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Häusliche Gewalt : Es kann sein, was nicht sein darf

Häusliche Gewalt ist immer schambesetzt. In der Mittel- und Oberschicht jedoch ist das Thema besonders stark tabuisiert. Familien, die in relativem Wohlstand leben, fürchten den gesellschaftlichen Absturz. „Frauen und Kindern drohen Stigmatisierung und Armut“, sagt Lefherz. „Wenn der Streifenwagen nachts vor der Arztpraxis hält, bleiben am nächsten Tag die Patienten weg. Die Kinder können sich nicht mehr auf dem altehrwürdigen Gymnasium blicken lassen. Die Rechtsanwältin, die abtauchen muss, muss sich später eine Kanzlei in einer anderen Stadt aufbauen.“ Am Ende begännen viele Frauen mit ihren Kindern völlig von vorn, an einem neuen Ort, fern des vertrauten Umfelds. „Ich kenne Frauen, die standen vor dem Nichts“, sagt Lefherz, der sich inzwischen einige Schicksalsgenossinnen anvertraut haben. Das Selbstbild der Frauen, aber auch die Außenwahrnehmung erhöhen den Druck: Die moderne, qualifizierte Mutter mit eigenem Einkommen hat schließlich ihr Leben im Griff. Die meisten Akademikerinnen verstehen sich als emanzipierte, starke Frauen. Wie soll so eine plötzlich Opfer sein?

Je höher die Intelligenz, desto perfider die Gewaltausübung

Es gibt Anzeichen, dass häusliche Gewalt in besseren Kreisen auch andere Formen annimmt. Nicht, dass es im Einfamilienhaus weniger brutal zuginge als in der Sozialwohnung. Schubsereien, Tritte, der Einsatz von Waffen und sexueller Zwang, Drohungen und Todesangst: das ganze Programm. Jeder Nasenbeinbruch wird vertuscht, auch um die seelischen Wunden besser auszuhalten. Aber Kriminalhauptkommissarin Martina Linke sagt: „Je höher der Intelligenzquotient eines Gewalttäters, desto perfider wird Gewalt ausgeübt.“ Nach außen bleiben die Familien unauffällig. Man feiert Feste und pflegt einen großen Freundeskreis. Aber Lefherz kennt Geschichten von Schränken und Schreibtischen, die plötzlich neue Schlösser hatten, von verschwundenen Aktenordnern und leergeräumten Bankkonten.

Selbst nach der Trennung geht der Terror weiter. Spätestens im Gerichtssaal versuchen viele Täter, den Spieß umzudrehen. Wenn Männer sich von ihrer besten Seite inszenieren und ihr berufliches Ansehen in die Waagschale werfen, leidet die Glaubwürdigkeit der Frau. Oft haben die Männer abgebrühtere Anwälte. Im Zweifelsfall wird ein Gutachten bestellt, das die Klägerin zur überspannten Nervensäge macht. „Manipulation spielt eine Riesenrolle“, sagt Lefherz.

Anzeigebereitschaft steigt

Opfer häuslicher Gewalt neigen dazu, den Täter in Schutz zu nehmen und die Schuld bei sich selbst zu suchen. „Das ist so quer durch alle Schichten“, sagt Irma Leisle, Leiterin der „Big-Hotline“. Die Gesellschaft besorgt den Rest. Wenn eine Frau betrogen wird, sagen die Freundinnen: „So ein Schwein.“ Wird eine Frau geschlagen, fragen alle: „Was hast du getan?“ Mittelschichtsmütter sitzen an Krankenhausbetten und schütteln die Köpfe über bockige Töchter: „Du warst ja schon als Kind kompliziert.“ Wer sich nach jahrelangen Qualen trennt, bekommt zu hören: „Warum hast du dir das bloß so lang gefallen lassen?“

Unabhängig vom Fall Kachelmann bleibt festzuhalten, dass die Anzeigebereitschaft bei häuslicher Gewalt generell steigt. Nach Erfahrung der Amtsanwaltschaft Frankfurt landet etwa ein Drittel der Ermittlungsverfahren vor Gericht. Obwohl nach wie vor viele Frauen von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machten, ende immerhin mehr als die Hälfte davon mit einer Sanktion. Beraterinnen ermutigen Betroffene deshalb, E-Mails zu sichern, Zeugen zu suchen und bei Verletzungen zum Arzt zu gehen. Was nicht sein darf, kann ja sein. Und vielleicht lässt es sich sogar beweisen.

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