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Häusliche Gewalt : Es kann sein, was nicht sein darf

Der Anlass für häusliche Gewalt ist oft völlig egal: Es geht um Macht und Kontrolle Bild:

Jede vierte Frau in Deutschland erleidet mindestens einmal im Leben körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner. Längst trifft es auch Frauen aus der Mittel- und Oberschicht. In diesen Kreisen ist das Thema jedoch besonders stark tabuisiert.

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          Doch nicht der Banker. Der Politiker. Der Schauspieler. Der Rechtsanwalt. Der Familientherapeut mit dem guten Ruf. Der renommierte Professor. Der erfolgreiche Arzt. Doch nicht der beliebteste Wettervorhersager des deutschen Fernsehens. Seit Jörg Kachelmann in Untersuchungshaft sitzt, weil er verdächtigt wird, seine ehemalige Lebensgefährtin vergewaltigt zu haben, lässt sich ein Mechanismus beobachten, der dazu beiträgt, dass sich eines der großen Tabus der Mittel- und Oberschicht so hartnäckig hält. Einige finden: Das ist doch so ein Netter; das kann man sich gar nicht vorstellen. Andere sagen: Da will sich eine rächen. Auf einer Fanseite bei Facebook ereifern sich Kachelmann-Unterstützer über die angebliche Diffamierung des Erfolgsunternehmers durch eine enttäuschte Intrigantin. Was nicht sein darf, kann nicht sein.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nur: Jede vierte Frau in Deutschland wird mindestens einmal in ihrem Leben Opfer körperlicher oder sexueller Misshandlungen durch ihren Partner. Das hat eine repräsentative Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums ermittelt, für die 2003 mehr als 10.000 Frauen im Alter von 16 bis 85 Jahren befragt wurden. Ausländerinnen und Flüchtlingsfrauen sind zwar noch stärker betroffen. Erfahrene Polizeibeamte berichten klischeegerecht, dass nächtliche Notfalleinsätze eher an soziale Brennpunkte führten als zur Vorstadtvilla. Aber die Dunkelfeldstudie widerlegt die gängige Vorstellung, eskalierende Beziehungsdramen seien das Privileg arbeitsloser Alkoholiker und anderer Unterschichtsfamilien. Häusliche Gewalt existiert quer durch alle Schichten, weder Bildung noch Status bieten Schutz. Die Autorin der Studie, Monika Schröttle von der Universität Bielefeld, sagt sogar: „Unter den Männern in Deutschland, die ihre Frauen schwer misshandeln, muss ein relativ hoher Anteil aus gesellschaftlichen Eliten sein.“ Von den schlimmsten Tätern besitze mehr als ein Drittel Abitur oder einen Hochschulabschluss. Zwei Drittel lebten in Haushalten mit mittlerem bis hohem Einkommen.

          Wachsendes Bewusstsein für Rechte

          Eigentlich ist in den vergangenen 15 Jahren viel passiert. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Polizei wegen sogenannter Familienstreitigkeiten ausrückte und die Allgemeinheit Prügel zwischen Eheleuten als Privatangelegenheit betrachtete. Die Politik hat das Thema entdeckt, Beraterinnen berichten, dass Hilfesuchende ein wachsendes Bewusstsein für ihre Rechte und bestehende Unterstützungsangebote haben. Das Gewaltschutzgesetz von 2002 hat die Position der Opfer grundlegend gestärkt, weil nach dem Prinzip „wer schlägt, muss gehen“ der gewalttätige Partner der gemeinsamen Wohnung verwiesen werden kann. Einem Aktionsplan der schwarz-roten Bundesregierung zufolge werden nach und nach alle niedergelassenen Ärzte geschult, um Verletzungen durch häusliche Gewalt besser zu diagnostizieren und gerichtsverwertbar zu dokumentieren.

          Hilfesuchenden kennen ihre Rechte: Die Polizei muss heute weniger oft bei Familienstreitigkeiten ausrücken als früher

          Auch bei der Polizei hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden, wie Martina Linke sagt, zuständige Sachgebietsleiterin beim Landeskriminalamt Berlin. Heute sei es selbstverständlich, dass in Fällen häuslicher Gewalt die Beteiligten getrennt vernommen und die Taten konsequent geahndet würden. Die Beamten wissen: Jedes abgebrochene Stuhlbein kann die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs sein; eine angezeigte Vergewaltigung ist nicht notwendigerweise die erste. „Häusliche Gewalt ist ein System“, sagt Kriminalhauptkommissarin Linke.

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