen Umständen ins Frauenhaus - sie fürchtet um ihre Karriere. Eine Gymnasiallehrerin, die gedemütigt wird, fragt monatelang im Auftrag erfundener Freundinnen um Rat. Nur versehentlich kommt ihr Beruf zur Sprache.

          Ein wenig erforschtes Feld

          „In aller Regel wenden sich diese Frauen nicht an die Polizei oder das Hilfesystem“, sagt Kerstin Lefherz. Die Musikpädagogin ist 52 Jahre alt: eine zierliche, gepflegte Person mit goldblondem, nicht gefärbtem Haar und warmherzigem Lächeln. Im Café des Berliner Literaturhauses bestellt sie Weißweinschorle und einen Salat mit Parmaschinken. Vor anderthalb Jahren hat Kerstin Lefherz ein erstes interdisziplinäres Symposion gegen häusliche Gewalt in bildungsnahen Schichten veranstaltet. Die Klavierlehrerin und Kulturmanagerin hat bei dieser Gelegenheit öffentlich gemacht, dass sie selbst eine Geschichte familiärer Gewalt hinter sich hat. Mehr möchte sie dazu nicht sagen. Das Bedürfnis nach Privatheit sei auch bei Opfern häuslicher Gewalt zu respektieren. Trotzdem geht es ihr darum, den Blick auf ein wenig erforschtes Feld zu lenken, weil die Einsamkeit der Betroffenen die Aufarbeitung erschwert. Lefherz berichtet, wie sie selbst lange Zeit auf „Watte“ stieß, auf ein „seltsames Vakuum“, als sie nach Informationen und betroffenen Familien mit vergleichbarem Hintergrund suchte. Vereinzelt fand sie Sensationsmeldungen. Sonst nichts.

          Häusliche Gewalt ist immer schambesetzt. In der Mittel- und Oberschicht jedoch ist das Thema besonders stark tabuisiert. Familien, die in relativem Wohlstand leben, fürchten den gesellschaftlichen Absturz. „Frauen und Kindern drohen Stigmatisierung und Armut“, sagt Lefherz. „Wenn der Streifenwagen nachts vor der Arztpraxis hält, bleiben am nächsten Tag die Patienten weg. Die Kinder können sich nicht mehr auf dem altehrwürdigen Gymnasium blicken lassen. Die Rechtsanwältin, die abtauchen muss, muss sich später eine Kanzlei in einer anderen Stadt aufbauen.“ Am Ende begännen viele Frauen mit ihren Kindern völlig von vorn, an einem neuen Ort, fern des vertrauten Umfelds. „Ich kenne Frauen, die standen vor dem Nichts“, sagt Lefherz, der sich inzwischen einige Schicksalsgenossinnen anvertraut haben. Das Selbstbild der Frauen, aber auch die Außenwahrnehmung erhöhen den Druck: Die moderne, qualifizierte Mutter mit eigenem Einkommen hat schließlich ihr Leben im Griff. Die meisten Akademikerinnen verstehen sich als emanzipierte, starke Frauen. Wie soll so eine plötzlich Opfer sein?

          Je höher die Intelligenz, desto perfider die Gewaltausübung

          Es gibt Anzeichen, dass häusliche Gewalt in besseren Kreisen auch andere Formen annimmt. Nicht, dass es im Einfamilienhaus weniger brutal zuginge als in der Sozialwohnung. Schubsereien, Tritte, der Einsatz von Waffen und sexueller Zwang, Drohungen und Todesangst: das ganze Programm. Jeder Nasenbeinbruch wird vertuscht, auch um die seelischen Wunden besser auszuhalten. Aber Kriminalhauptkommissarin Martina Linke sagt: „Je höher der Intelligenzquotient eines Gewalttäters, desto perfider wird Gewalt ausgeübt.“ Nach außen bleiben die Familien unauffällig. Man feiert Feste und pflegt einen großen Freundeskreis. Aber Lefherz kennt Geschichten von Schränken und Schreibtischen, die plötzlich neue Schlösser hatten, von verschwundenen Aktenordnern und leergeräumten Bankkonten.

          Selbst nach der Trennung geht der Terror weiter. Spätestens im Gerichtssaal versuchen viele Täter, den Spieß umzudrehen. Wenn Männer sich von ihrer besten Seite inszenieren und ihr berufliches Ansehen in die Waagschale werfen, leidet die Glaubwürdigkeit der Frau. Oft haben die Männer abgebrühtere Anwälte. Im Zweifelsfall wird ein Gutachten bestellt, das die Klägerin zur überspannten Nervensäge macht. „Manipulation spielt eine Riesenrolle“, sagt Lefherz.

          Anzeigebereitschaft steigt

          Opfer häuslicher Gewalt neigen dazu, den Täter in Schutz zu nehmen und die Schuld bei sich selbst zu suchen. „Das ist so quer durch alle Schichten“, sagt Irma Leisle, Leiterin der „Big-Hotline“. Die Gesellschaft besorgt den Rest. Wenn eine Frau betrogen wird, sagen die Freundinnen: „So ein Schwein.“ Wird eine Frau geschlagen, fragen alle: „Was hast du getan?“ Mittelschichtsmütter sitzen an Krankenhausbetten und schütteln die Köpfe über bockige Töchter: „Du warst ja schon als Kind kompliziert.“ Wer sich nach jahrelangen Qualen trennt, bekommt zu hören: „Warum hast du dir das bloß so lang gefallen lassen?“

          Unabhängig vom Fall Kachelmann bleibt festzuhalten, dass die Anzeigebereitschaft bei häuslicher Gewalt generell steigt. Nach Erfahrung der Amtsanwaltschaft Frankfurt landet etwa ein Drittel der Ermittlungsverfahren vor Gericht. Obwohl nach wie vor viele Frauen von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machten, ende immerhin mehr als die Hälfte davon mit einer Sanktion. Beraterinnen ermutigen Betroffene deshalb, E-Mails zu sichern, Zeugen zu suchen und bei Verletzungen zum Arzt zu gehen. Was nicht sein darf, kann ja sein. Und vielleicht lässt es sich sogar beweisen.

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