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Häusliche Gewalt : Es kann sein, was nicht sein darf

Es geht um Macht und Kontrolle

Es ist nämlich nicht so: Heute verliebt sie sich, morgen kommt die erste Ohrfeige, und dann währt das gemeinsame Grauen die nächsten zwei Jahrzehnte. Oder: Jahrelang geht alles gut, und plötzlich tickt einer aus. Häusliche Gewalt umfasst körperliche, sexuelle sowie psychische Misshandlungen, und in langjährigen Partnerschaften sind diese Formen oft verquickt. „Es ist in der Regel ein Prozess“, sagt Irma Leisle, Leiterin der „Big-Hotline“, des zentralen Berliner Beratungstelefons gegen häusliche Gewalt. Am Anfang hatte die Frau vielleicht das Gefühl, er trage sie auf Händen, die Freundinnen bestätigten, der Neue sei nett und sehe gut aus.

Dass er sie regelmäßig zur Arbeit begleitete, fiel zunächst nicht unangenehm auf. Später konnte sie keine Veranstaltung mehr allein besuchen. Er war eifersüchtig, machte ihre Familie schlecht, verbot eigenständige Kontakte. Immer wieder hielt er ihr vor, sie sei dumm. Dann brüllte er sie an, weil er unterstellte, sie habe einem anderen hinterhergeschaut. Ihr Rock ist ihm zu kurz, ihre Bluse zu eng, der Kaffee lau, das Essen nicht pünktlich auf dem Tisch. Irgendwann haut er zu. „Der Anlass ist völlig egal“, sagt Leisle, „es geht um Macht und Kontrolle.“ Später entschuldigt er sich womöglich. Es gibt Blumen, vielleicht einen Wellnessgutschein oder Schmuck. Und das Versprechen, sich zu ändern.

Es wird aber nicht besser. Je länger eine gewalttätige Beziehung dauert, umso häufiger und umso schwerer werden die Übergriffe, wie man aus Untersuchungen weiß. Und nie ist die Gefahr für Leib und Leben der Frau größer als im Moment der Trennung.

Wenn aber ausnahmsweise eine Juristin eine Beratungs-Hotline wählt, weil ihr Mann sie anspuckt und vor den Kindern beschimpft, will sie unter keinen Umständen ins Frauenhaus - sie fürchtet um ihre Karriere. Eine Gymnasiallehrerin, die gedemütigt wird, fragt monatelang im Auftrag erfundener Freundinnen um Rat. Nur versehentlich kommt ihr Beruf zur Sprache.

Ein wenig erforschtes Feld

„In aller Regel wenden sich diese Frauen nicht an die Polizei oder das Hilfesystem“, sagt Kerstin Lefherz. Die Musikpädagogin ist 52 Jahre alt: eine zierliche, gepflegte Person mit goldblondem, nicht gefärbtem Haar und warmherzigem Lächeln. Im Café des Berliner Literaturhauses bestellt sie Weißweinschorle und einen Salat mit Parmaschinken. Vor anderthalb Jahren hat Kerstin Lefherz ein erstes interdisziplinäres Symposion gegen häusliche Gewalt in bildungsnahen Schichten veranstaltet. Die Klavierlehrerin und Kulturmanagerin hat bei dieser Gelegenheit öffentlich gemacht, dass sie selbst eine Geschichte familiärer Gewalt hinter sich hat. Mehr möchte sie dazu nicht sagen. Das Bedürfnis nach Privatheit sei auch bei Opfern häuslicher Gewalt zu respektieren. Trotzdem geht es ihr darum, den Blick auf ein wenig erforschtes Feld zu lenken, weil die Einsamkeit der Betroffenen die Aufarbeitung erschwert. Lefherz berichtet, wie sie selbst lange Zeit auf „Watte“ stieß, auf ein „seltsames Vakuum“, als sie nach Informationen und betroffenen Familien mit vergleichbarem Hintergrund suchte. Vereinzelt fand sie Sensationsmeldungen. Sonst nichts.

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